Moritz und Jonas: Ein Gespräch unter Freunden

Die HSG prägt und hinterlässt Spuren. Moritz Haegi hat eine ganz besondere Lebensgeschichte. Sein Studium, sein Wirken im prisma, seine Karriere als Rapper und sein heutiges Engagement bei der UNO in Genf.

Moritz bei seiner Bachelor Graduation in International Affairs. (zvg)

Jonas: Seit wann bist du von der HSG graduiert? Habe gehört du arbeitest mittlerweile bei der UNO und hast eine Rap-Karriere gestartet! Könntest du mir darüber etwas mehr erzählen?

Moritz: Im Herbst 2017 hatte ich meine Graduierung; das Jahr davor war ich jedoch schon nicht mehr in St. Gallen, also etwa vor 2-3 Jahren. Mein Weg zur UNO war jetzt nicht so besonders, nach der HSG bin ich ans Graduate Institute in Genf, zu welchem sich der diplomatische Dunstkreis der UNO etwa so verhält wie die Beratungsriesen zur HSG, nur das Letztere ihre Praktikanten um einiges besser bezahlen. Ernsthaft mit dem Rappen begann ich während dem Verfassen meiner Bachelorarbeit, also vor circa 3 Jahren – einerseits war das Rappen eine «sinnvolle» Art der Prokrastination, andererseits suchte ich ein kreatives Ventil, um einige persönliche Erfahrungen aufzuarbeiten. Auf eine Art war es auch ein Bruch mit der HSG Welt. Ich hatte wenig, das mich in dieser Zeit in St. Gallen hielt und wusste, dass ich nach Genf gehen würde. Zudem hatten mich die 3 Jahre an der HSG ziemlich politisiert, in Form von bewussterer Kritik am, einer Businessschool inhärenten, Freemarketnarrativ. Seither habe ich zwei Alben herausgebracht, das Erste, «Bösi Miene Zum Guete Spiel», war wie gesagt eher wütend, vielleicht eine Abrechnung mit gewissen Kreisen. Es war mir wichtig, das zu machen und ich bereue es kein bisschen auch wenn ich heute anders denke als damals. Dieses veränderte Denken zeigt sich auf meinem zweiten Album, «Madrugada», in welchem nicht die Wut, sondern die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die mich persönlich sehr beschäftigen, im Vordergrund steht.

Jonas: Die Dunstkreisdiskussion lasse ich jetzt mal aussenvor, verstehe aber deinen Punkt. Das Freemarketnarrativ sehe ich auch. Aus meiner Erfahrung setzen wir uns aber durchaus auch kritisch damit auseinander. Wer war den der Moritz, der damals an die HSG gekommen ist? Was waren seine Ideen und Prägungen? Mich würde das Delta von damals und heute sehr interessieren, das die HSG hinterlassen hat, und ich auch in deinen Texten zu sehen (oder hören) glaube.

Moritz: Als ich an die HSG kam, war ich weitgehend unpolitisiert. Ich dachte zwar, ich hätte ein politisches Bewusstsein, aber rückblickend war ich mir meiner Privilegien, welche mir ein bis dato relativ angenehmes Leben ermöglicht haben, nicht wirklich bewusst. Einmal pro Jahr in die USA zu fliegen, um Ferien zu machen und mich im Amerikanischen Konsumismus zu suhlen, verstand ich als die Norm und nicht als das Privileg einiger Weniger. Eigentlich dachte ich so bis weit in meine HSG-Zeit hinein. Wenn ich eine Zäsur meines Denkens benennen müsste, wäre dies wohl mein Aufenthalt in Nicaragua 2016. Obschon ich nur einen Monat dort war, erhielt ich genügend Eindrücke, die mir aufzeigten, dass die Mär vom Freihandel oftmals fehlschlägt und eine Mehrheit der Menschen zurück- lässt. Das Ironische daran ist ja, dass meine, durch ebendiese Machtstrukturen gesicherten Privilegien, eine solche Auseinandersetzung erst ermöglichen, etwa durch Reisen. Natürlich ist es unmöglich, sich selbst aus der Gleichung zu nehmen, aber bewusstes Denken und Handeln bewegt sich stets innerhalb eines Spektrums und sollte nicht schwarz und weiss moralisiert werden. Die kritische Auseinandersetzung mit der Welt ausserhalb unserer OECD-West Blase ist absolut notwendig und zeigt uns auf, dass wir im Schlaraffenland leben – auf dem Buckel jener deren Realität wir nicht sehen oder nicht sehen wollen. So betrachtet verkommen dann Statussymbole wie iPhones, Canada Goose Jacken oder Mercedes zu Absurditäten. Genauso die eher apolitische Selbstoptimierungskultur, welche durch Kurrikulum und Kultur in das alltägliche Handeln eingeht.

Ich möchte noch anfügen, dass es auch in unserer scheinbar humanisti- schen Gesellschaft viele Achsen der Diskriminierung gibt, wie etwa die anhaltende Ungleichbehandlung von basically anyone who is not a white, cis, straight male. Diese Diskriminie- rung kommt nicht von ungefähr; sie ist das Produkt gesellschaftlicher Machtstrukturen, welche die Macht- position dieser privilegierten Minder- heit reproduziert. Diese Problematik habe ich in meinen Liedern «Afang/ Endi» und «Wasser» zu thematisie- ren versucht.

Jonas: Ist deine Kritik an Pop- und Kon- sumkultur Teil des «konservativen» Moritz?

Moritz: Ich sehe, warum man dies so interpretieren könnte. Diese Kritik kommt jedoch nicht aus einem Wertekonservatismus heraus, sondern daher, dass dieser Materialismus, welcher von der Popkultur fetischisiert wird, an ein ausbeuterisches Wirtschaftssystem gekoppelt ist, in welchem sich ökonomische und politische Macht im globalen Norden konzentriert. Natürlich kann man niemanden gänzlich dafür verurteilen. Dieses Verlangen nach Konsum und Ablenkung ist soweit gesellschaftlich normalisiert, dass es sich am einfachsten leben lässt, wenn man die dahinterliegende Struktur nicht hinterfragt. Es geht da- bei nicht darum genussfeindlich zu sein, sondern vielmehr diesen konsumorientierten Lebensstil kritisch zu hinterfragen und neu zu definieren.

Jonas: Ich glaube die Gefahr besteht durchaus, dass man ein HSG-Studium, oder allgemein unsere Möglichkeiten im wohl wohlhabendsten und demokratischsten Land der Welt als selbstverständlich ansieht. Niemand bekommt solche Chancen wie wir. Kann man «uns» das vorwerfen? Oder liegt es an uns, es in die Übernahme von Verantwortung für die weniger glücklicheren/privilegierten umzumünzen? Auch hier in der Schweiz gibt es immer noch Unterschiede in der Zugänglichkeit zu den Chancen. Natürlich. Sind diese Unterschiede aber systemischer Diskriminierung geschuldet oder richtet sich die Verwirklichung dieser Chancen auch an den unterschiedlichen (und allesamt gleichwertigen, im Sinne von Wertvoll) Fähigkeiten und Interessen der Individuen? Ist es nicht falsch, die Gerechtigkeit einer Gesellschaft nur am Outcome zu messen?

Moritz: Ich halte vorwerfen für das falsche Wort, weil wir uns damit als Opfer stilisieren. Wir sind jedoch weit davon entfernt, Opfer der derzeitigen Chancenverteilung zu sein. Chancen erhalten zu haben ist nicht per se immoralisch, doch mit der Privilegierung kommt Verantwortung. Um die Ärzte zu zitieren ist es unsere Schuld, wenn die Welt so bleibt, wie sie ist. Zum Beispiel die Zustände in der Rohstoffindustrie. In der Schweiz sitzen mit Glencore, Vitol, Trafigura und anderen, weltweit führende Rohstoffkonzerne, welche zahlreiche Minen in Entwicklungsländern besitzen. Diese Firmen nutzen aus Profitinteressen die politische Instabilität in diesen Ländern aus und missachten dabei die Menschenrechte. Die Regierung vor Ort tut oft nichts dagegen, aufgrund von ‚Rentismo'(rent-seeking behavior) und Klientelismus. So bleiben die Stimmen der Bevölkerung stumm.

In der Schweiz gibt es nun eine Initiative, die Konzernverantwortungsinitiative (KOVI), welche diese Missstände entschlossen angeht. Sie fordert, dass Rohstoffhändler und andere Multis mit Sitz in der Schweiz für Menschenrechtsverletzungen im Ausland vor hiesigen Gerichten angeklagt und bestraft werden können. Dennoch deuten Apologetiker der herrschenden Wirtschaftsordnung die KOVI als fundamentale Bedrohung für die Schweizer Wirtschaft. Trotz grosser Unterstützung aus der Zivilbevölkerung, versuchen Parlament und Wirtschaftsverbände seit einigen Jahren der Initiative durch verwässernde Gegenvorschläge den Wind aus den Segeln zu nehmen, sodass ein provisorischer Abstimmungstermin schon mehrmals verschoben werden musste. Dabei wäre diese Initiative eine echte Chance, globale Verantwortung zu übernehmen, die sich aus der privilegierten Position der Schweiz und der dort ansässigen Multis ergibt. Obschon wir Schweizer es gerne glauben, werden wir das Weggli und de Foifer nicht ewig halten können. In diesem Sinne glaube ich sehr wohl, dass die Gerechtigkeit einer Gesellschaft am Outcome gemessen werden kann. Diese Doppelmoral versuche ich in meinem Lied «Test» anzusprechen, be- sonders in der dritten Strophe.

Jonas: Die Völlerei ist wohl so alt wie unsere Zivilisationsgeschichte. Ich würde das jetzt nicht dem Kapitalismus zuschreiben. Klar, unser westlicher, materieller Wohlstand heute ist historisch unvergleichlich. Und wir geben uns manchmal der Völlerei hin, in bester Tradition unserer Vorfahren. Sieht heute einfach nach mehr aus, da wir auch mehr haben. Ich sehe deine Kritikpunkte am Kapitalismus. Es ist ja auch kein Humanismus. It’s made to accumulate capital, which it does. Auf diesem Kapitalstock haben wir heute die gerechteste und fortschrittlichste Gesellschaft erschaffen, die es wohl je gegeben hat. Klar läufts nicht perfekt. Aber Menschenrechte haben wir jetzt schonmal erfunden, Atomwaffen eingedämmt, Europa befriedet, geistliche Autoritäten von staatlichen getrennt, sind auf den Mond geflogen. Das mit der Umwelt und der Verteilung kriegen wir doch auch noch hin.

Moritz: Kurz zu den Atomwaffen: Obwohl die Anzahl Sprengköpfe seit Ende des Kalten Krieges markant gesunken ist, besitzen moderne Nuklearwaffen eine signifikant grössere Sprengkraft, sodass von einer Eindämmung faktisch kaum die Rede sein kann. Dieses Beispiel veranschaulicht die selektiven Wahrnehmung, welche ich in meinen Texten anzuprangern versuche. Wir können noch lange über Innovation, AI und andere Technologien diskutieren; solange unser Denken von einem unersättlichen Wachstumsglauben getrieben ist, werden wir, im Angesicht der globalen Herausforderungen auf der Stelle treten. Technologisierung alleine wird den Klimawandel nicht aufhalten können; wir müssen unser bisheriges Verhalten radikal umdenken. Ich gebe dir Recht, dass der Kapitalismus im globalen Norden einen nie da gewesenen Wohlstand geschaffen hat; doch zu welchem Preis?

Die Wachstumsideologie schreibt vor: Wächst die Wirtschaft (gemessen am BIP), so geht es uns gut; stagniert oder, Gott behüte, schrumpft die Wirtschaft gar, so heisst das Sparen – Austerität, Sozialleistungs- und Bildungsabbau, sowie Entlassungen. Die Einbussen werden auf dem Rücken der Öffentlichkeit abgewälzt, während die Gewinne in private Hände fliessen. Es ist eben dieses Dogma, dass unsere Gesellschaften daran hindert, gerechter und überlegter zu handeln. Doch sollten wir nicht nach dem BIP fragen, sondern danach, wie der Wohlstand in einer Gesellschaft verteilt ist. Die Schweiz ist zum Beispiel weit vorne was Vermögensungleichheit angeht, nicht zu verwechseln mit Einkommensungleichheit. Solange wir zudem nicht hinterfragen, warum einige Wenige von diesem Wachstumsdenken wirtschaftlich und politisch profitieren, werden wir weiterhin dem falschen Bewusstsein verfallen, gesellschaftlichen mit ökonomischem Fortschritt gleichzusetzen.

Jonas: Ich nehme an du willst darauf hinaus, dass Ressourcenschonung wachsendem Konsum per se widerspricht. Und dass der Preis eines Produkts selten der wahre Preis ist, da die externen Effekte halt extern sind. Siehst du keinen Ansatzpunkt darin, über das Bewusstsein des Konsumenten zu gehen, um die Sache zu regeln? Autoritative Massnahmen sind zwar verlockend aber auch risikobehaftet, gerade bei non-ideal governance Systemen, welche es faktisch nicht gibt.

Moritz: Die Versteifung unseres Denkens auf die akkumulatorische Wirtschaft, ist meines Erachtens nicht mit einer konsequenten Klimapolitik kompatibel. Die UNO schätzt die Anzahl Klimaflüchtlinge für das Jahr 2050 auf bis zu 1 Milliarde. Sogar wenn man in Bangladesch eine Dammeinrichtung analog zu den Deltaworks in Holland bauen würde, so wäre es trotzdem zu spät für eine Vielzahl der Bewohner des Ganges Deltas.

Man kann nicht abschliessend belegen, dass der Kapitalismus Schuld an der Erderwärmung ist, doch in Anbetracht des Anstiegs der CO2-Belastung seit Beginn der industriellen Revolution, fällt es schwer einen anderen Katalysator für den Klimawandel zu finden. Dies soll jetzt nicht ein Pamphlet für Fatalismus sein. Wir, besonders WIR als Studierende und künftige Entscheidungsträger, haben die Möglichkeit das Schlimmste abzuwenden, wenn wir endlich die Vorboten der Klimakatastrophe erkennen, deren Ursachen grundsätzlich hinterfragen, und uns entsprechend mit den Opfern des Klimawandels solidarisieren, indem wir die Pforten der Festung Europa öffnen. Die vermeintliche Kompensation von externen Effekten ist Teil des Problems. Wenn wegen einer Kupfermine die Trinkwasserquelle eines indigenen Stammes auf Papua-Neuguinea kontaminiert wird, ist den Betroffenen mit Toitoi-Toiletten und Direktzahlungen wenig geholfen. Genauso wenig, wenn Glencore gleich neben seiner Mine in Espinar das beste Spital der Region Cusco baut um 40-Jährige mit Schwermetallvergiftungen zu behandeln – wenn diese Vergiftungen einzig und allein von der Umwelterschmutzung durch die Glencore-Mine verursacht werden.

Natürlich ist eine Incentive-Struktur als flankierende Massnahme für Unternehmen und Konsumenten wünschenswert. Dennoch denke ich, dass eine solche allein, unser Konsumverhalten, bei weitem nicht genug beeinflussen wird, um der Dringlichkeit der Klimaproblematik gerecht zu werden. Als ich vor 6 Jahren an die HSG kam, hätte ich dies wohl noch anders gesehen, doch eben die HSG hat mir beigebracht, dass normative Überlegungen dem Profit untergeordnet sind. Ich habe an dieser Uni mal den Strategic Stakeholder Ansatz gelernt. In diesem wird den zivilgesellschaftlichen Stakeholdern aus Entwicklungsländern eine geringere Wichtigkeit zugeschrieben, weil sie auf die Bottom Line keinen Einfluss haben. Dieses Verhalten entspricht dem moralischen Politiker nach Kant: Die Moral dient also als Mittel zum Zweck der eigenen Nutzen/Profitmaximierung. Dazu eine kleine Anekdote. Als ich bei einem PR-Berater arbeitete, wurde potenziellen Kunden CSR folgendermassen gepitcht: Ihr gebt X-Millionen für Marketing aus, der Grenzertrag eures Marketings wird also verschwindend klein; CSR ist mehr oder weniger das gleiche wie Marketing, nur dass ihr dort noch einen viel höheren Grenzertrag habt. In diesem Sinne wird CSR genauso als Mittel zur Profitmaximierung betrachtet.

Jonas: In deinem Song «Afang/Endi» rappst du über einen Freund der dann Schlosser geworden ist, da er deine Privilegien nicht hatte. Hast du schon mal daran gedacht, dass er vielleicht am Ende glücklicher ist als du?

Moritz: Das ist eine interessante Frage. Ich denke das ist gut möglich, denn Privilegien führen nicht unbedingt zu Glück, obschon sich einem mehr Chancen eröffnen. Ich sollte also eigentlich glücklicher sein, denn mir wurden viele Anläufe gewährt. Als es am Gymnasium brenzlig wurde, gab es für mich einen Plan B für die Matura, für ihn gab es den nicht. Nun kann man argumentieren, dass der privilegierte Mensch so viele Möglichkeiten besitzt, dass ihn die Erkenntnis dieser Freiheit unglücklich macht, denn sie verlangt Entscheidungen. Je mehr Privilegien, desto mehr steht man unter einem Entscheidungsdruck. Dennoch sehe ich das eher als Luxusproblem, quasi als Symptom der Wohlstandsverwahrlosung. Weniger Privilegien bedeuten im Umkehrschluss weniger Freiheit, und somit weniger Entscheidungsdruck. Obschon dies vermeintlich befreiend sein könnte, leidet man in dieser Position unter existentiellem Druck und ist grösseren gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Ich weiss nicht, wie glücklich mein Freund ist, weil wir uns seit Jahren kaum gesehen haben. Was mich persönlich betrifft, versuche ich meine Privilegien anzuerkennen und dafür dankbar zu sein und trotzdem zuzulassen nicht immer glücklich zu sein. Ich muss erkennen, dass ich viel weniger leisten musste als Andere, um zu sein, wo ich bin. Obschon der Liberalismus Chancengleichheit als die höchste Maxime ansieht, bin ich also das perfekte Beispiel, dass diese oft nicht existiert.


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