Leistungssport und Studium an der Uni St. Gallen

Der Schweizer Nationalspiele Martin Engeler über die Heim-EM und den Spagat zwischen Leistungssport und Studium.

prisma: Wie war es für dich als junger Spieler, im Dress der Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft und dann noch zusätzlich in der Heimhalle einzulaufen?

Martin Engeler: Ich kam erst kurz vor der Europameisterschaft zur Nationalmannschaft und es war daher klar, dass es mein Ziel sein musste, mich für die Mannschaft und somit für die EM zu qualifizieren. Als es sich abgezeichnet hat, dass ich dabei sein kann, kam eine riesige Vorfreude auf, gleichzeitig machte sich auch eine gewisse Anspannung bemerkbar. Es ist schon eine super Sache, wenn du in der eigenen Stadt, in der eigenen Halle auflaufen kannst, auf der anderen Seite wäre es auch eine grosse Enttäuschung, gerade zu Hause schlecht zu spielen. Alles in allem war es ein super Erlebnis. Man hat gemerkt, dass viele Leute sowohl die Mannschaft wie auch mich persönlich unterstützt haben. Es bleibt für mich unvergesslich.

Blieb der Match gegen Polen, bei dem ihr mannschaftlich eine gute Leistung hattet und du sogar eine herausragende Leistung erbringen konntest, in besonderer Erinnerung?

Weil wir das entscheidende Spiel 24 Stunden nach diesem Match verloren haben, ist das Spiel gegen die polnische Mannschaft ganz klar das Highlight dieser EM. Es war zum Schluss leider nur ein Remis, was aber schon ein unglaublicher Erfolg war. Die Stimmung während dieses Spiels war riesig, so was habe ich bisher noch nie erlebt, und wie mir gesagt wurde, hat es das schon seit langer Zeit in der Schweiz bei Handballspielen nicht mehr gegeben.

Wie gross war deine Enttäuschung nach dem Ausscheiden in der Vorrunde und wie hat die Mannschaft reagiert?

Das Ausscheiden an und für sich war brutal, da am Samstagabend noch der Erfolg gegen die Polen gefeiert wurde und wir am Sonntag nach der Niederlage gegen die Ukraine schon ausgeschieden sind. Die Enttäuschung war dementsprechend riesig, vor allem in den ersten zwei, drei Tagen, und dauerte bis zum Ende des Turniers. Mittlerweile aber ist die ganze Sache verdaut.

Habt ihr danach als Mannschaft noch einige Spiele angeschaut oder nur du als Einzelperson?

Als Mannschaft nicht, da wir vorher schon fünf Wochen aufeinander gesessen hatten und man auch froh war, mal wieder für sich alleine zu sein, weil sich auch ein gewisser Lagerkoller bemerkbar machte. Persönlich war ich an allen Spielen, die in St. Gallen stattgefunden haben, als Zuschauer dabei, auch am Finaltag in Zürich.

Wie würdest du Stimmung und Atmosphäre als Zuschauer beschreiben?

Es muss unterschieden werden zwischen den Schweizer Spielen, bei denen ich ja nicht als Zuschauer unterwegs war, und den restlichen Spielen. Die verschiedenen mitgereisten Fangruppen haben für eine gute Stimmung gesorgt, es waren aber aufgrund der teilweise langen Anfahrtswegen viel weniger Fans in der Halle als bei unseren Spielen. Aber schon diese Masse ist für einen Schweizer Spieler ungewohnt. Man sieht, dass der Handball in anderen Ländern einen höheren Stellenwert besitzt als in der Schweiz.

In dieser Saison war es für dich, handballerisch gesehen, ja eine Dreifachbelastung: zum einen die Saison mit St. Ottmar St. Gallen, dann eine halbe Saison, während der die Nationalmannschaft an der Meisterschaft teilnahm, und daneben noch das Studium. Wie bringt man dies unter einen Hut?

Alles unter einen Hut zu bringen, wäre unmöglich. Der grosse Vorteil war für mich, dass ich alle Bachelorkurse schon im Sommersemester abgeschlossen hatte und mir für diese Zeit nur noch die Bachelorarbeit blieb, die ich in diesem Wintersemester geschrieben habe. So hatte ich tagsüber Zeit, die Arbeit zu schreiben, um dann am Abend normal Handball zu spielen. Die Wochen für die Nationalmannschaft konnte ich mir dadurch gut einplanen. Bei normalem Studienbetrieb wäre die Nationalmannschaft zusätzlich zum regulären SHL-Betrieb schwer möglich, weil die Nationalmannschaft oft wochenweise Intensivtraining macht, was sich schwer auf die Uni-Absenzen schlagen würde.

Heisst das, dass man dich während deiner Studienzeit nicht mehr im Schweizer Nationalteam auflaufen sieht?

Ich möchte eigentlich gerne weiterhin für die Nationalmannschaft spielen. Die erste Priorität aber liegt ganz klar beim Studium, gefolgt von St. Ottmar St. Gallen, und wenn noch Zeit ist, von der Nationalmannschaft. Ich möchte mein Masterstudium in drei Semestern durchziehen, weil ich auch nicht ewig studieren und gerne mal meinen Abschluss machen möchte.

Welches Masterstudium wirst du im Herbst in Angriff nehmen?

Da bin ich noch ein bisschen unschlüssig. Eigentlich möchte ich gerne den SIM (Strategy and International Management) machen, für dieses Masterprogramm fehlt jetzt aber noch der GMAT an, den ich noch absolvieren muss. Falls dies nicht klappen sollte, werde ich mich nach Alternativen umsehen.

Wie gehst du mit der Doppelbelastung Leistungssport und Studium um, was bedingt sie?

Man lebt sich in diese Doppelbelastung ein. Ich spiele nun schon eine lange Zeit Handball und musste immer nebenher noch die Schule absolvieren. Es steigert sich auf beiden Seiten kontinuierlich, es wird mit der Zeit selbstverständlich. Hinzu kommt, dass bei St. Ottmar kein Profibetrieb herrscht und der Grossteil meiner Mannschaftskameraden entweder arbeitet oder studiert, deshalb sind auch die Trainings meistens am früheren Abend und nicht mitten am Tag.

Würdest du potenziell interessierten Leistungssportlern von einem Gang an die Universität St. Gallen abraten oder ihnen gewisse Tipps mit auf den Weg geben?

Es muss zuerst jede Situation individuell betrachtet werden, es kann nicht prinzipiell geurteilt werden. Ohne den Profibetrieb wie im Handball ist es eine ideale Sache, aber zum Beispiel beim Fussball, wo du Profi sein musst, ist es unter Umständen nicht machbar. Ich bin aber der Meinung, wegen des Sports sollte man die Ausbildung nicht vernachlässigen, ausser man bekommt eine riesen Chance, bei der sich auch viel Geld verdienen lässt. Die Kombination von Leistungssport und der Uni SG ist sicher möglich und allemal ein Versuch wert.

Was machst du nach dem Studium, setzt du auf die Karte Sport oder willst du arbeiten gehen?

Jetzt momentan gerade kann ich mir die Option Profi gut vorstellen, weil es sportlich gut läuft. Die Aufgabe müsste aber stimmen, der passende Verein müsste da sein, und ich denke, auf diese Karte würde ich nur im Ausland setzen. Ansonsten gibt es genug Sinnvolles, was man neben dem Hansball noch machen kann.

Fünf Halbsätze für Martin Engeler

Mit 30 Jahren

habe ich bestimmt das Studium abgeschlossen und hoffentlich eine sportliche Herausforderung im Ausland.

St. Gallen

ist eine sympathische Stadt, wo ich Sport, Studium und Privates gut kombinieren kann.

Als Handballspieler in der Schweiz

ist man neidisch auf den Stellenwert des Handballs in anderen Ländern.

Mit der HSG verbinde ich

rosarote Polo-Shirts und Burberry-Schals.

Meine Traumfrau sollte

eine interessante Persönlichkeit sein, mit der es nie langweilig wird.

Martin Engeler ist 24-jährig, betreibt seit der Saison 1999/2000 bei St. Ottmar St. Gallen Handball auf höchster Schweizer Leistungsstufe und ist Mitglied des Schweizer Nationalteams, das an der Heim-EM in St. Gallen gespielt hat. Begonnen hat er seine Handballkarriere in Goldach, danach eine Saison bei Schaffhausen, bis er zuletzt zu St. Gallen kam. Der wöchentliche Trainingsaufwand neben dem Studium beträgt fünfmal Hallentraining mit dem Team und zweimal individuelles Training. Er hat das Studium des Bachelors abgeschlossen und startet im Wintersemester sein Master-Programm an der Universität St. Gallen.

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