Per Handerheben die Verfassung ändern

Wenn sich ein ganzer Kanton in Schale wirft, die Säbel poliert und sich zu Fuss auf den Weg nach Appenzell begibt, dann ist Landsgemeinde.

Am letzten Sonntag im April findet traditionsgemäss die Landsgemeinde des Kantons Appenzell Innerrhoden auf dem Landsgemeindeplatz in Appenzell statt. Hier finden sich die Bürgerinnen und Bürger des bevölkerungsmässig kleinsten Kantons der Schweiz zusammen, um per Handerheben ihre demokratischen Rechte auf Kantonsebene auszuüben. Zu diesem politisch bedeutsamsten Tag des Jahres reisen viele Stimmberechtigte traditionsgemäss noch heute zu Fuss an, was je nach Wohnort einen Marsch von bis zu drei Stunden bedeuten kann – die zu vermutenden zahlreichen Pausen in den Gaststätten unterwegs nicht eingerechnet.

Das Seitengewehr als Stimmausweis

Gegen Mittag säumt sich die Hauptgasse in Appenzell von der Pfarrkirche St. Mauritius bis zum Landsgemeindeplatz mit zahlreichen Zuschauern. Schlag 12 Uhr beginnt der festliche Aufzug zum Landsgemeindeplatz. Die Musikgesellschaft Harmonie Appenzell spielt die «Marcia solenne» des italienischen Komponisten Arturo Buzzi-Peccia. Im gemächlichen «Landsgemeindeschritt» ziehen die Teilnehmer an den zahlreichen Schaulustigen vorbei. Als «Auswärtiger» fällt einem sofort Bundesrat Guy Parmelin auf, welcher dieses Jahr als Vertreter des Bundesrates teilnimmt. Die aufwendig hergerichteten Trachten und Uniformen der Fahnenträger sowie der Junker lösen beim Vorbeschreiten ein förmliches Blitzlichtgewitter aus.

Der Umzug mündet im «Ring», wie der kreisrunde, abgesperrte Bereich auf dem Landsgemeindeplatz genannt wird. Eintritt erhalten hier nur die Stimmbürnungskräften am Eingang («Junker» genannt) mit dem grünen Stimmrechtsausweis auszuweisen haben. Nach Artikel 13 der Verordnung über die Landsgemeinde und die Gemeindeversammlung gilt für Männer ausserdem das «Seitengewehr» (eine Art Säbel) als Stimmrechtsausweis. Diese werden üblicherweise vom Vater auf den Sohn vererbt oder bei mehreren Nachkommen auch neu in den Familienbesitz dazugekauft.

«Ohne die Frauen heute undenkbar»

Zu Beginn der Landsgemeinde begrüsst der Landammann Roland Inauen die Anwesenden Ehrengäste auf Hochdeutsch, bevor er zum Erledigen der Sachgeschäfte in den Appenzellerdialekt wechselt. Die festlich gekleidete Volksversammlung (Männer mit Anzug, Frauen im Kleid) hört zu Beginn eine ausführliche Danksagung seitens des Landammanns an die Adresse des Bundesgerichts, welches vor 25 Jahren auf die Einführung des Frauenstimmrechts gegen den Willen der damaligen Landmänner entschieden hat: Ohne die Frauen sei die Landsgemeinde heute «einfach nicht vorstellbar und undenkbar».

Neben dem Kanton Appenzell Innerrhoden kennt einzig noch der Kanton Glarus eine Landsgemeinde. Zu diesem Zeitzeugnis der demokratischen Tradition der Schweiz werden jeweils namhafte Gäste geladen. So wohnen der diesjährigen Landsgemeinde in Appenzell auch die Botschafter aus Kanada, China und Grossbritannien bei. Die Universität St. Gallen wird durch Thomas Geiser vertreten. Nachdem das Bundesgericht 1991 eine Staatsrechtliche Beschwerde gegen die Ablehnung des Frauenstimmrechts durch die Landsgemeinde gutgeheissen hat, können die Frauen nun zum 25. Mal aktiv an der Landsgemeinde teilnehmen.

Nicht rauchen, klatschen oder trinken

Der erwartete Schneefall setzt ein. Der gut gefüllte Ring verschwindet unter einem Dach von Schirmen. Der regierende Landammann Roland Inauen fährt in breitem Appenzellerdialekt mit den Geschäften fort und legt den Anwesenden einen neuen Kantonsverfassungsartikel zur Grundlage von Videoüberwachung im öffentlichen Raum zur Abstimmung vor. Während den Worten «… ond söll das mit Handerhäbä bezüüge.» («… und soll dies mit Handerheben bezeugen.») verschwindet das schützende Dach aus Schirmen wieder und die vielen Hände mit den ausgestreckten drei Schwurfingern ragen aus der Menge hervor. Mit einem Dank an die Anwesenden für die Zahlung der Steuern und einem ernsthafter gemeinten Dank für das Kommen schliesst der wiedergewählte Landammann Roland Inauen die diesjährige Landsgemeinde.

Sowohl der Landammann wie auch das anwesende Landvolk leisten während dem Abhalten der Landsgemeinde einen Eid. Folglich sind auch die Gepflogenheiten im Ring implizit geregelt: Sowohl das Rauchen, wie auch das Essen und Trinken (ausser bei sehr heissem Wetter) sind verpönt. Genauso wird weder geklatscht, noch gelacht im Ring. Zur Abstimmung wird jeweils die rechte Hand mit den drei Schwurfingern erhoben, um die Dreifaltigkeit zu symbolisieren. Diese Urform der Demokratie ermöglicht es jedem anwesenden Stimmberechtigten vor das Landvolk auf die Tribüne (welche «Stuhl» genannt wird) zu steigen und sein Anliegen vorzubringen. Anträge auf Änderungen sind nur auf Stufe Verfassung möglich. Einzig der Kanton Glarus erlaubt ebenfalls Anträge auf Gesetzesänderungen.

Das «Land» Appenzell unterteilt sich weiter in sogenannte Rhoden. Die «inneren» Rhoden (Schwende, Rüte, Lehn, Schlatt, Gonten, Rinkenbach und Stechlenegg) sind heute zum Kanton Appenzell Innerrhoden zusammengefasst. Eine Rhode vereint eine abgeschlossene Liste von Familien, die Zugehörigkeit zu einer Rhode wird also durch die Abstammung (explizit den Familiennamen) bestimmt. Jede der Fahnen im Fahnenzug repräsentiert eine «Rhode». Diese versammelt sich im Anschluss an die Landsgemeinde traditionell zur Rhodsgemeinde.

So folgen die Rhodsmitglieder der Lehnerrhode ihrer Fahne und ihrem Rhodshauptmann Erich Koller zur Rhodsversammlung. Zu den zu erledigenden Geschäften im weiter anhaltenden Schneefall gehört hauptsächlich die Abstimmung, ob man im Anschluss an die Rhodsversammlung in Zukunft jeweils einen Apéro abhalten will, was mit dem Verweis auf die zusätzlichen Kosten mehrheitlich und per Handerheben abgelehnt wird. Nach der Genehmigung der Jahresrechnung, mit einem Aktivenüberschuss im oberen fünfstelligen Bereich schliesst der ebenfalls bestätigte Rhodshauptmann Erich Koller mit den Worten: «Vielen Dank für die Teilnahme an der Rhodsgemeinde der Lehnerrhode, der gleichsam grössten sowie schönsten und reichsten Rhode!» Er hätte sie durchaus auch als die «sparsamste» bezeichnen könnte.

Bilder Yannik Breitenstein

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