24h – ein Tag in St. Petersburg (Teil 2)

Wer sich die ganze Woche intensiv dem Studium zuwendet, der muss sich und seinem Gehirn auch gelegentlich etwas Erholung gönnen. Somit liegt es auf der Hand, dass Erich Muff im zweiten Teil seines Erlebnisberichts aus St. Petersburg das Nachtleben genauer unter die Lupe nimmt.

Um 18 Uhr geht an der Uni nix mehr, und so kann sich der Austauschstudierende beruhigt auf die bevorstehenden nächtlichen Aktivitäten vorbereiten. Entgegen der standardmässigen Vorbereitung unserer russischen männlichen Mitbürger geht’s frisch geduscht, deodoriert und mehr als ausreichend parfümiert raus aus dem Studentenwohnheim.

Black taxi

Mit einem «black taxi» fahren wir ins Stadtzentrum. Dieses zeichnet sich durch folgende äusserst begrüssenswerte Eigenschaften aus: hohe Verfügbarkeit, 24h mit klarem Angebotsüberhang sowie fehlende staatliche Marktkontrolle, die eine flexible individuelle Preisgestaltung erlaubt. Entgegen der monopolähnlichen Hochpreispolitik in St. Gallen wird hier der Streckenpreis noch in alter Manier durch Verhandlungsgeschick festgelegt. Als Faustregel gilt: nicht mehr als 100 RUR für eine 15-minütige Fahrt zum Nevskij Prospekt. Für umgerechnet unschlagbare 5 CHF sinkt die Risikoaversion ins Bodenlose, wobei unser «Lada» (Russischer Volkswagen) dem Schweizer Strassenverkehrsamt die Tränen in die Augen treiben würde.

Kulinarischer Höhenflug zur Stärkung

Um 19 Uhr nehmen wir das lang ersehnte Abendessen in einem der vielen Restaurants im Zentrum ein. Besonders beliebt unter den jungen Russen ist internationale Kost. Spitzenreiter ist ganz klar Sushi, gefolgt von italienischer Kost und dem Einheitsfutter von McDonalds & Co. Ich bevorzuge die einheimische Küche. Exzellente Suppen wie Borschtsch und Soljanka Moskauer Art sowie feine Blini (russische Pfannkuchen) mit Schinken und Käse oder Kaviar und Pelemeni (russische Tortellini) sind ein echter Gaumenschmaus und wichtiger Energiespender für die bevorstehende Nacht.

Partymekka

Es ist nun 22 Uhr. An der Dumskaya Strasse, dem Ausgangsmekka von St. Petersburg schlechthin, trifft sich nachts alles, was Rang und Namen hat. Im Allgemeinen gibt es zwei Typen von Clubs: die für die Reichen und die für die, die eben (noch) nicht dazu zählen. Der Eintritt in die Ersteren schwankt zwischen umgerechnet 15 und 100 CHF (2’000 RUR sind zirka die Hälfte eines durchschnittlichen lokalen Monatslohns!). Letztere Clubs und Bars sind gratis, deswegen aber keineswegs schlechter zu bewerten. Als Austauschstudierende und somit rare und begehrte Spezies auf dem russischen Partymarkt wollen wir natürlich keinen Eintritt entrichten und schon gar nicht horrende 100 CHF. Für einmal gilt es, sich im Rahmen dieser Strategie mit schlechtestem Russisch klar als Ausländer zu positionieren. «Face control» sei Dank.

Höhepunkt

Ab 23 Uhr biegen sich in allen Clubs die Balken. Zwei wollen wir uns näher anschauen: Arena, teuerster Club; hier gibt sich die Petersburger Oberschicht ihr Stelldichein. Bemerkenswert elegant gekleidete Damen lassen sich gerne von leicht dekadent anmutenden Russen einladen. Man lasse wie folgt die Kreativität walten: Ein kleines Wasser kostet 250 RUR (13 CHF); wie viel ist da wohl für die verspritzte Champagnerflasche über den Tresen gewandert? Kein Zweifel – nicht unsere Liga. Dennoch geniessen wir die ausgelassene, heisse Atmosphäre und mischen uns gekonnt auffällig unter das Partypublikum. Wir haben uns schnell assimiliert.

Es ist 4 Uhr. Der zweite Club: Fidel, die Legende. Klein, aber oho. Der leicht schmuddelige Undergroundclub besticht durch unschlagbare Partys während sieben Tagen die Woche, durch laute Musik, günstige Getränke und ein durchmischtes Publikum. Der Club ist für Austauschstudenten von existenzieller Bedeutung: Erstens schliesst das Studentenwohnheim unerfreulicherweise seine Pforten von ein bis sechs Uhr morgens – die Security will ja auch mal schlafen –, und zweitens werden während der Nacht die Brücken über der Neva für den Schiffsverkehr geöffnet. Man hat also keine Chance, vor sechs Uhr morgens wieder auf die andere Seite des Flusses ins Studentenwohnheim zu kommen. Wer sich entscheidet, nicht vor ein Uhr den Heimweg anzutreten – was an Wochenenden auf der Hand liegt –, der braucht spätestens nach 4 Uhr, wenn die meisten Clubs dichtmachen, einen warmen Unterschlupf zum Schutz vor dem rauen russischen Klima.

Vodka(kultur)?

Für alle, die jetzt noch auf die Geschichte vom Vodka warten – hier kommt sie in subjektiver Kurzform: Vodka, zweifelsohne das bekannteste russische Getränk. Viele Geschichten darüber entpuppen sich als Mythen oder gar als falsch. Klar ist, dass die 40%ige legale Partydroge regelmässig konsumiert wird. Egal ob Mann oder Frau, der hier unter dem Namen «50 Gramm» (gut gefülltes 4cl-Glas) zu ordernde Stimmungsmacher ist Bestandteil der lokalen Kultur. Nicht zu leugnen ist, dass der/die eine oder andere den Hals nicht voll genug kriegen kann. Folglich also kaum ein Unterschied zur Schweizer Trinkkultur. Zu erwähnen bleibt, dass die Franzosen unter den Austauschstudis am regelmässigsten Ausfälle erleiden. Es ist 6 Uhr: Zeit, um nach Hause zu gehen. Spätestens jetzt weiss der pflichtbewusste Austauschstudent um die Strapazen der Doppelbelastung durch Studium und Erkundung einer anderen Kultur.

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