«Bevor man den Kindern Flügel verleiht, sollte man ihnen Wurzeln mit auf den Weg geben»

prisma besuchte den Leiter des Assessmentjahres, Verantwortlichen der Startwoche und Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspädagogik, Roman Capaul, in seinem Haus in Rorschacherberg und wurde mit einem Nachtessen und Wein vom eigenen Rebberg verwöhnt!

Capaul – diesen Namen haben die meisten Studierenden unter uns schon einmal gehört. Auch wenn wir stets versuchen, die zwei Semester des Assessmentjahres mit Ungeheuern namens WHA, LWA und IPL (Anm. d. Redaktion: für die Frischlinge unter uns: WHS, EWS und Integrationsseminar) zu verdrängen: Capaul ist uns ein Begriff. Denn als Verantwortlicher des Assessmentjahres und Leiter der Startwoche hat er uns im Audimax begrüsst und an der Uni willkommen geheissen. Er ist also praktisch unser Begleiter vom Gymnasium in die Welt der HSG. Wenn du dennoch nicht weisst, von wem ich spreche, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass du dein Studium im vergangenen September begonnen hast. Denn obwohl Roman Capaul, hier in der Ostschweiz geboren und aufgewachsen, nach wie vor seine Positionen innehat, konnte er nach einem schweren Unfall im letzten Sommer – «die Ärzte sagten zu mir, dass meine Knochen aussähen wie gestampfter Zwieback» – seine üblichen Aufgaben nicht wahrnehmen. Die Zeit zu Hause hat er als Kampf mit sich selbst in Erinnerung: «Ich kämpfte den ganzen Sommer. Ich war zu Hause auf der Terrasse oder im Wohnzimmer und Studenten kamen vorbei, um ihre Bachelor- und Masterarbeit zu besprechen. Nachdem ich zwei Wochen im Spital verbracht hatte und zwei weitere Wochen ans Wohnzimmer gebunden war, stapelte sich mit der Zeit immer mehr Post auf meinem Schreibtisch und obwohl meine Frau alles managte, hätte ich eigentlich in mein Büro im Untergeschoss gehen sollen. Vom Wohnzimmer einen Stock tiefer – das war nach einem Monat mein grösster Ausflug.» Für den Natur- und Bewegungsmensch, den begnadeten Ruderer, war diese Zeit unheimlich schwierig. «Mir hat der Arzt im Spital gesagt, dass er nicht wisse, ob ich je in meinem Leben wieder in ein Boot sitzen kann, und Rudern war mein Leben!» Sohn Raphael beginnt im Hintergrund Posaune zu spielen.

Kraftquelle Familie und Freunde aus dem Ruderclub

«Ohne meine Kollegen aus dem Ruderclub und meiner Familie weiss ich nicht, wo ich heute wäre und woher ich die Energie zum Kämpfen hergeholt hätte nach dem Unfall.» Der Physiotherapeut, der Capaul auch als eine Art Coach zur Seite stand, meinte dann im Herbst, dass er versuchen könne, langsam wieder in ein Boot zu steigen. Am 4. November letzten Jahres – es war ein herrlicher Tag, ging er zum alten Rhein, um einen Skiff (Einer) zu holen und damit ein paar Schläge auf dem See zu versuchen. «Ich konnte das Boot kaum an den See tragen. Ich machte ein paar Schläge und merkte, dass das Boot wie vor dem Unfall glitt – es schwebte wieder wie vorher.» Capaul nennt dieses Erlebnis einen Geburtsmoment – es war ein sehr emotionaler Moment für ihn auf dem See. Bevor er mit der Mannschaft und Ruderkollegen zu trainieren begann, übte er ein paar Wochen für sich alleine. Capaul zeigt uns seine von Blasen gezeichneten Hände – letzten Samstag war er wieder mit seinen Kollegen im Boot. Capauls Frau Ruth lacht im Hintergrund und meint, dass es für die Herren nichts gäbe ausser Rudern, und seit nicht allzu langer Zeit haben sie nun auch begonnen Romane über ihre Leidenschaft zu lesen und tauschen diese untereinander aus. Auf unsere Frage, ob die Kinder, Linda und Raphael, denn auch rudern würden, antwortet Capaul lachend: «Nein, die Kinder rudern nicht – wir als Pädagogen haben lernen müssen, dass sich Kinder systematisch abgrenzen.» Für Capaul selbst aber ist das Rudern nicht nur Hobby, sondern Teil des Lebens. Einer der Höhepunkte Capauls war die Olympiade in Atlanta 1996 wo er mit Frau und Baby Raphael den Brüdern Gier aus Rorschach zuschauen konnte, wie diese Gold für die Schweiz und für den Ruderclub Rorschach holten. «Das war für mich als Ruderbegeisterter und Präsident des Clubs ein unvergessliches Erlebnis.»

Durch und durch Ostschweizer

Capaul selbst ist in Rorschach geboren und aufgewachsen, absolvierte die Kantonsschule in Heerbrugg SG und war seit seinem Abschluss an der HSG immer in der Region tätig. Er selbst meint: «Das hat sich einfach so ergeben. Ich war eigentlich offen für alles und bin es auch noch heute, aber auf der anderen Seite bin ich stark verwurzelt in der Region – sogar meine Mutter hat gesagt, jetzt könntest du dann schon mal ein bisschen weggehen (lacht). Auch meine Grossmutter sagte einmal zu mir, dass man den Kindern zwar zuerst Wurzeln, aber dann auch Flügel verleihen sollte. Ich denke, dass ich schon auch Flügel habe, aber physisch bin ich nie wirklich weggeflogen.» Zwischenzeitlich aber benützte er seine Flügel doch und machte ein Praktikum an der Schweizer Schule in Rom, bevor er sein Studium an der HSG in magister oeconomicus aufnahm (Anm. d. Redaktion: Studium in VWL, BWL und Recht sowie Handelslehrerprüfung). Neben dem Studium arbeitete er als Stellvertreter für seinen ehemaligen Kanti-Lehrer und fand mit diesem Engagement seine Freude und Interesse am Unterrichten.

An der letzten mündlichen HSG-Prüfung fragte ihn der damalige Professor Rolf Dubs, was er nach dem Studium plane und er antwortete, dass er es noch nicht wisse und zuerst einmal für drei Monate mit einem Freund durch Australien reisen wolle. Dubs meinte darauf, dass er nach seinem Urlaub als Doktorand zu ihm ins Institut (IWP) kommen soll. «Rolf Dubs war natürlich nicht irgendjemand. Er ist für mich heute noch eine geniale Koryphäe, sowohl fachlich, als auch menschlich. Er hat mich extrem gefördert und gefordert. Es war nicht immer einfach, alle seine Erwartungen zu erfüllen. Er war sowohl mein Doktor- als auch Habilitationsvater und ich pflege heute noch Kontakt zu ihm.» Eigentlich wollte Capaul nach der Reise lieber arbeiten gehen, aber als er das Angebot von Dubs erhielt, entschied er sich anders. Rückblickend meint Capaul: «Ich habe von Herrn Dubs sehr viel gelernt. Gewisse Dinge seiner Art haben mich inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Eine Philosophie von ihm war es beispielsweise, den Leuten im Arbeitsumfeld Vertrauen zu schenken und sie an der langen Leine zu führen. Das versuche ich auch heute in meinen unterschiedlichen Teams umzusetzen. Wenn man den Leuten den Spielraum lässt und ihnen Vertrauen schenkt, funktioniert es auch ohne autoritäre Kontrolle. Wichtig sind Zuverlässigkeit, genaue Ablagesysteme, Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit und dann klappt es. Diese Werte konnte ich an Rolf Dubs sehr stark beobachten und er hat mir diese mit auf den Weg gegeben.»

Das Segeln ist auch bei der Romanwahl ein Thema (Foto: Livia Eichenberger)
Das Segeln ist auch bei der Romanwahl ein Thema (Foto: Livia Eichenberger)

Ein vielbeschäftigter Mann

Mit der Arbeit am Institut für Wirtschafspädagogik merkte Capaul schnell, dass er nicht nur Lehrer weiterbilden und in der Bildung forschen wollte, sondern selber Kreide in der Hand halten möchte. Er arbeitete ab 1989 – nach seiner Reise durch Australien – 50 Prozent im Seminar als Lehrer für Wirtschaft und Recht und die andere Hälfte an der HSG im IWP sowie an seiner Dissertation mit dem Titel «Das Integrationsfach als Beispiel einer Schulinnovation». 2005 gab er seine Lehrtätigkeit auf und bildet stattdessen Schulleitungsmitglieder von Kantons- und Berufsschulen der ganzen Deutschweiz aus, arbeitet am Institut, leitet das Assessmentjahr und die Startwoche und unterrichtet Studierende in BWL-Fächern und Wirtschaftspädagogik. Der grosse Vorteil an seinem Job ist die Breite – «einerseits eine extreme Breite von Inhalten und andererseits eine extreme Breite an Zielpublika. Ich habe leider keine Klassen mehr im Seminar, aber arbeite mit Studierenden, Lehrpersonen, Schulleitungen und Personen aus der Bildungsverwaltung zusammen. Diese Dynamik sorgt dafür, dass einem nie langweilig wird.» Allerdings war manchmal fast ein bisschen zu viel los. Man soll forschen, unterrichten und Praxiserfahrung sammeln. Private Interessen und die Zeit mit der Familie leiden dann ein wenig darunter. «Zum Glück hatte ich meine Frau, die im Hintergrund alles managte. Ich habe ein wenig Hemmungen, Ihnen das so zu erzählen, aber wir waren immer hochtraditionell organisiert. Meine Frau machte alles zu Hause, weil ich da nichts nütze und ich konnte dafür alle meine Kräfte in meinen Beruf investieren.» Jetzt aber wo die beiden Kinder die Kantonsschule in St. Gallen besuchen, hat sich auch Ruth Capaul eine neue Herausforderung gesucht und arbeitet momentan in einem medizinischen Labor.

Auf unsere Frage, wo er denn seine eigenen Stärken sehe, antwortet er sehr bescheiden: «Meine Mutter sagt einmal, dass es meine Stärke sei, dass ich keine wirklichen Schwächen habe, aber eben auch keine wirklichen Stärken. Ich bin eigentlich nur Durchschnitt.» Später meinte er dann aber doch, dass er wahrscheinlich gut organisieren und mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und einfache, pragmatische Projektlösungen finden kann. Aber ansonsten habe er leider wirklich nicht viele Stärken. «Vielleicht habe ich deshalb auch immer eher die Breite in Studium und Job gesucht, weil ich nirgendwo eine Begabungsnische habe.»

Wein aus dem eigenen Rebberg (Foto: Livia Eichenberger)
Wein aus dem eigenen Rebberg (Foto: Livia Eichenberger)

Drei Gänge-Menü und Wein vom eigenen Rebberg

Überaus gastfreundlich empfing uns die Familie Capaul zum Interview. Eigentlich hatten wir nicht vor, lange zu bleiben, doch mit dem selbstgemachten Essen seiner Frau Ruth und dem Wein Schiller von Ochsentorkel (mit Trauben des eigenen Rebbergs), entwickelte sich eine überaus gemütliche Runde. Zum Abschluss wollten wir von Roman Capaul wissen, wie er sich denn seine Zukunft vorstelle. Er antwortete darauf: «Die Zukunft ist so eine Sache … Eigentlich plane ich seit letztem Sommer und dem Unfall nicht mehr» und fügt weiter an: «Ich bin sowieso schon nicht mehr so wichtig, viel wichtiger sind mir die Kinder und dass sie einen guten und glücklichen Weg finden.»

Das wünschen wir Linda und Raphael ebenfalls und bedanken uns bei Roman und Ruth Capaul sehr herzlich für die Gastfreundschaft, das gute Gespräch und den Einblick in die Hobbys und Interessen von Roman Capaul.

Geboren am: 3. November 1963 in Rorschach SG
Hobbys: Rudern, Reisen, der eigene Rebberg und Bewegung in der Natur
Lieblingsmusik: Band seines Sohnes: A Dead Frog’s Society
Lieblingsort: lieber Süden als Norden, rund ums Mittelmeer
Lieblingsessen: Lasagne und selbstgemachte Linzertorte mit Beeren aus dem Garten


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