1:12 – alles nur eine Frage der Zukunftsvision?

In nur zwei Wochen fällt die Schweiz einen historischen Entscheid: Soll das Lohngefüge der Firmen im sonst so liberalen Schweizer Arbeitsmarkt auf ein Verhältnis von 1:12 gedeckelt werden? Ein Kommentar.

Eigentlich ist der Gedanke ziemlich verlockend: Innerhalb eines Unternehmens soll niemand weniger als einen Monat arbeiten müssen, um gleich viel zu verdienen wie der Angestellte mit dem tiefsten Lohn in einem Jahr. Was auf den ersten Blick sympathisch daherkommt, ist tatsächlich ein höchst komplexes Unterfangen mit ungewissen Konsequenzen. Von diesen betroffen sind laut einer Studie der ETH-Konjunkturforschungsstelle rund 4’400 Spitzenverdiener in 1’200 Schweizer Unternehmen – beziehungsweise auch jene 190’000 Menschen, deren Lohn mehr als 12 Mal kleiner ist als der ihres Chefs. Die persönliche Abstimmungshaltung hängt wohl nicht zuletzt davon ab, welches Zukunftsszenario man bei einer Annahme der Initiative erwartet.

Die Idealisten

Gehen wir vorerst davon aus, dass nicht nur bei den Gehältern der Bestverdiener Abstriche gemacht, sondern auch die tiefsten Löhne in den Unternehmen angehoben werden: Wenn man sich quasi (einen gut schweizerischen Kompromiss eingehend) in der Mitte trifft, um das Lohnverhältnis von 1:12 umzusetzen, kann man zum Schluss kommen, dass weder bei der AHV noch bei der Arbeitslosenversicherung oder den Steuereinnahmen ein finanzielles Loch entsteht. Stattdessen würde eine andere Lücke verkleinert: Die Lohnschere in der Schweiz lag im Jahr 2012 laut einer Studie der Unia bei 1:135. Die Gewerkschaft geht davon aus, dass die 1:12-Initiative dieses Verhältnis mildert. Gerechtere Löhne würden die Schweizer glücklicher machen, selbst wenn sich der Fachkräftemangel kurzfristig etwas verschärft. Immerhin gibt es ständig neue Universitätsabgänger, die diesem Mangel entgegenwirken können: uns – die Generation Y, welche (Gerüchten zu Folge) ein sozial erfülltes und ausgeglichenes Leben exorbitanten Gehältern vorzieht.

Die Unheilspropheten

Gehen wir nun (wie die Mehrheit in Bern) davon aus, dass bei einem Erfolg der Initiative ausschliesslich die oberen Lohnsegmente angepasst werden und die kompetentesten Leute die Schweiz verlassen: In diesem Fall fehlten laut Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann 600 Millionen Franken in der Staatskasse. Die Einbussen bei Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen sind insbesondere dann drastisch, wenn man auch den Abwanderungsdrohungen von Persönlichkeiten wie Glencore-Chef Ivan Glasenberg Glauben schenkt. Den finanziellen Ausfall müssten wohl der Mittelstand und die KMU über höhere Steuern und Abgaben kompensieren. Durch die Schwächung des Wirtschaftsstandorts würde sich auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern: Stellen würden gestrichen oder ins Ausland verlagert und jene Unternehmer, die trotz 1:12 in der Schweiz bleiben, würden versuchen, die Initiative zu umgehen – mit dem Resultat eines erheblichen administrativen Mehraufwandes.

Der Abstimmungsausgang – eine Frage des Optimismus?

Stellt sich am 24. November also nur die Frage, ob das Glas für das Schweizer Volk halb voll oder halb leer ist? – Sicher nicht nur, denn Lohngerechtigkeit ist subjektiv und nicht für alle Unternehmen pauschal zu definieren. Herr und Frau Schweizer sollten sich also die Frage stellen, ob man Gerechtigkeit auf Verfassungsebene in Stein meisseln kann, will oder muss. Schliesslich ist es vermutlich nicht der richtige Weg, willkürlichen Lohnexzessen mit willkürlichen Lohnverhältnisdiktaten zu begegnen. Viel wichtiger ist die öffentliche Debatte – und diese ist am 24. November wohl noch nicht beendet. So oder so.


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