Ceci n’est pas un Betonblock

Fliege Erika ist mittlerweile sowohl ab- als auch ausgeschlachtet. Sie hat ausgesummt sozusagen. Es wird Zeit, sich dem kontroversen Phänomen Kunst an der HSG im erweiterten Sinn zu widmen.

Wenn einmal mehr von Kunst an der HSG die Rede ist, zieht wohl manch ein Student spöttisch die Augenbraue hoch. Auch die öffentlichen Kunstführungen werden in studentischen Kreisen oftmals belächelt. Doch befasst man sich einmal genauer mit dieser Thematik oder läuft man nur einmal mit erhöhter Aufmerksamkeit über den Campus, so ändert sich die Sichtweise. Das riesige Gemälde gleich neben dem oberen Eingang des Audimax? Ein millionenschwerer Richter. Die zierliche Statue im obersten Stock des Hauptgebäudes? Ein Giacometti – beinahe genauso wertvoll. Kunstwerke prominenter Künstler, welche ohne jegliche Abschrankungen im Raum stehen, so unscheinbar, als wären es schulische Kunstprojekte der Tochter des Rektors.

Kunst am Bau

«Kunst wird an der HSG nicht ausgestellt, es wird mit ihr gelebt», heisst es so treffend im Kunstführer der Uni. Yvette Sánchez, Präsidentin der Kunstkommission, spricht in diesem Zusammenhang gar von einer weltweiten Einzigartigkeit. Die Kunst ist in solch einem Ausmass in den studentischen Alltag integriert, dass sie sich zu weiten Teilen gar dem Beachtungsfeld entzieht. Dies ist insbesondere dem verfolgten Konzept von Kunst am Bau zu verdanken. Für die harmonische Integration von Kunst und Architektur wurde ein Grossteil der Kunstwerke eigens für die HSG angefertigt und individuell an die räumlichen Gegebenheiten angepasst. Über die jeweiligen ästhetischen Schönheiten lässt sich bekanntlich streiten, durchaus interessant ist aber die ihnen zugrunde liegende Symbolik.

Die strengen Kuben des Hauptgebäudes, liebevoll «Tête» getauft, stehen für das rationale Denken. Demgegenüber steht die Kunst – grösstenteils aus dem Surrealismus – für das «Andere der Vernunft», das Irrationale, und fungiert als Gegenpol zum begrifflichen Denken der wissenschaftlichen Lehre. Seit jeher hat sich die HSG um eine Ganzheitlichkeit ihrer Ausbildung bemüht, welche in Form vom Kontextstudium exekutiert und durch die Kunst im Alltag ergänzt wird. Ganz im Sinne des Brutalismus, in dessen Stil die Gebäude gebaut sind, wird dieser klar bestimmbare Zweck durch die Architektur nach aussen zum Ausdruck gebracht.

Schönheit neben der Ästhetik

Auch wenn Kunst schön anzuschauen ist, so liegt ihre wahre Schönheit doch unter der Oberfläche. Die Hintergründe, die Geschichten und die Gedankengänge des Künstlers sowie die Interpretationsmöglichkeiten des Betrachters sind das Faszinierende. Die Skulpturengruppe von Alicia Penalba, um nur ein Beispiel zu nennen, fungiert als Übergang zwischen Natur und Architektur und trägt dazu bei, dass der Emporschreitende von den markanten Formen der Tête nicht förmlich erschlagen wird.

Eine genaue Auseinandersetzung mit allen Exponaten würde den Rahmen sprengen (der Kunstführer hat nicht ohne Grund 108 Seiten). Abschliessend bleibt zu sagen, dass die Teil- nahme an einer Kunstführung auch für weniger Kunstbegeisterte durchaus zu empfehlen ist. Der schönste Aspekt an Kunst ist immer noch die Art und Weise, wie wirkliche Kunstliebhaber darüber sprechen. Denn wenn es an unserer Uni auch nicht an Kunst mangelt: Leute mit einer sichtbaren Leidenschaft für eine Sache, wie dieselbige, sind am Campus zur Rarität geworden.


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Fotos Luana Rossi / Hannes Thalmann

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