Tag Archive: Studententheater

  1. Das Stiefelchen in der Grabenhalle

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    Durch den Tod seiner geliebten Schwester Drusilla seiner jugendlichen Naivität beraubt, verfällt Gaius Iulius Caesar, vielleicht besser bekannt als Caligula, in einen Wahn. Trunken vor Macht und dem Willen, Unmögliches zu erreichen, beginnt der zuvor gutmütige Kaiser seine Untertanen zu drangsalieren. Mit bestechender Logik begründet er sein Vorgehen; trotzdem zweifeln die Anderem an seinem Verstand. Nach und nach dezimiert sich die Anzahl seiner Anhänger, die Überlebenden verschwören sich gegen ihn und versuchen auch seine letzten Unterstützer zu überzeugen, sich von ihm abzuwenden. Doch wenn man nicht für ihn ist – ist man gegen ihn?

    Mit dem Stück von Albert Camus, das von historischen Texten inspiriert ist, hat sich das Studententheater St. Gallen eine schwere Kost vorgenommen. Durch die gleichzeitig moderne, aber mit den Kostümen trotzdem “wahrheitsgetreue” Inszenierung gelingt es dem Ensemble aber, die düstere Atmosphäre im caligulianischen Palast aufzulockern. Wenig überraschend war denn auch die gestrige Premiere in der Grabenhalle ausverkauft. Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Studententheaters überzeugten durch ihre Leistung, allen voran die beiden Hauptdarsteller Sophia Stöckl als Caesonia und Manuel Schär als Caligula, die den Wahnsinn gekonnt darzustellen wussten. Durch den Einsatz von Videotechnik gelang es dem Ensemble zudem dem Publikum ein Bühnenbild zu bieten, das man so auch aus grossen Häusern kennt.

    Die Inszenierung läuft noch heute und morgen Abend in der Grabenhalle, jeweils um 20.00 Uhr. Plätze sollten vorreserviert werden, Informationen zum Vorverkauf finden sich auf der Facebookseite des Theaters.

  2. Kleines Theater ganz gross

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    Mit dem Stück «Der Gemeindepräsident» versucht sich das Studententheater an einem eigens geschriebenen Stück. Wenn der Wille nach Veränderung die Vernunft um jeden Preis überzeugt – eine kurze Review.

    Gallwils Gemeindehaus bröckelt. Es ist derart baufällig, dass es nicht einmal betreten werden darf. So hat sich der Gemeindepräsent Bernhard Durrer, gespielt von Benjamin Gertsch, kurzerhand im Gasthaus «Löwen» einquartiert, mitsamt Akten und KV-Stiftin Miriam (Anne Gisler). Solitär spielend vertreibt er seine Tage, während der Unmut der anderen Gemeindemitglieder wächst. Sie wollen Gallwil wieder gross machen! Da kommt es nicht ungelegen, dass Simon Dubois, ein kreativer Architekt aus der Stadt, gespielt von Peter Simon Caplazi, mit seiner Freundin und Assistentin Tanja (Tanja Hessel) das Rathaus renovieren und seine Utopie einer Stadt, Futura, in der kleinen Gemeinde verwirklichen will. Schnell erkennt der gerissene Buchhalter Paul Gretto, gespielt von Manuel Schär, seine Chance, endlich an die Macht zu kommen und die Ära Durrer zu beenden. Zusammen mit dem Inhaber des Baugeschäfts Helg, Claudio Helg (Daniel Brantschen), überzeugt er den Gemeindepräsidenten davon, Gallwil wieder gross zu machen und das Dorf zu revolutionieren. Diese Zutaten führen zu einem explosiven Gemisch, dessen fatale Wirkungen sich im Laufe des Stücks rasant entfalten.

    Das Stück «Der Gemeindepräsident» schrieb Regisseur Benjamin Gertsch selbst. Nach den letzten eher schwermütigen Themen hat sich die Theatergruppe mit dieser Eigenproduktion an ein vermeintlich heitereres Stück gewagt, dessen Komik perfekt die Tragik unserer heutigen Zeit wiederspiegelt. Mehr als einmal blieb das Lachen im Halse stecken. Der Wunsch, nach «mehr», nach «grösser», «besser«, nach «great», ruft uns schmerzlich den zurückliegenden US-Wahlkampf in den Sinn. Das Stück beschreibt treffend, wie aus der Hilflosigkeit der Gesellschaft heraus der Wille nach Veränderung – um jeden Preis – die Vernunft überzeugt. Nicht Fakten, sondern Emotionen spielen die Musik. So erkennt man dann auch die Charaktere des Stücks in seinem eigenen Umfeld wieder: Sei es der KMUler, der über die Bürokratie und die Staatsangestellten wettert, der Schöngeist, der seine Utopie zu verwirklichen sucht, die eiskalte Anwältin, die über Leichen geht oder der Unternehmer, der – ein offenes Geheimnis – regelmässig die Damen im ortsansässigen Bordell beglückt. Die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler des Studententheaters war mehr als überzeugend und auch die oben nicht namentlich Genannten unterhielten und bereicherten das Schauspiel – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine vortreffliche Inszenierung!

    Das Stück ist noch heute Abennd, 14. Dezember 2016, in der Grabenhalle zu sehen. Tickets können über studententheater.stgallen@gmail.com reserviert oder direkt an der Abendkasse besorgt werden.

  3. «Fressen Sie mich!» – Studententheater St. Gallen

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    Wenn auf der Bühne unter dem Gelächter der Zuschauer Kasatschok getanzt wird, führt das Studententheater St.Gallen eine Vorstellung auf und begeistert das Publikum mit viel Leidenschaft.

    Das Studententheater St. Gallen feierte am Montag die Premiere mit dem Stück «Onkel Wanja» von Anton Tschechow. Ein eitler, an seinem Alter verzweifelnder, teilweise wahnsinnig erscheinender Professor, offenkundig ein Fabulant und dennoch ein heller Stern am Himmel der Akademikerszene, hält sich eine junge Frau und verdammt seine Tochter und seinen Schwager Wanja zur Plackerei auf dem Landgut. So finanziert sich der jammernde Intellektuelle seinen Lebensstil.

    Tschechow zeigt im Stück die Aussichtslosigkeit des eigenen Daseins. Die snobistischen Stadtmenschen leiden unter einer unkurierbaren Langeweile und laborieren an sich eingebildeten Krankheitsbildern. Wie bei Tschechow vielmals üblich, ist die Liebe aussichtslos, wird lächerlich gemacht und hat keinen Platz im Warten auf das eigene Ende.

    Sollte das nicht ein Drama sein?

    Mit russischen Theaterstücken ist das immer so eine Sache: Aussichtslos, dramatisch und theatralisch werfen sie den Zuschauer in einen tiefen Abgrund. In unseren Breitengraden verliert man schnell den Überblick über die ganzen nicht aussprechbaren Namen der zum Glück nur wenigen Protagonisten und ständig wird Wodka gesoffen, sich fast schon zur Bewusstlosigkeit gegurgelt. Auch in der Inszenierung des Studententheaters St. Gallen wird getrunken – Wasser versteht sich – und so tanzen in einer Szene der Arzt Michaíl Lwówitsch Ástrow und Iljá Iljítsch Telégin in einem trunkenen Wahnsinn den russischen Tanz Kasatschok auf der Bühne. Eine Tschechow-Inszenierung ohne Wodka-Flaschen, in der alle nüchtern sind? Das wäre zweifellos undenkbar.

    Trotz der allen Protagonisten gemeinsamen Hoffnungslosigkeit und dem doch düsteren Thema des Dramas, versetzen genau solche pointierten Darstellungen der Schauspieler mit den teilweise fast schon komödiantisch erscheinenden Einlagen das Publikum in oftmaliges Gelächter. Ob das wohl gewollt war? Dies unter anderem auch mit Sätzen wie «Bin eingeschlafen und habe geträumt, mein linkes Bein sei ein anderes.» oder dem Ausruf des Arztes «Fressen Sie mich!», worauf er sich anschliessend auf den Boden wirft und die Arme nach der Frau des Professors, Jeléna Andréjewna, ausstreckt. Dennoch haben gewisse Schauspieler etwas zu viel der Theatralik in die Darstellung ihrer Rollen gelegt und so hat das gelegentliche Lachen manchmal einen anderen Herkunftsgrund.

    Die Monologe der Hauptdarsteller, als charakteristisches Element für das Drama, wissen zu überzeugen. Vor allem die Darstellung des Onkel Wanja begeistert und es gelingt, dem Zuschauer tiefe Einblicke in die Gedankenwelt und Gefühle der Figur zu gewähren. Eine wunderbare, glaubwürdige Darbietung, die Respekt verdient.

    Grosse Erwartungen an die Zukunft

    Wieder konnte das Studententheater die Zuschauer mit den schauspielerischen Leistungen für sich gewinnen. Das letzte Mal schon mit der düsteren Darstellung von Max Frischs Graf Öderland und dieses Mal erneut mit der „Komödie“ Onkel Wanja von Anton Tschechow. Vergleichen kann man die beiden Aufführungen schon aufgrund der Unterschiedlichkeit der Handlung nicht, aber das ist auch gar nicht nötig. Beide bleiben für sich einzigartig und vor allem gelungen. Jenen, die sich die Aufführung noch nicht angesehen haben, bietet sich Dienstag bis Donnerstag, 10. bis 12. Mai 2016, jeweils um 20.00 Uhr im Figurentheater die Gelegenheit.

    Bilder Alexander Wolfensberger

  4. Russisches Drama in St. Gallen

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    Iwan Petrowitsch Wojnizkij, genannt Wanja, lebt mit seiner Nichte Sonja und seiner greisen Mutter Maria Wassiliewna auf dem Landgut seiner toten Schwester. Seit neustem lebt auch sein Schwager, Ehemann der verstorbenen Schwester, Professor Serebrjakow, mit seiner neuen, wunderschönen Frau Jelena auf dem Gut. Seinen Lehrstuhl für Kunst in der Stadt hat er aufgegeben, krankheitsbedingt, sagen die einen, weil er schlicht nicht fähig genug sei, die andern. Der Professor leidet, an Gicht, an Rheuma, an allem und an nichts. So ist der Bezirksarzt Astrow häufiger Gast auf dem Gut, um sich um die Gesundheit des Professors zu kümmern. So sehr das Gejammere ihres Vaters Sonja entnervt, so sehr freut sie doch die Anwesenheit von Astrow auf dem Gut, ist sie doch schon lange heimlich verliebt in ihn. Doch nicht nur Sonja scheint die Anwesenheit des Arztes auf dem Gut zu gefallen, auch die schöne Jelena findet Gefallen an Astrow, der etwas Abwechslung in den sonst so tristen und öden Alltag bringt. Und so kommt es, wie es kommen muss, wenn sich Langeweile und allzu viel Menschliches miteinander mischen…

    „Onkel Wanja“ wurde 1896 von Anton Tschechow verfasst und schliesslich 1899, kurz vor der Jahrhundertwende, in Moskau uraufgeführt. Das Studententheater St. Gallen freut sich auch dieses Semester, eine neue Interpretation eines alten Klassikers zeigen zu dürfen, die ihm neues Leben einhaucht.

    Die Premiere findet am Montag, 9. Mai 2016, 20.00 Uhr, im Figurentheater an der Lämmlisbrunnenstrasse 34 in St. Gallen statt. Weitere Aufführungen folgen Dienstag bis Donnerstag, 10. bis 12. Mai 2016, jeweils um 20.00 Uhr.

    Die Tickets kosten CHF 15 und können via studententheater.stgallen@gmail.com reserviert werden oder am Vorverkaufsstand vom 2. bis 4. Mai 2016 (von 10.00 bis 16.00 Uhr) und am 9. und 10. Mai 2016 (von 10.00 bis 14.00 Uhr) im Bibliotheksgebäude bezogen werden.

     

  5. Mit der Axt auf der Suche nach Freiheit – Studententheater St. Gallen

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    Das Studententheater feierte am vergangenen Montag die Premiere des Stücks Graf Öderland. Dabei konnten die Schauspieler durch ihre leidenschaftlichen Darstellungen überzeugen und zwingen uns, die Definition eines Laientheaters zu überdenken – ein Rückblick.

    Ein gewissenhafter, gewöhnlicher Bankangestellter erschlägt scheinbar grundlos einen Hausmeister mit einer Axt. Damit beginnt die Handlung von Max Frischs Graf Öderland und das Studententheater St. Gallen zieht uns in eine düstere, blutige Welt axtschwingender Wahnsinniger, geführt durch die Gestalt eines ominösen nach Freiheit suchenden Grafen, der gar keiner ist. Der Staatsanwalt Martin sieht keine Möglichkeit einen Mörder anzuklagen. Der Mord geschah ohne jegliches Motiv. Er wurde jedoch aus einem ganz bestimmten Grund begangen, den der Staatsanwalt nur zu gut kennt. Aus Ekel vor der Eintönigkeit und Alltäglichkeit des Lebens, die sich ohne eine Möglichkeit zur Flucht tagaus, tagein wiederholt.

    «In dieser Welt der Papiere, in diesem Dschungel von Grenzen und Gesetzen, in diesem Irrenhaus der Ordnung» kann er nicht weiter sein. Er lässt somit sein bisheriges, bürgerliches Leben zurück, zieht in den Wald und wird die aus einer Legende entsprungene Gestalt des Graf Öderland. Er tötet, gewinnt Gefolgschaft und wird zum Anführer einer Rebellion, die das Zeichen der Axt trägt, welche auch seine bevorzugte Waffe darstellt. Der Staat wankt und der Graf sieht sich vor die Frage gestellt, ob er die Macht ergreifen soll.

    Eine Achterbahn der Gefühle

    «Erwache!», ruft Martin am Ende des Stücks verzweifelt und auch das Publikum erwacht aus einer Trance, aus einer etwas mehr als einer Stunde andauernden Mischung von Eindrücken, durchsetzt von Gefühlen der Nachdenklichkeit, Schockierung, Begeisterung und Belustigung. Kurz gesagt: alles, was es zur Unterhaltung braucht. Dabei konnte das Studententheater durch ihre leidenschaftlichen Darstellungen überzeugen. Es scheint, dass die Bezeichnung «Laientheater» dem Studententheater zunehmend Unrecht tut. Vor allem die solide besetzten Hauptrollen begeistern durch ihre schauspielerischen Fähigkeiten.

    Dem Studententheater gelingt es für einen kurzen Augenblick den Zuschauer in die Welt des Grafen Öderland zu entführen. Das Bühnenbild ist dabei ziemlich schlicht gehalten und unterstreicht so die Aussichtslosigkeit, den allgemeinen Terror und die Schrecklichkeit der Morde. Auch gewisse Schwierigkeiten – so sprang in einer bestimmten Szene das Radio auch nach mehreren Versuchen nicht an – konnten auf gelungene Art und Weise überspielt und durch eine lustige Improvisation seitens der Darsteller vertuscht werden. Dieses bedingungslose Engagement erklärt auch den jubelnden Beifall, der den Schauspielern am Schluss entgegenbrandete.

    Jenen, die sich die Aufführung noch nicht angesehen haben, bietet sich heute Abend und am Mittwoch, dem 3. Dezember, um 20:00 Uhr in der Grabenhalle nochmals die Chance dies nachzuholen.

    Das Öderländische im gewöhnlichen Mann

    Nie war das Theaterstück von Max Frisch aktueller als in der heutigen Zeit, welche dominiert wird vom Terrorismus des Islamischen Staats und in welcher eine zunehmende Erstarkung rechtsextremistischer Bewegungen zu beobachten ist. In Max Frischs Theaterstück wird der Ausbruch vom Staatsanwalt aufgrund romantischer Gefühle, aufgrund der Suche nach der persönlichen Freiheit lediglich zu einer Täuschung, einem Schein, der nicht ist. Diese Suche hat keinerlei ideologische Botschaft inne und geschieht lediglich unter dem plakativen Symbol der Axt. Sie soll den Verlust jeglicher moralischer und ethischer Grundregeln rechtfertigen für den Kampf nach der Freiheit.

    Dabei ist es doch schrecklich mitanzusehen, wie sich ein gewöhnlicher Bürger, ein Jedermann in die furchtbare Gestalt eines Wahnsinnigen verwandelt, der sich mit seinem Gefolge auf einen selbsternannten Kriegszug begiebt. Das Öderländische in einem gewöhnlichen Mann ist es, was wirklich einen schalen Geschmack im Maul hinterlässt, gepaart mit den sinnlosen Morden. Doch spenden angesichts dieses Terrors die Worte des Innenministers im Stück von Max Frisch einen gewissen Trost, nämlich, dass «wer um frei zu sein, die Macht stürzt, am Ende das Gegenteil von Freiheit erhält.»

    Bilder: Livia Eichenberger