Author Archives: Joe Winkelmann

  • Ein Wochenende in Paris

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    So lange hatte ich mich auf diese Reise gefreut, also musste sie ja gut sein, also sie war ja auch gut, aber – nein, was sage ich, kein aber, sie war gut. Punkt. Sie war toll.

    Wir, also ich und meine Freundin, also Ex, egal, ich und Kati, wir waren ja schliesslich nicht einfach irgendwo, wir waren in Paris, da will ja jeder hin, Stadt der Liebe und so.

    OK, ja, die haben irgendwie mein Gepäck verloren am Flughafen, also nicht verloren, sondern ausversehen nach Moskau geschickt. Aber ich wollte ja sowieso meine Garderobe mal auswechseln, und deswegen war es ja auch gar nicht schlimm, es war sogar gut, wir waren schliesslich in Paris, ist doch bekannt für Fashion und so.

    Ja, dass dann in der Metro in Richtung Innenstadt mein Portemonnaie von der Hosentasche geklaut wurde, das war nun wirklich blöd. Aber da war ich ja auch selber Schuld, meine Mutter sagt mir immer, ich solle das Portemonnaie nicht hinten in der Hosentasche so offen rumsitzen lassen. Ich glaube, ich musste das halt einfach mal selber erfahren, und jetzt, ja: Lesson Learned.

    Ein bisschen Münz hatte ich ja noch in der vorderen Hosentasche, und in Paris gibt es echt viele so Imbisse und so. Ich hab mir nen Kebab gekauft, 3 Euro, mit Scharf und allem, hat echt gut geschmeckt. Kati, du verpasst was, habe ich ihr gesagt, sie hatte eben keinen Hunger.

    Glück für sie, jetzt so im Nachhinein, mit dem Kebab war glaub was nicht ganz gut. Ging nur so dreissig Minuten, da war ich am Schwitzen und mein Bauch hat so komische Geräusche gemacht, das will man sich gar nicht vorstellen, aber ja, man kann sich ja denken, wie das weitergegangen ist.

    Auf jeden Fall bin ich direkt ins Hotelzimmer, und Kati hat alleine die Stadt erforscht, und das war auch ganz gut so. Ich meine, ich bin jetzt eh nicht so der Typ, der gerne rumläuft, und Geld zum shoppen hatte ich ja keins, also ja, Glück im Unglück, irgendwie.

    Wäre ich froh gewesen, wenn es mir schnell wieder besser gegangen wäre? Ja, logisch, also dass ich jetzt die ganze Reise lang zwischen Bett und WC-Schüssel herumgekrochen bin, das hatte ich mir jetzt sicher nicht so vorgestellt. Aber wir hatten im Zimmer einen Fernseher, also nur einen Sender, aber der war ganz gut. Und Kati hat neue Leute kennengelernt, da war ich ja froh, wäre ja doof gewesen, wenn sie meinentwegen im Hotel geblieben wäre.

    Und dass sie sich in einen von denen verliebt hat, ja, ich meine, ich will ja einfach, dass sie glücklich ist, und wenigstens war sie ehrlich. Und bevor sie dann das Hotel gewechselt hat, also als sie ihre Sachen geholt hat, hat sie ja gesagt, sie wolle weiterhin befreundet sein, und das fand ich nett. Insgesamt wars also echt ein Erlebnis, das vergesse ich so schnell nicht mehr, hätte ja auch viel schlimmer kommen können.

    Und deswegen sage ich ja immer, man solle positiv bleiben. Que Sera, Sera, es kommt, wie es kommen muss, alles hat einen – ach, ich kann nicht mehr: Die Reise war zum Kotzen.

  • … diese Prüfungseinsichten

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    Ich bin mittlerweile seit vier nebligen Herbsten in St.Gallen und rege mich in regelmässigen Abständen gleich stark über die Prüfungseinsichten auf. Und jedes Semester motze ich rum, bis der Ärger dann doch ziemlich schnell wieder vergeht, und irgendwann vergeht er immer, es sind ja nur Noten. Und ich tue nichts.

    Aber ähnlich nobel wie Emma Watson in ihrer Rede frage ich mich nun: “If not me, who? If not now, when?”

    Also, here it goes: Mitte Juni habe ich Mikro III geschrieben. Welch emotionaler Moment! Die meisten VWLer in der Leserschaft werden es nachempfinden können, diese vielen Modelle und ewig langen Übungsblätter und WTF?-Lösungswege und WTF?!!-Prüfung, endlich fertig.

    Aber trotz intrinsischer Motivation, Lernen fürs Leben und anderer studentischer Tugenden war das für mich nicht das Ende der Geschichte. Was fehlte? Die Note, natürlich. Die elende Note. Die erschien dann am 7. August (+48 Tage nach der Prüfung) in der Notenvoranzeige.

    Nun also mein erster Einwand: Muss das sein? Wieso sollen Studenten ewig auf Noten warten, die schon lange feststehen? Klar, vielleicht bin ich als VWL-Student ignorant, schliesslich sind ein paar Grenzraten schneller korrigiert als ein Aufsatz über die Rechtsgeschichte. Und Nachholprüfungen finden ja erst später statt. No big deal, meine ich eigentlich, denn ich sehe wahrlich nicht ein, weshalb alle Noten gleichzeitig erscheinen müssen.

    Gestern also 23. September, Prüfungseinsicht für Mikro III (+96 Tage nach der Prüfung): Ich sitze um 11:15 Uhr glücklicherweise als erster beim Professor alleine im Büro, die anderen 15 Studierenden warten draussen; “einer aufs Mal” heisst es hier. Jetzt soll ich mir konzentriert die Prüfung anschauen, meine Antworten mit der Musterlösung vergleichen – zu einem Stoff, den ich seit über drei Monaten nicht mehr vertieft behandelt habe – während der Prof mir alle zwei Minuten über die Schulter schaut, und ich mir ständig bewusst bin, dass ein Mob voller ungeduldiger Kommilitonen vor der Tür auf mich wartet. Toll.

    Wie gesagt, ich bin kein Jurist, aber die gegenwärtige Regelung erscheint mir unsinnig und ungerecht. Denn das Einzige, was ich heute Morgen sinnvollerweise tun konnte, war, meine Punkte zusammenzuzählen. Diese Chance ist gewiss nicht zu unterschätzen. Ich habe schon von genug Freunden gehört, bei denen falsch zusammengezählt wurde oder gar ganze Aufgaben vergessen gingen. Und in meiner Mikro-Prüfung fand ich tatsächlich noch einen einsamen Punkt (eine bessere Note gabs leider nicht).

    Aber viel wichtiger erscheint mir – vor allem an einer Universität – die Möglichkeit, inhaltlich zu argumentieren. Fragen können missverständlich formuliert sein, und es gibt – spätestens seit der Mittelschule – nur selten eine einzige korrekte Antwort. Eine Prüfungseinsicht wäre nach diesem Verständnis nicht bloss dazu da, Studierende Punkte zusammenzählen und auf Flüchtigkeitsfehler der korrigierenden Person hoffen zu lassen. Stattdessen könnten sie ihre vermeintlich falschen Antworten vertreten und dem Professor einen zur Musterlösung alternativen ebenbürtigen oder gar besseren Argumentationsweg aufzeigen. Oder eben (und dieser Punkt ist genau so wichtig) verstehen, wo sie falsch lagen.

    Eine Prüfungseinsicht in diesem zweiten Sinne bleibt mir im jetzigen System verwehrt. Nach mehr als einem Vierteljahr seit dem Kurs und der anschliessenden Prüfung hat der normale Student keine realistische Chance, sich innert weniger Minuten unter Zeitdruck auf einen Diskurs mit einer Autoritätsperson vorzubereiten, die ihr berufliches Leben dem Thema gewidmet hat.

    Meine Vermutung ist, dass ein solcher Diskurs auch im Sinne vieler Dozierenden wäre (oder dass sie sich an einem solchen wenigstens nicht stören würden) und dass die gegenwärtige Prüfungseinsicht bloss eine weitere unverständliche administrative Regelung ist.

    Den einzigen Grund, den ich erkennen kann, die Noten dermassen spät zu veröffentlichen, die Prüfungseinsichten noch später und zeitlich unflexibel festzulegen, und sie dann noch möglichst mühsam und umständlich zu organisieren, ist, die Rekurswahrscheinlichkeit zu reduzieren. Und dies, meine lieben Prüfungseinsichts-Regulatoren, ist ein Grund, der einer wissenschaftlichen Institution wie der HSG unwürdig ist.

    “Who Cares” schreien mir manche Freunde ins Ohr, da draussen gibts Politik und Kriege und Krankheiten, und ich naiver Student rege mich auf über – wait for it – Prüfungseinsichten? GET A LIFE. Und Recht haben sie natürlich schon, denn mein Problem ist im Vergleich so unbedeutend und so klein. Aber kleine Probleme haben eben oft auch einfache Lösungen.

    Und ich weiss, dass vielen Studierenden die Prüfungseinsicht und der Diskurs am Arsch vorbeigehen, aber wenn ich in Mikro III eine Sache gelernt habe, dann Folgendes: Wenn es eine Möglichkeit gibt, selbst ein paar Wenige besserzustellen, ohne jemand anderen schlechter zu stellen, dann soll man sie wahrnehmen. Alles andere ist ineffizient.

  • Ein Lernmorgen in St. Gallen

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    Die St. Galler Studierenden gelten als ehrgeizig, entschlossen, diszipliniert.

    Lisa schmeisst ihre Louis Vuitton Tasche auf den Tisch. Mit Lisas dünner, eher zerbrechlichen Gestalt ist man geneigt zu meinen, die Tasche sei leicht – aber nein, oh nein. Man bemerkt die Erleichterung in Lisas Gesicht, die Wucht, mit der die Tasche fällt, der Knall, der entsteht, als sie landet. Und dann, man kann es kaum fassen, was Lisa da nun alles rauszieht, Stück für Stück, endlos; sie eine Zauberin, und ich ein begeistertes Kind. Der Wahnsinn. Erster Ordner, ein Skript, ein Buch, aber was für ein riesiges Buch!, erste Schachtel Karteikarten, zweite Schachtel Karteikarten, iPad, iPhone, Macbook, zweiter Ordner, dritt- ah nein, da hat Lisa doch genug und lässt ihn wieder in die Tasche versinken. Das muss also reichen für den Anfang.

    Diese Universität sei kein Kinderspiel, heisst es von allen Seiten. Wäre natürlich auch nicht zu erwarten, man muss doch nur schauen, wie viele CEOs, CFOs, COOs, CTOs, CLOs, CROs sich hier schon durchgekämpft haben. Doch die richtigen HSGler, die meistern diese Unmengen an Stoff mit Bravour. Siehe Lisa: Um 10.30 Uhr sitzt sie bereits in der Halle des Bibliotheksgebäudes mit einem Arsenal an Lernmaterial. Die nächsten fünf Stunden werde sie hier konzentriert lernen, mindestens, macht sie ihrer Freundin am Telefon klar. Nein, sie komme heute weder ins Bodytoning noch ins Spinning noch ins Yoga. Heute ist Lerntag. Stoisch legt sie ihr iPhone auf die Seite, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit weg, nicht im Vordergrund, und gleichwohl noch im Blickfeld. Sie lehnt sich noch ein letztes Mal zurück, streckt ihre Arme in einer eleganten, dehnartigen Bewegung aus, rotiert den Kopf langsam nach links, nach rechts, und macht sich an die Sache. Sie zieht einen Ordner vorsichtig von ihrer beträchtlichen Sammlung hervor, schlägt ihn auf, atmet tief ein, und liest. Und wie sie liest! Mit ihrem Leuchtstift streicht sie an, was das Zeug hält, immer mehr, Zeile für Zeile, sodass es einem vorkommt, als habe sie vielleicht eine spezielle Strategie, als wäre das Nicht-Angestrichene das, was zählt, und nicht umgekehrt.

    BZZZZZ. Lisas iPhone vibriert neben ihr, und mit dem iPhone der ganze Tisch. Der Leuchtstift bleibt auf der Stelle stehen, Lisas Kopf weiterhin auf der Seite im Ordner fixiert. Sie wirkt verunsichert, gespalten zwischen dem iPhone und dem Ordner. BZZZZZ. BZZZZZ. Es vibriert nochmal. BZZZZZ. Ohje, das muss ja wichtig sein. Ein Börsen-Crash vielleicht? Auch die Lernenden an den anderen Tischen haben ihren Blick nun auf Lisa gerichtet, sichtlich gespannt, wie sie reagiert. BZZZZZ. Das wars, Lisa lässt den Leuchtstift fallen, greift zum iPhone, streicht ihren Daumen über den Bildschirm. Sie fängt an, mit ihren Daumen auf dem Bildschirm herumzudrücken, so unglaublich schnell. Man schaut begeistert zu, sie ist in ihrem Element, das ist Kunst.

    Ohne Vorwarnung steht sie nun abrupt auf, greift ihre Jacke, den Schal, lässt alles andere da, und spurtet zum Ausgang. Man vermutet, es sei etwas Schlimmes, etwas Tragisches vorgefallen, man will ihr helfen, aber alles halb so wild, wie sich herausstellt: Rauchpause mit der Freundin. Erste Zigarette. Ob sie gestern im Ele gewesen sei. Sicher, und dann noch im Trischli, und dann noch im Backstage, lustig sei es gewesen, sie wisse zwar nicht mehr alles, und sie sei heute morgen so kaputt gewesen, aber hey, YOLO. Zweite Zigarette. Ob sie schon ein Praktikum habe für den Sommer. Ja klar, bei der UBS, ihr Dad kenne da jemanden, voll die gute Bezahlung, und auch sonst, in Zürich arbeiten sei einfach geil. Dritte Zigarette. Ob sie schon gelernt habe auf die Prüfungen. Ja, gerade eben, aber sie müsse noch mehr machen heute, es sei so viel zum Lernen, und in der Lernpause sei sie ja in der Karibik.

    Zu zweit kehren sie nun wieder ins Gebäude, holen sich einen Kaffee, und begeben sich wieder an den Tisch, wo Lisas Ordner noch offenliegt und wartet. Lisa schliesst den Ordner und schmeisst ihn wieder in die endlose Tasche. Das wars wohl schon mit dem ersten Fach, so schnell geht das, so effizient sind diese HSGler, das macht einen doch zuversichtlich für das Wirtschaftswachstum unseres Landes. Lisa und ihre Freundin trinken ihren Kaffee langsam, reden über dies und das, über den und über die, man kommt gar nicht mehr mit. Es scheint allerdings nichts mit den Ordnern oder den Büchern oder den Karten zu tun zu haben, denn diese liegen allesamt auf einem Haufen auf der Seite.

    Nach einer Weile packt Lisa alles wieder in die endlose Tasche, Stück für Stück werden iPad, Macbook, Ordner, Bücher, Karten wieder von der Dunkelheit verschlungen. Man versucht zu verstehen, was passiert ist, und allmählich wird es klar: Sie gehen in die Mensa, um den grossen Ansturm zu umgehen, den es nachher mit Sicherheit gibt.  Aber Lisa macht vorher noch einen Telefonanruf, es scheint wieder die zu sein, mit der sie am Morgen bereits telefoniert hat: Sie komme zwar nicht ins Yoga, aber doch ins Spinning und ins Bodytoning. Immerhin habe sie am Morgen aussergewöhnlich viel für die Uni gemacht.

  • Liebes Italien

    9 Comments

    Grazie Mille, dass du Deutschland aus dem Turnier geschossen hast! Als Halb-Deutscher kann ich dies ganz objektiv unterstützen, ohne zu riskieren, als Deutschland-feindlicher “Hater” angesehen zu werden. (mehr …)

  • Von Sperrys zu Uggs: “Au revoir, mon cher été!”

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    Komisch- der Sommer scheint immer schneller zu sein als ich. Ich kann mich noch vage daran erinnern, wie der Schnee geschmolzen ist, wie die Tage länger geworden sind. Da waren plötzlich Blätter an den Bäumen. Da machten die Marroni-Stände zu, und die Restaurants und Beizen holten ihre Tische und Stühle aus dem Keller und stellten sie in den Aussenhof. (mehr …)

  • Lebst du noch oder putzt du schon?

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    Das WG-Leben ist spätestens kurz vor dem Schulabschluss eine Art globaler Jugendtraum. Zu diesem Zeitpunkt finden sich viele Jungs und Mädchen mitten „Aschiss vo mim Läbe“, sitzen sie denn auch unnötig in der Schule herum („Sie haben die Grenze von 10 Absenzeneinheiten überschritten“) , sehen sich von ihren Eltern entmündigt („Was macht diese Vodka-Flasche in deinem Zimmer?!“) und finden allgemein in ihrem Alltag nicht die Freiheit, die ihnen zusteht. (mehr …)