«Irgendwie erfüllen wir die Klischees trotzdem»

Ein Interview mit Andri Silberschmidt, dem Präsidenten der Jungfreisinnigen, über Firmengründungen und Lebensqualität. Andri arbeitet zurzeit bei einer Bank und betreibt nebenbei sein neues Restaurant «Kaisin»

Du arbeitest als Fondsmanager bei einer Bank und verantwortest einen Aktienfonds, der in Entwicklungsländer investiert. Interessieren dich diese Länder auch persönlich?

Ja, ich war bereits in China, Thailand und Mexiko. Vor allem die südostasiatischen Länder werden meiner Meinung nach in Zukunft noch viel wichtiger. Es wäre sicherlich auch interessant, dort zu arbeiten.

Wäre das etwas, das du in Zukunft
noch machen möchtest?

Wieso nicht? Momentan ist das mit meinem politischen Engagement nicht vereinbar. Ich würde jedoch sehr gerne einmal im Leben meine Komfortzone verlassen und alles hinter mir lassen, um ein paar Jahre in einem fremden Land zu arbeiten.

Du bist im Moment sehr viel in den Medien. Wie wichtig ist dir Popularität?

Man sollte sich nicht wegen der Popularität engagieren. Wenn du aber mit deinen Inhalten überzeugen möchtest, dann musst du an die Medien herantreten, um deine Message zu verbreiten. Mein Netzwerk in den sozialen Medien ist noch nicht so gross, dass ich einfach etwas tweeten kann und es von allen aufgenommen wird. Wir machen jedoch keine Nonsens-Aktion wie etwa uns auszuziehen, um in die Medien zu kommen.

Hast du überhaupt noch Freizeit und wenn ja, was machst du gerne?

Wenig. Ich bin sehr selten alleine. Falls ich doch Zeit habe, treffe ich mich meistens mit meiner Freundin oder Kollegen. Im Moment habe ich aber extrem viel zu tun. Die letzten Wochen hatte ich jeden Abend einen Event.

Siehst du dich als Vorbild für junge Schweizerinnen und Schweizer?

Wenn, dann vielleicht als Inspiration. Man sollte nicht versuchen, gleich wie jemand anderes zu sein. Ich versuche den Jüngeren etwas mitzugeben. Heute bin ich zum Beispiel an der Berufsmesse, um Sekundarschülern bei den Bewerbungen für Lehrstellen zu helfen. Als ich mit 15 das Gymnasium abgebrochen habe, wollte ich nicht auf meine Eltern oder Sozialarbeiter hören und hätte mir stattdessen jemanden Junges gewünscht, der mir bei der Wahl der Lehrstelle hätte helfen können.
Vor etwa einem Jahr hast du ein Unternehmen gegründet.

Hast du das gemacht, um deine liberalen und unternehmerischen Ideale vorzuleben und den Jungen zu zeigen, dass es möglich ist, ein Unternehmen zu gründen?

Wir kamen auf die Idee dieses Restaurant zu gründen, als wir in Thailand Sushi-Burritos gegessen haben. Wir wollten dieses Produkt in die Schweiz bringen. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, denn so konnte ich extrem viel lernen. Dieses Wissen kann ich in der Politik einbringen. Die meisten Politiker wissen nur vom Hörensagen, was es braucht, um eine Firma zu gründen. Der administrative Aufwand ist extrem gross und für jemanden, der keinen BWL-Hintergrund hat, kann das sehr kompliziert werden. Das sollte nicht sein.

Was sollte die Politik denn tun, um dies zu vereinfachen?

Mein Ziel ist es, dass man papierlos ein Unternehmen gründen kann. Wir sind auf dem richtigen Weg: mit eID oder easygov.swiss zum Beispiel. Für mich ist das sehr spannend, weil ich es direkt als Unternehmer austesten kann. Es ist aber nicht nur die Verwaltung, die sich ändern muss, auch Banken und Notariate arbeiten noch viel zu langsam.

Wie wichtig sind Start-ups für die Innovation in der Schweiz. Findest du, dass sie gefördert werden sollten?

Ich bin dagegen, dass man irgendein Start-up-Gesetz schreibt oder Branchenförderung betreibt. Die Schweiz ist gut damit gefahren, Grundlagenforschung zu unterstützen, aber die Anwendung den Unternehmern zu überlassen. Wir brauchen jedoch mehr Risikogeist in der Schweiz. Ich sehe ein, dass es für Studienabgänger naheliegender ist, ein Unternehmen zu gründen, weil es für sie einfach ist, einen gut bezahlten Job zu finden. Ich glaube aber nicht, dass es uns schlechter gehen muss, damit wir innovativer werden. Die Politik muss ihre Einstellung zur Digitalisierung ändern. Heute ist zum Beispiel Digital Day und das Parlament diskutiert über Netzsperren, Einschränkungen von Booking.com und ein neues Überwachungsgesetz. Die Wertschöpfung des neuen digitalen Business fliesst grösstenteils in die USA. Wir haben ein Interesse daran, dass die Techfirmen der Zukunft in der Schweiz gegründet werden. Wenn wir aber Signale wie das mit den Netzsperren aussenden, denkt jeder Unternehmer zweimal darüber nach, ob er seinen Standort in der Schweiz haben will.
Von linker Seite werdet ihr Jungfreisinnige oft als Turbokapitalisten verschrien.

Was ist für dich Lebensqualität? Geht es einfach darum viel Geld zu haben?

Klar muss man eine gewisse Menge an Geld haben, um durchs Leben zu kommen. Als Unternehmer zum Beispiel hat man jedoch auch eine andere Erfüllung. Es ist ein geniales Gefühl, wenn man ein Produkt schafft, welches anderen Leuten gefällt und man dann mit diesem Geld auch noch Mitarbeitern Löhne auszahlen kann. Die Linken stellen sich immer vor, wie jeder Unternehmer seine Angestellten ausbeutet, aber gerade in der Gastronomiebranche kann man sich so nicht verhalten, da sich das negativ auf die Stimmung der Angestellten auswirkt, was dann zu einer schlechteren Interaktion mit den Kunden führt.

In einem Präsichat im Blick am Abend hat dich Tamara Funiciello kritisiert, dass Unternehmensgründung nur etwas für Reiche ist. Bist du einfach nur reich genug, um eine Firma zu gründen?

Eine GmbH zu gründen kostet etwa 1 500 Franken. Wir besitzen die Firma zu fünft, das sind 300 Franken pro Person. Es ist wichtig, dass dies auch so bleibt. Man braucht einfach eine gute Idee. Ich frage mich, warum die SP, wenn sie immer alles besser weiss, nicht selbst ein Unternehmen mit einem besseren Businessmodell gründet.

Um noch einmal auf die Frage der Lebensqualität zurückzukommen: Könnten wir uns als reiche Schweizer nicht mehr Ferien oder weniger Arbeitszeit leisten?

Uns geht es im Durchschnitt sehr gut, aber wir haben auch ein Armutsrisiko – zum Beispiel bei alleinerziehenden Müttern. Es gibt viele Schweizer, die sehr viel arbeiten und bei denen trotzdem wenig Geld übrigbleibt. Das darf nicht vergessen gehen. Bezüglich mehr Ferien gibt es viele Unternehmen, die dies jetzt schon als zusätzlichen Anreiz anbieten, aber das ist etwas, was meiner Meinung nach die Sozialpartner verhandeln sollten. Die Gewerkschaften sind jedoch im letzten Jahrhundert stehen geblieben und haben immer noch die Vorstellung, dass die Arbeitsverhältnisse wie in den Fabriken sind. Gewisse Arbeitnehmer hätten vielleicht gerne mehr Ferien, andere würden lieber ihre Zeit flexibler einteilen.

Tragen Beschlüsse wie «Ehe für alle» oder die Drogenlegalisierung nicht auch zu einer Verbesserung der Lebensqualität bei?

Natürlich! Die Frage ist einfach, was dringender ist. Bei der Ehe für alle stimme ich sofort zu. Ob Hanf legal ist, hat nicht so einen grossen Einfluss, da es bereits entkriminalisiert worden ist. Wenn wir aber beispielsweise unser Internet abschotten und einen riesigen Überwachungsapparat einrichten, dann ist das für die freie Gesellschaft ein weit grösserer Einschnitt als ein Joint, den man nicht rauchen darf, es aber trotzdem tut.

Die rechte Seite kritisiert an den Liberalen ihre offene Haltung gegenüber der EU und der Zuwanderung. Sie fordern mehr Besinnung auf
Tradition und heimische Kultur. Sind dir diese Werte egal oder müssen wir
sie beschützen?

Grundsätzlich mag ich Traditionen. Ich bin auch oft an 1.-August-Feiern. Ich finde jedoch, dass das etwas ist, was nicht der Staat bewahren muss, sondern wir als Gesellschaft leben müssen. Wir alle können zeigen, dass diese Traditionen und unsere Kultur etwas Schönes sind. Diese Idee, dass man eine Kultur bewahren muss, sollte nicht gesetzlich vorgeschrieben werden müssen. Unsere Vergangenheit ist die Basis, aber wir müssen uns weiterentwickeln. Andererseits frage ich mich auch, ob Kultur einfach bei der Landesgrenze wechselt. Die Schweiz ist so heterogen, dass man nicht von einer Kultur reden kann. Zudem sind neue Einflüsse nicht per se schlecht, sondern einfach Ergänzungen.

Ihr Jungfreisinnige seid Initianten der No-Billag-Initiative. Braucht es keinen Service Public, um die Kultur der Schweiz zu fördern?

Uns stört einfach die Arroganz der SRG. Sie haben in den letzten Jahren keinen Versuch unterlassen, private Anbieter aus dem Markt zu drängen. Ich persönlich könnte mit einer abgespeckten Version der SRG leben. Wenn ich aber zwischen einem Service Public, der 1,2 Millarden Franken kostet, und einer freien Medienwelt wählen kann, entscheide ich mich klar für die freie Medienwelt. Wir brauchen die SRG nicht, um irgendein gemeinsames Bild der Schweiz zu kreieren. Jeder, der mal zwei Wochen in der Romandie gelebt hat, hat mehr Verständnis für die Westschweiz, als jemand, der sein ganzes Leben SRF geschaut hat. Hätte die SRG vor einigen Jahren einen klaren Auftrag und Preis für einen Service Public definiert, wäre es nie zu dieser Abstimmung gekommen. Die Gebühr wäre etwa 200 Franken und die SRG würde sich um Kultur, Nachrichten und ein bisschen Sport kümmern. Jetzt ist daraus aber ein riesiger Konzern geworden und wir zahlen mit Abstand am meisten im europäischen Vergleich.

Ist eine klassische Partei wie die FDP noch zeitgemäss, wenn man sich Organisationen und Bewegungen wie Foraus oder Operation Libero ansieht?

Klar müssen auch wir mit der Zeit gehen, vor allem bei den Kampagnen. Wir haben jedoch jedes Jahr 10 Prozent Neumitglieder. Das zeigt, dass wir etwas richtig machen. Es braucht Organisationen wie Operation Libero, aber sie können nicht die gleichen Aufgaben übernehmen wie klassische Parteien. Sie beschränken sich meistens auf wenige Themen. Zudem findet Politik vor allem in den Kantons- und Gemeinderäten statt. Es geht nicht nur darum, auf Facebook ein paar schöne Posts zu schreiben, sondern auch um die Knochenarbeit in einer Rechnungsprüfungs-
kommission zu machen.

Du kandidierst für den Gemeinderat in Zürich. Warum?

Ich habe viel in der Partei gemacht, hätte jetzt aber gern mal ein öffentliches Amt. Vor allem gibt es in der Stadt Zürich viele Themen, die mich interessieren. Einerseits hätte ich dann mit nationalen Themen wie Altersvorsoge und Digitalisierung und andererseits mit lokalen Themen, bei denen dann alles in Verordnungen umgesetzt werden kann, zu tun. Beispielsweise Zwischennutzungen oder papierloses Gründen einer Firma.

Was hältst du von der HSG und warum hast du nicht hier studiert?

Ich studiere nicht an einer Schweizer Uni, weil ich mich für ein Teilzeitstudium entschieden habe und die CASS Business School diese Bedürfnisse abdeckt. Ich glaube aber, dass die HSG eine ausgezeichnete Universität ist. Sie hat ihre Vorurteile und Klischees, genau wie die Jungfreisinnigen. Irgendwie stimmen sie nicht, aber irgendwie erfüllen wir sie trotzdem. Damit muss man leben können.

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