Das kleine WEF?

«Smash little WEF» – unter diesem Titel fanden sich vergangenen Freitag eine Handvoll HSG-Kritiker auf dem St. Galler Bahnhofplatz zusammen, um das Symposium abzuschaffen. Doch auch auf dem Campus wird hinter vorgehaltener Hand viel kritisiert und gemunkelt. Zu Recht? Eine Rundschau.

Die schweren Mauern der Dufourstrasse 83, das Efeukleid der Villa, die Aussicht auf die Stadt, der lange Schatten, die leeren Pet-Flaschen und Energydrink-Dosen, die vor dem Haus sorgfältig sortiert gelagert werden – all das strahlt Bedeutung aus, Seriosität, Macht. Hier wird nicht studiert, hier wird gearbeitet. Genauer gesagt arbeitet das International Students’ Committee (ISC) während eines Jahres an der Organisation des St. Galler Symposiums. Es ist schwierig, hinter die Fassaden dieses Hauses und seiner 26 jungen Arbeitstiere zu blicken – und genau das dürfte der Grund sein, warum das Symposium, obwohl es an der Universität verankert und nicht mehr wegzudenken ist, vielen so suspekt, manchen gar ein echter Dorn im Auge ist.

Bett im Büro?

Aber ein Blick hinter die Mauern der ISC-Villa lohnt sich: Man wird freundlich empfangen, durch die etwas dunklen Flure der Villa geführt, vielen motivierten aber auch angespannten Gesichtern vorgestellt; die Flaggen an den Wänden der Büros sind jeweils ein Indiz dafür, für welchen «Zielmarkt» eine Person zuständig ist, das heisst in welcher Region der Erde sie Kontakte zu Teilnehmern und Experten knüpft und ausbaut – das reicht von den USA über Südafrika und Singapur bis an den äussersten Zipfel Japans. Im Konferenzraum im Obergeschoss stehen gleich mehrere Betten, welche den Mitgliedern des Komitees zur Verfügung stehen, wenn sie wenigstens noch ein bisschen Schlaf erwischen wollen.

«Wir zwingen niemanden», sagt Silvan Nowak, der zusammen mit Nico Lüthi das 24-köpfige ISC dieses Jahr leitet. Nico fügt an: «Wir als Team und jeder Einzelne entwickelt gewöhnlich einen unternehmerischen Ehrgeiz. Die Verantwortliche für Frankreich beispielsweise investierte viel Energie in die Organisation eines Anlasses in der Pariser Botschaft. Das Ziel: Möglichst viele gute Bewerbungen für den Hauptanlass in St. Gallen zu erhalten. Da kommt es schon mal vor, dass man im Büro schläft.»

Von Netzwerk bis Klopapier: Management ganz praktisch

Aber wie kommt jemand zur Entscheidung, 16 Stunden seines Tages, sieben Tage die Woche, und das ein ganzes Jahr lang für ein Symposium aufzuopfern? «Ich habe mir eine Liste gemacht, mit der ich ganz rational Pro und Contra abwog: die negative Seite war deutlich länger», erinnert sich Nico. Ähnlich ging es Silvan: «Man muss es einfach mal machen.» Beide waren in ihrem dritten Semester in St. Gallen für die jungen Teilnehmer des Symposiums, die sogenannten «leaders of tomorrow» verantwortlich, wurden vom ISC-Spirit gepackt und übernahmen bei der nächsten Durchführung die Verantwortung für den gesamten Event – im Alter von gerade einmal 20 beziehungsweise 21 Jahren.

Beide sind sie davon begeistert, dass das Symposium mehr ist als nur Eventorganisation: «Der Grossteil des Jahres ist Kontaktarbeit», weiss Silvan zu berichten. Und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen: Am einen Tag kann man sich mit einem Vorstand der Deutschen Bank über die Generationenkonflikte der Zukunft unterhalten und am nächsten Tag ein Pflanzenkonzept für das Symposium erarbeiten oder muss herausfinden, woher man kostenloses Klopapier für um die 1’000 Personen organisiert. Man kommt in Kontakt mit Ministern, beschäftigt sich aber auch mit dem Thema Sicherheit rund um den dreitägigen Event oder vertieft sich in die Essays, die über 1’000 Bewerber aus 107 Ländern für den Wettbewerb der «leaders of tomorrow» eingereicht hatten.

Das Symposium polarisiert

Dass diese 200 jungen Nachwuchshoffnungen zusammen mit ihren 600 älteren Pendants den Universitätsbetrieb für eine Woche mehr oder weniger lahmlegen, passt nicht allen. Viele engagieren sich zwar als freiwillige Helfer oder gewähren einem der Teilnehmer während einigen Tagen Unterschlupf in ihrer WG, doch es gibt auch viele kritische Stimmen. Manch einer empfindet es als «typische ISC-Arroganz», auf dem Campus einzumarschieren und ohne Wenn und Aber Platz für Ackermann, Glasenberg & Co. zu beanspruchen, während «der normale Student» in Provisorien ausweichen muss und nicht einmal mehr auf direktem Weg in die Mensa kommt.

«So ist es überhaupt nicht», halten Nico und Silvan fest, «wir sind sehr dankbar und bemühen uns um eine gute Partnerschaft mit der Studentenschaft und der Universität». Beispielsweise versucht das ISC mit öffentlichen Diskussionen oder Vorträgen in der Bibliothek, mehr Transparenz zu schaffen und sich gegenüber Öffentlichkeit und Studentenschaft zu öffnen – wiederum ganz zum Ärger vieler Bibliotheksbesucher. Auch der Sicherheitsaspekt spielt bei diesem Balanceakt immer wieder eine Rolle. Vor diesem Hintergrund will das ISC die Zusammenarbeit mit Uni und Studentenschaft aber auf keinen Fall aufs Spiel setzen: Ohne die vielen freiwilligen Helfer wäre das Symposium schlicht nicht möglich, und das professionelle aber nicht überhebliche Engagement vieler ISC-Mitglieder und Helfer macht den einmaligen Charme des Symposiums aus.

Ein einmaliger Charme

Dass Charme und die familiäre Atmosphäre ausschlaggebend sind für den Erfolg des Symposiums, davon sind Silvan und Nico überzeugt. Entstanden ist diese Idee im Zuge der Studentenproteste der 68er-Bewegung: Fünf HSG-Studenten wollten ihnen entgegentreten und organisierten das «Internationale Management Gespräch», das 1970 mit je 100 Studierenden und Führungskräften zum ersten Mal stattfand. Die fünf Haupt-Organisatoren stammten aus fünf verschiedenen Ländern, nämlich Deutschland, Norwegen, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, und nannten sich dementsprechend das International Students’ Committee. Fortan sicherte sich das St. Gallen Symposium mit kontroversen Debatten zwischen etablierten und neuen Ideen internationale Bekanntheit; die alarmierende Studie des Club of Rome wurde hier präsentiert, die Vertreter der organisierten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft prallten hier aufeinander.

Noch heute sind die Namen schillernd: Der britische Historiker Niall Ferguson ist ein regelmäs­siger Gast, auch Paul Achleitner, der neue starke Mann bei der Deutschen Bank, gesellte sich unter die Gäste des 44. St. Gallen Symposiums. Doch mit der Professionalisierung und der Jagd nach den grossen «leaders of today» verblasste auch ein Teil der Identität des ISC: der freundschaftliche, ja fast intime Austausch zwischen den Generationen ist zumindest zu einem Teil der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie gewichen. Dass Christine Lagarde vergangenes Jahr der Schweiz einen Besuch abstattete war zwar ehrbar, aber mehr als die offizielle IWF-Position konnte sie beim Tanz mit Joe Ackermann nicht vertreten. Mit an die Hundert Medienvertretern ist das Symposium zu einem kleinen WEF geworden.

Wir sind nicht Davos!

Dem widersprechen Silvan und Nico entschieden: «Wir sind eine neutrale Plattform, aber wir haben ein definiertes Ziel: Wir setzen uns für eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ein.» Und sie sind überzeugt, dass die vielen Kontakte und Gespräche während der zwei Tage bis weit über St. Gallen hinaus eine positive Ausstrahlung haben. Sicher ist, die 26 Mitglieder des International Students’ Committee sind Überzeugungstäter: Sie lernen bereits als junge Studenten, «emol richtig z’schaffe» und setzen sich während eines Jahres mit voller Kraft für ein Projekt ein. «Teamgeist, unternehmerisches Denken und Neugierde, das braucht ein ISC-Teammitglied», fassen die beiden Organisatoren zusammen, und schielen dabei bereits auf potenzielle Kandidaten für das nächste Team – denn nach dem Symposium ist vor dem Symposium.


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