Der Weg in die Selbstständigkeit

Severin Bischof studierte an der HSG Juristerei, machte seinen Doktortitel und arbeitet nun als selbstständiger Anwalt in der Stadt. Dies alles meistert er im elektrischen Rollstuhl, mit grosszügiger Unterstützung seiner Assistenzhündin Arley.

Gehen zusammen durch's Leben und auf Menschen zu: Severin und Arley.

Seit mehreren Jahren arbeite ich bereits bei Severin als Assistent. Ein flexibler und – für studentische Verhältnisse – gut bezahlter Job stand in Aussicht, doch mittlerweile verbindet uns eine Freundschaft, welche über das Arbeitsverhältnis hinaus geht. So bin ich fasziniert, welchen Aufwand Severin auf sich nimmt, damit er ein selbstständiges und fast unabhängiges Leben führen kann. Dies obwohl er seine Arme nur sehr eingeschränkt bewegen kann.

Während dem Grossteil deiner Studienjahre hast du in einer betreuten Institution gewohnt, bist 2012 bei der Einführung des Assistenzbeitrags aber sofort in eine eigene WG gezogen. Was hat dich dazu bewogen?

Im Heim bist du aufgehoben, hast alles was du brauchst, aber nicht mehr. Alles andere, wie sich beruflich aus- oder weiterzubilden, aber auch die Freizeit, wie beispielsweise Kinobesuche oder mit Kollegen etwas unternehmen, braucht eine grosse Eigenleistung und Organisationstalent. Ich fühlte mich eher abgegrenzt, da ich durch mein Studium andere Kollegen und Perspektiven hatte. Dies war wohl der Hauptgrund, in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Hast du dich durch den Umzug freier gefühlt, da du nun machen konntest, was du wolltest?
Frei ist vielleicht das falsche Wort; es sind andere Unfreiheiten, welche ich einging. Ich bin nun nur noch so flexibel, wie es meine Assistenten sind. Nur wenn sich ein Assistent bereit erklärt, kann ich um ein Uhr in der Nacht ins Bett gehen, sonst früher. Im Heim konnte ich schlafen gehen wann ich wollte, da immer jemand Schicht hatte. Dafür habe ich nun keine Struktur im Tag und muss diesen selber planen. Seit ich aus dem Heim ausgetreten bin, musste ich sehr viel Eigenverantwortung übernehmen, denn ohne diese würde mein Tag nicht funktionieren. Aber wer ist schon völlig frei?

Von zu Hause ins Heim, in die eigene WG und nun in die Selbstständigkeit. Ist dies Ausdruck dafür, dass deine Selbstständigkeit den Höhepunkt erreicht hat?
Zugespitzt gesagt, war es die Angst vor dem Arbeitsmarkt. Erst hatte ich die Wahl zwischen Studium oder Lehre und ich habe mich fürs Studium entschieden, da dies mehr Perspektiven bot. Danach hängte ich noch das Doktorat und die Anwaltsprüfung an, um bessere Chancen zu haben. Nun stand also einer Anstellung eigentlich nichts mehr im Wege. Doch ich befürchtete, dass es für die Arbeitgeber schwierig sein könnte, blöde Fragen kommen würden und ich mich für meine Behinderung rechtfertigen müsste. So suchte ich nach einer Gemeinschaftskanzlei und fand diese. Nun bin ich selber frei, kann kommen und gehen wann ich will und bin in meiner Tagesgestaltung viel freier.

Wenn du in die Zukunft blickst, welche Ziele hast du dir noch gesteckt?
Für mich ist eher der Weg das Ziel. Ich mache, was mir gerade am besten gelingt oder wozu ich eine Chance bekomme. Eigentlich der Weg des geringsten Widerstandes. Das Doktoratsstudium war einfacher als sich dem Arbeitsmarkt zu stellen, die Selbstständigkeit ist besser als mich mich zu bewerben und mit Arbeitgebern herumschlagen zu müssen, welche meine Situation schlecht nachvollziehen können. Also mal schauen was sich noch alles ergibt.

Also hast du dich nur einmal für einen Job beworben?
Genau, nur beim Praktikum für die Anwaltsprüfung. Dort habe ich mich aber nur bei öffentlichen Arbeitgebern beworben, da ich wusste, dass diese die Pflicht haben, auch Personen mit Einschränkungen einzustellen. Dazu werden sie durch einen Fonds finanziell unterstützt. So konnte ich beim Kreisgericht mein Praktikum für die Anwaltsprüfung machen.

Wie findest du wirst du als Person im Rollstuhl in der Gesellschaft angesehen?
Viele Menschen scheuen sich, Kontakt mit mir zu haben oder schauen extra weg. Seit ich meine Assistenzhündin Arley habe, wirkt sie wie ein Eisbrecher. Menschen, die mich vorher nie angeschaut haben, schauen nun sie an und sprechen mich an. Es ist auch verständlich. Vorher hätten sie ein Gespräch mit «ah, du bist behindert!» starten können und nun mit «oh, du hast einen Hund!». Solche Interaktionen basieren auch auf Gegenseitigkeit. Ich spreche nicht so gerne andere Menschen an und schätze meine Ruhe. Doch mittlerweile mache ich mir keine Gedanken mehr zu dieses Thema.

Wie fühlst du dich in der Gesellschaft als Person mit Einschränkungen?

Während dem Studium wollte ich immer etwa die gleichen Noten wie die anderen. Ich wollte mich nicht so fühlen, als wären aufgrund meiner Behinderung auch meine Leistungen schlechter. Dies führte dazu, dass ich immer viel gelernt habe. Ich wollte zeigen, dass ich genauso viel wie andere leisten kann.

Wie war es für dich während des Studiums an der Universität?
Der damalige Studiensekretär half mir sehr. Er schaute, dass die Kurse, welche ich belegte, in rollstuhlgängigen Räumen stattfanden. Er fragte jeweils auch zu Beginn des Kurses, ob es Freiwillige gäbe, welche mir beim Jacke-Ausziehen oder Schreibsachen hervorholen helfen könnten und machte einen kleinen Einsatzplan mit den entsprechenden Studierenden. Mit der Zeit fing ich aber selber an, Kommilitonen zu fragen, ob sie mir helfen würden.

Was könnte die Gesellschaft anders machen, damit das Leben mit einer Behinderung einfacher geht?
Dass nach fünf Sekunden, nachdem Arley ihre Notdurft verrichtet hat, ein Passant dasteht und fragt, ob er den Kot aufnehmen darf (Severin lacht). Nein, es sind vor allem die kleinen Dinge. Wenn ein Ladenbesitzer eine Rampe statt zwei Tritte vor den Laden baut oder – das Wichtigste – dass man fragt, ob Hilfe benötigt wird.

Du hast vorhin vom Assistenzbeitrag gesprochen, was ist dies genau?
Seit 2012 können Personen einen Antrag an die IV stellen, damit diese einen monatlichen Betrag gutspricht. Mit diesem können helfende Leute angestellt werden. Grundsätzlich muss ich Assistenten suchen, welche mich unterstützen können, muss die- se anstellen, ihre Lohnabrechnung erstellen und die Einsätze planen. Also eigentlich betreibe ich ein KMU. Die meisten meiner Assistenten sind Laien, da der Stundensatz für Fachkräfte nicht reicht. So arbeiten bei mir auch zwei Studierende der HSG. Momentan arbeiten wir auch an einem Start-Up, um diese Organisation zu vereinfachen und suchen nach tat- kräftiger Unterstützung von Marketinginteressierten. Diese können sich gerne unter www.clea.app informieren und melden.


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