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  1. Mit der Axt auf der Suche nach Freiheit – Studententheater St. Gallen

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    Das Studententheater feierte am vergangenen Montag die Premiere des Stücks Graf Öderland. Dabei konnten die Schauspieler durch ihre leidenschaftlichen Darstellungen überzeugen und zwingen uns, die Definition eines Laientheaters zu überdenken – ein Rückblick.

    Ein gewissenhafter, gewöhnlicher Bankangestellter erschlägt scheinbar grundlos einen Hausmeister mit einer Axt. Damit beginnt die Handlung von Max Frischs Graf Öderland und das Studententheater St. Gallen zieht uns in eine düstere, blutige Welt axtschwingender Wahnsinniger, geführt durch die Gestalt eines ominösen nach Freiheit suchenden Grafen, der gar keiner ist. Der Staatsanwalt Martin sieht keine Möglichkeit einen Mörder anzuklagen. Der Mord geschah ohne jegliches Motiv. Er wurde jedoch aus einem ganz bestimmten Grund begangen, den der Staatsanwalt nur zu gut kennt. Aus Ekel vor der Eintönigkeit und Alltäglichkeit des Lebens, die sich ohne eine Möglichkeit zur Flucht tagaus, tagein wiederholt.

    «In dieser Welt der Papiere, in diesem Dschungel von Grenzen und Gesetzen, in diesem Irrenhaus der Ordnung» kann er nicht weiter sein. Er lässt somit sein bisheriges, bürgerliches Leben zurück, zieht in den Wald und wird die aus einer Legende entsprungene Gestalt des Graf Öderland. Er tötet, gewinnt Gefolgschaft und wird zum Anführer einer Rebellion, die das Zeichen der Axt trägt, welche auch seine bevorzugte Waffe darstellt. Der Staat wankt und der Graf sieht sich vor die Frage gestellt, ob er die Macht ergreifen soll.

    Eine Achterbahn der Gefühle

    «Erwache!», ruft Martin am Ende des Stücks verzweifelt und auch das Publikum erwacht aus einer Trance, aus einer etwas mehr als einer Stunde andauernden Mischung von Eindrücken, durchsetzt von Gefühlen der Nachdenklichkeit, Schockierung, Begeisterung und Belustigung. Kurz gesagt: alles, was es zur Unterhaltung braucht. Dabei konnte das Studententheater durch ihre leidenschaftlichen Darstellungen überzeugen. Es scheint, dass die Bezeichnung «Laientheater» dem Studententheater zunehmend Unrecht tut. Vor allem die solide besetzten Hauptrollen begeistern durch ihre schauspielerischen Fähigkeiten.

    Dem Studententheater gelingt es für einen kurzen Augenblick den Zuschauer in die Welt des Grafen Öderland zu entführen. Das Bühnenbild ist dabei ziemlich schlicht gehalten und unterstreicht so die Aussichtslosigkeit, den allgemeinen Terror und die Schrecklichkeit der Morde. Auch gewisse Schwierigkeiten – so sprang in einer bestimmten Szene das Radio auch nach mehreren Versuchen nicht an – konnten auf gelungene Art und Weise überspielt und durch eine lustige Improvisation seitens der Darsteller vertuscht werden. Dieses bedingungslose Engagement erklärt auch den jubelnden Beifall, der den Schauspielern am Schluss entgegenbrandete.

    Jenen, die sich die Aufführung noch nicht angesehen haben, bietet sich heute Abend und am Mittwoch, dem 3. Dezember, um 20:00 Uhr in der Grabenhalle nochmals die Chance dies nachzuholen.

    Das Öderländische im gewöhnlichen Mann

    Nie war das Theaterstück von Max Frisch aktueller als in der heutigen Zeit, welche dominiert wird vom Terrorismus des Islamischen Staats und in welcher eine zunehmende Erstarkung rechtsextremistischer Bewegungen zu beobachten ist. In Max Frischs Theaterstück wird der Ausbruch vom Staatsanwalt aufgrund romantischer Gefühle, aufgrund der Suche nach der persönlichen Freiheit lediglich zu einer Täuschung, einem Schein, der nicht ist. Diese Suche hat keinerlei ideologische Botschaft inne und geschieht lediglich unter dem plakativen Symbol der Axt. Sie soll den Verlust jeglicher moralischer und ethischer Grundregeln rechtfertigen für den Kampf nach der Freiheit.

    Dabei ist es doch schrecklich mitanzusehen, wie sich ein gewöhnlicher Bürger, ein Jedermann in die furchtbare Gestalt eines Wahnsinnigen verwandelt, der sich mit seinem Gefolge auf einen selbsternannten Kriegszug begiebt. Das Öderländische in einem gewöhnlichen Mann ist es, was wirklich einen schalen Geschmack im Maul hinterlässt, gepaart mit den sinnlosen Morden. Doch spenden angesichts dieses Terrors die Worte des Innenministers im Stück von Max Frisch einen gewissen Trost, nämlich, dass «wer um frei zu sein, die Macht stürzt, am Ende das Gegenteil von Freiheit erhält.»

    Bilder: Livia Eichenberger