Acht Beine, drei Jahre Unglück und zehn Stück Stoff

Mangels erzählenswerter Grossereignisse wird dieser Artikel ein Sammelsurium von Klein-Anekdoten sein. Natürlich bedeutet das nicht, dass mein Leben hier bereits langweilig geworden wäre (nur schon der Gedanke ist ausserirdisch!), nein. Allerdings war diese Woche relativ studienintensiv, und obwohl ich mit Hausaufgaben und Aufsätzen Stunden verbringe, will ich euch damit gewiss nicht langweilen.

Wie viel spannender ist da mein erstes, tödlich endendes Aufeinandertreffen mit einer waschechten ausgewachsenen Spinne. Da ich jetzt bei voller Gesundheit hier sitze und schreibe, wisst ihr natürlich schon, wie der Kampf ausging, was ihm allerdings nichts an Spannung nimmt. Zumal die Verhältnisse ausserordentlich ungleich waren: Ich hatte nämlich sehr viel Angst, die Spinne hingegen überhaupt keine (jedenfalls war nichts dergleichen ersichtlich). Ausserdem konnte sie sowohl Wände und Decke begehen, als auch unangenehm hoch und weit springen, während meine einzigen Waffen ein ziemlich sprühschwaches Raumspray und eine Fliegenklatsche waren – beide waren leider für einen Fernkampf ungeeignet, so dass ich mich der Spinne bis auf Sprungreichweite nähern musste. Nur der Gedanke daran, was dieses bewegungsfreudige Exemplar des nachts alles anstellen könnte, während ich hilflos schlafen würde, brachte mir die nötige Entschlossenheit, loszusprühen. Dummerweise zeigte sich die Spinne nicht im geringsten beeindruckt, also blieb mir nur, näher heranzurücken und sie komplett einzunebeln. Eigentlich hatte ich gehofft, sie würde vom Spray paralysiert oder von mir aus klebrig werden, aber soviel Glück hatte ich nicht. Ein kurzes Nachsprühen später, und schon landete das Vieh auf dem Boden, wo ein kräftiger Klatschenhieb ihr furchteinflössendes Dasein beendete.

Als nächstes folgt nur noch Schönes. Am Samstag vor einer Woche besuchte ich mit einigen Freunden den Yoyogi-Park, eine der grössten Grünanlagen im Zentrum Tokyos. Mitten darin befindet sich der bekannte Meiji-Schrein, ebenfalls von beeindruckender Grösse. Den breiten Weg unter dem ersten wuchtigen Holztor (dem grössten Japans) hindurch, säumen hohe Bäume und unter anderem auch diese beeindruckende Sammlung von – nicht etwa Laternen, sondern – Sakebehältern. Wieder einmal hatten wir uns einen guten Tag ausgesucht, denn es waren viele Familien unterwegs zum Schrein. Der Anlass: das Shichi-Go-San Matsuri (zu deutsch „7-5-3 Fest“), an dem jeweils die 7-, 5-, und 3-jährigen Kinder in hübsche Kimonos gesteckt und zu einem Schrein begleitet werden, wo man um Schutz vor Unglück für die Kinder bittet. Die besagten Jahre gelten nämlich als besonders Unglück bringend. Allerdings muss man anfügen, dass man sich in Japan Unglück auch äusserst leicht einfangen kann – zum Beispiel wenn man beim Betreten eines Schreins die Stufe in der Mitte betritt, anstatt grosszügig über sie hinwegzuschreiten. Dank der präventiven Instruktion unserer kompetenten japanischen Freunde blieb uns dieses Malheur glücklicherweise erspart. Für Touristen ist das Shichi-Go-San natürlich eine wilkommene Gelegenheit, ein wenig kulturell-“traditionelles“ Japan live mitzuerleben (und unauffällig tolle Fotos zu schiessen). Der Sensation noch nicht genug, wurden wir auch noch Zeugen einer japanischen Hochzeit im traditionellen Stil. Dabei trägt die Braut einen wunderschönen weissen Kimono, und auf dem Kopf eine grosse Haube. Für uns eigentümlich anzusehen, hat das Ganze meiner Meinung nach aber dennoch absolut Stil.

Von all diesen farbenfrohen Kimonos inspiriert, kriegt man tatsächlich Lust, das Tragen selbst einmal auszuprobieren. Und heute war es bei mir das erste Mal so weit. Wir gingen nämlich zu unserer zweiten Tanzstunde, und diesmal dauerte das Ganze geschlagene drei Stunden, wobei bestimmt die Hälfte der Zeit für Ankleiden draufging. Zwar trugen wir ‘bloss’ eine Yukata, und keinen Kimono, doch auch das Anziehen dieses etwas leichteren, normalerweise nur im Sommer getragenen Kleidungsstücks ist eine echte Herausforderung. Zuerst einmal schlüpft man in einfache kurze, weisse Hosen und eine ebensolche Tunika. Alles wird mit einem weissen Band befestigt. Dann folgt bereits die Yukata, in meinem Fall eine hellblaue mit Blumenmuster (man konnte zum Glück nicht auswählen, sonst wären wir wahrscheinlich nie fertig geworden). Diese muss unbedingt (!) links über rechts getragen werden (also vorne zuerst die rechte Seite links um den Körper schlingen und dann mit der linken Seite überlappen); andersrum wird es nur bei Toten gemacht. (Man könnte die Japaner bestimmt ausserordentlich schockieren wenn man sich mit einer falsch gewickelten Yukata in die U-Bahn begäbe – aber warum sollte man auch so etwas tun wollen). Auch dieses Wickelwerk wird wieder mit einem Band befestigt, und dann kommt die eigentliche Schikane: der Obi (das breite Tuch um die Bauchgegend). Das über zwei Meter lange dicke Stück Stoff wird erstmal kompliziert gefaltet, dann zweimal um die Taille gewickelt und in einer hübschen Masche verknotet. Klingt sehr viel leichter als es ist, aber nach geraumer Zeit hatten es alle irgendwie geschafft. Der Raum von ursprünglich ordinären Mädchen hatte sich nun in ein fröhliches Farbenspiel gewandelt, und alle sahen gleich viel hübscher aus. Und obwohl es strengstens verboten war, Fotos zu machen, riskierten wir alles, um ein Foto zu ergattern. (Die ganze Yukata besteht übrigens aus zehn verschiedenen Kleidungsstücken- die Unterwäsche nicht mitgezählt.)


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