Er hat es seinen grossen Brüdern gezeigt – und wie

Die Herzlichkeit und Inspirationsfähigkeit des Thomas Dyllick wird allseits geschätzt. Nach über 40 Jahren geht seine Zeit an der HSG zu Ende – ein Porträt des Nachhaltigkeits-Pioniers.

Keine vier Wochen sind seit der bewegenden Abschiedsvorlesung von Thomas Dyllick vergangen. Die – haltet euch fest – 44-jährige HSG-Karriere des gebürtigen Deutschen hat ihr zumindest formelles Ende gefunden. Klar, dass nach einer solch langen Zeit Wehmut vorhanden ist, doch selbstverständlich sei er deswegen noch lange nicht fertig: «Ich habe noch viel Energie», stellt der 64-jährige Professor in Nachhaltigkeitsmanagement klar.

Einige Tage nach seiner letzten «Show» im Audimax blickt Thomas Dyllick voller Dankbarkeit auf sein bisheriges Leben zurück: «Es gibt keinen Traum mehr, den ich mir noch nicht erfüllen konnte», sagt er, der als jüngster von vier Brüdern aufgewachsen ist. Sein allergrösstes Ziel, es den älteren Brüdern mal richtig zu zeigen, realisierte er grandios. Schliesslich schaffte kein anderer seiner Brüder den Sprung in die «Academia».

Doch wieso ist Dyllick, der in gut-bürgerlichem Haus in Freiburg im Breisgau aufgewachsen ist, überhaupt jemals in St. Gallen gelandet? Sein Vater war Inhaber eines Baugeschäftes. Demnach war klar, dass der Sohnemann eine gute Universität zu besuchen hatte. Vorerst begann der junge Dyllick in Freiburg Mathematik zu studieren. Doch die Materie war ihm aufgrund der Abstraktheit schliesslich zu langweilig, sodass in der Folge die Wahl auf «eine gute Wirtschaftsuniversität» fiel. So stieg Dyllick im zarten Alter von 21 Jahren an der HSG im dritten Semester ein. Als Student respektive Doktorand konnte er sich nicht vorstellen, im provinziellen und langweiligen St. Gallen zu bleiben. So verzog er sich in der Folge immer wieder ins Ausland; war beispielsweise während zweier Jahre an der Harvard Business School. Doch er kam stets wieder zurück – die HSG und insbesondere ihre familiäre Kultur liess ihn nicht mehr los.

Auf seine Studienzeit blickt Thomas Dyllick sehr gerne zurück: «Ich führte ein lustiges Leben, wollte aber gleichzeitig etwas verändern und war bereit, Verantwortung zu übernehmen.» Da sich das Büffeln für die sehr guten Noten in engen Grenzen hielt, blieb viel Zeit für extracurriculares Engagement. So schlüpfte Dyllick etwa fürs Studententheater in die Rolle des priesterlichen Unternehmers und war auch sonst sehr stark in der Vereinslandschaft engagiert.

Dyllick studierte BWL, doch seine Vertiefungsrichtung Finanz- und Rechnungswesen fand er gegen Ende des Studiums furchtbar langweilig. Die eigentliche Erleuchtung erlebte er dann während einer Konferenz des SCO, heute Oikos, an welcher die Themen Umweltschutz und Umweltmanagement diskutiert wurden. «Die lieben Kommilitonen waren damals meines Erachtens zu unkritisch und vor allem zu unterwürfig gegenüber den Wirtschaftsvertretern», blickt Dyllick zurück. So sah er sich gezwungen, seiner Unzufriedenheit im Rahmen eines prisma-Artikels unter dem Titel «SCO: Quo vadis?» freien Lauf zu lassen (siehe «Aus dem Archiv» auf Seite 53). Daraufhin sprach er sich mit dem damaligen Präsidenten des SCO aus und kurze Zeit später war Dyllick seinerseits SCO-Präsident. Im Folgejahr organisierte er, der Verantwortung wahrhaftig nie scheute, das Symposium zur Thematik erneuerbarer Energien. Thomas Dyllick war auf bestem Wege, seine Berufung zu finden. 

Vom SGMM-Vater geprägt

Daraufhin schrieb Dyllick seine Dissertation und dann auch Habilitation bei Hans Ulrich, dem Vater des von Assessies heiss geliebten SGMM. Bis heute ist Ulrich jener Mensch, der Thomas Dyllick am meisten geprägt hat – obwohl sein Doktorvater ein miserabler Redner gewesen sei. In der Folge hatte Dyllick, der generell mit begrenztem Selbstbewusstsein zu kämpfen hatte, eine schwere Zeit durchzustehen. Während seiner Tätigkeit als vollamtlicher Dozent war lange unklar, ob er den Schritt zum Professor tatsächlich schaffen würde. Schliesslich wurde das Institut für Wirtschaft und Ökologie gegründet und er zum ausserordentlichen Professor auserkoren. «Ab diesem Zeitpunkt war alles wunderbar», gibt der 64-Jährige zu Protokoll. 

Zwischen 2001 und 2003 war er Dekan der heutigen School of Management und verantwortete die Bologna-Reform für die BWL. «Das war eine riesige Herausforderung, da sich niemand über grosse Veränderungen freut.» In der Folge holte ihn der damalige Rektor Peter Gomez als Prorektor für Lehre und Qualitätsentwicklung ins Rektorat. Während seiner acht Jahre als Prorektor baute Dyllick das gesamte Qualitätsmanagement auf – insbesondere flächendeckende Studierendenbefragungen. Auch hier machte er sich mit seinem Pioniergeist kaum Freunde: «Niemand lässt sich gerne bewerten, vor allem nicht Professoren.»

Während seines Schaffens legte Dyllick stets Wert darauf, sowohl die Schiene Wissenschaft als auch diejenige der Praxis zu fahren. So wurde beispielsweise die ÖBU – die Schweizerische Vereinigung für ökologisch bewusste Unternehmensführung – ausgehend von Oikos und mit aktiver Hilfe von Thomas Dyllick 1989 gegründet. Darüber hinaus stand und steht er Vereinen wie Oikos oder Student Impact stets aufopfernd mit Rat und Tat zur Seite – bei Oikos amtet er beispielsweise seit 1990 ununterbrochen als Beirat.

Burnout ausgeschlossen

Bei dieser unfassbar breit gefächerten Engagement-Palette schweifen die Gedanken rasch in Richtung eines potenziellen Burnouts. Umso mehr erstaunt Dyllicks Antwort: «Ich hatte nie ein Burnout und werde auch nie eines haben – das Leben ist viel zu schön.» Ausgleich zur grossen Arbeitsbelastung findet er bei seiner Familie und früher auch im professionellen Tischtennis. Zudem kocht er wahnsinnig gerne: «Ich liebe es, auf den Markt zu gehen und anschliessend mit frischen Lebensmitteln zu kochen – und zwar am liebsten für viele Leute.» Selbstverständlich geht er auch an Essen und Trinken mit einer Nachhaltigkeitsperspektive heran. 

Aus erster Ehe hat Thomas Dyllick vier adoptierte, haitianische Töchter, zu denen er ein sehr herzliches und enges Verhältnis pflegt. Gleich zwei Töchter trugen am Abend der Abschiedsvorlesung von tiefstem Herzen kommende Beiträge bei. 

Seit drei Jahren ist Dyllick neu verheiratet und wohnt in einer kleinen Wohnung in der St. Galler Altstadt – «wieder fast studentenartig». Seine jetzige Frau lebt in Lausanne, weshalb er oft quer durch die Schweiz reist. «Ich lebe seit 44 Jahren in der Schweiz und fühle mich hier mehr zu Hause als in Deutschland», stellt Dyllick klar. So bezeichnet er, der gerne jasst und seit Erhalt des roten Büchleins keine Abstimmung verpasst hat, sich heute stolz und gleichzeitig schmunzelnd als «richtigen» Schweizer.

Opfer des eigenen Erfolgs

Das Grössenwachstum der HSG betrachtet Thomas Dyllick als grosses Problem, da die HSG vor einer tiefen Kulturveränderung steht – weg von der überschaubaren, geradezu familiären Kultur. Hinzu kommt der Medical Master, welcher der HSG von der Politik aufs Auge gedrückt wurde. «Das führt zu einer Zersplitterung, die ganz schwierig wird», warnt der HSGler in persona. Auch den sechs neuen Professuren im Bereich der Digitalisierung steht er kritisch gegenüber. Aufgrund all der aufkommenden Probleme ist Dyllick dann doch nicht unglücklich, dass er nun in den Hintergrund treten kann.

Doch auf einen entspannten Lebensabend hat er vorerst keine Lust: Dyllick wird thematisch genauso weiterforschen wie bisher und weiterhin mit Doktoranden zusammenarbeiten. Auch den Weiterbildungslehrgang zu «Diploma in Advanced Sustainability» wird er gemeinsam mit seiner Frau weiterführen, um möglichst viele
«change agents» auszubilden. Darüber hinaus arbeitet das Ehepaar an einem innovativen Business-School-Ratingsystem. Dieses soll Aufschluss
darüber geben, inwiefern Business Schools zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen und ihre Absolventen für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ausgebildet werden. Getreu dem Motto: «Business Schools haben zu lange versucht, die besten in der Welt zu sein, statt die besten für die Welt.»


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