Nebenjob: Samenspender?

Welcher Junggeselle träumt nicht davon, mit der «Frucht seiner Lenden» Geld zu verdienen? Bis zu 3’000 Franken soll pro «Spende» gezahlt werden. Grund genug, meine ersten Schritte als investigativer Journalist auf äusserst schlüpfrigem Terrain zu wagen. Ein lukrativer Selbstversuch.

Geprägt von amerikanischen Teeniekomödien stelle ich mir das Unterfangen ganz einfach vor: Man geht spontan in eine Klinik, masturbiert in einen Becher und bekommt für seine Mühe einen kleinen Betrag cash auf die Hand ausbezahlt. Eine klassische Win-win-Situation: Gutes tun – schliesslich ermöglicht man jemandem, mit gutem Erbmaterial eine Familie zu gründen – und dabei Geld verdienen.

Als ich meine Bewerbung bei der Schaffhauser Praxis von Dr. Fehr einreiche, erscheint es mir zum ersten Mal unpassend, vom Spenden zu reden. Verkäufer wäre treffender. Schliesslich wirbt Fehr offensiv damit, dass er für eine Portion einwandfreien Erbmaterials bis zu 3’000 Franken berappt – offiziell allerdings nicht für die Ladung der bis zu 160 Millionen Spermien im Becher, sondern für «die entstandenen Umtriebe».

Obwohl ich im besten Alter, gross, gesund und gut gebildet bin, stehen meine Chancen, als Donator angenommen zu werden, statistisch gesehen nur ungefähr bei eins zu sieben. Die Qualität der Spermien nehme kontinuierlich ab, klagen Ärzte europaweit. Wäre ich nicht mitteleuropäischer Abstammung, würde mein Material direkt auf dem Kompost landen, so ungerecht das klingen mag. Für alle anderen ist die Nachfrage schlicht zu gering. Der Markt regiert wohl nicht nur in den Theoriebüchern der HSG. Ob man eines Tages auf den Samenpreis wird spekulieren können?

Fehr hat sich als Gynäkologe auf «Spenderinseminationen» spezialisiert und scheint damit mehr als ausgelastet zu sein. Auf meine Bewerbung antwortet er umgehend und knapp mit der obligaten Informationsbroschüre und dem Hinweis, dass die aufgebaute Datenbank momentan ausreiche, um die steigende Nachfrage – seine Praxis berät im Schnitt pro Tag ein Paar – zu bedienen. Sein Supply Chain Management geht wohl auf und die Spendebereitschaft der Schweizer Männer ist höher als ich erwartet habe. Nach geltendem Recht ist nämlich ein Bundesamt für Zivilstandswesen (von dem ich zum ersten Mal höre) dazu verpflichtet, Kindern aus künstlicher Befruchtung bei Erreichen der Volljährigkeiten den Namen des Vaters preiszugeben. «Anonym» ist etwas anders und auch ich muss kurz schlucken bei der Vorstellung, in gut 18 Jahren vielleicht meinem unbekannten, von Fremden erzogenen Kind in die blauen Augen zu blicken – auch wenn dieser Rechtsanspruch aus Kindessicht wohl kaum zu bestreiten ist.

«Es gibt grundsätzlich drei Typen von Männern, die bei uns anfragen», teilt mir eine Angestellte der Praxis mit und bestätigt meine Theorie, die ich in guter alter «Blick-am-Abend»-Schubladisierungsmanier entwickelt habe: Am wichtigsten für die Klinik ist der Gutmensch. Er erhofft sich, einem enttäuschten und verzweifelten Paar neues Leben und Grund zur Hoffnung zu schenken. Edle Motive, für die er allerdings auch Anerkennung (insbesondere von Seiten des Kindes) erwartet. Viel nüchterner betrachtet der Realist die Angelegenheit. Er kalkuliert Nutzen und Kosten und würde, wenn möglich, sein Sperma auch auf Unirecycling verkaufen. Für ihn sind seine starken Schwimmer eine wichtige Währung. Der dritte Typ hat zwar moralische Zweifel bezüglich seines Unterfangens, die er aber nicht ausräumen kann, solange er es nicht zumindest ausprobiert hat: der Entdecker. Seine Kühnheit hält sich allerdings in Grenzen, denn die fehlende Anonymität ist ein echter Grund für einen Rückzieher. Ein vierter Typ, der verrückte Professor, ist bereits nicht mehr gefragt. In den 80er-Jahren verfolgte der Amerikaner Robert Klark Graham noch das Ziel, die genetischen Voraussetzungen für eine intelligentere Zivilisation zu verbessern und forderte alle Nobelpreisträger dazu auf, ein Röhrchen gefüllt mit ihrem kostbaren Intelligenzelixier in seinem «Repository for Germinal Choice» abzuliefern. Bis zur Schliessung 1999 gingen daraus immerhin 251 Kinder hervor. Unumgänglich muss ich mir die vier Typen vorstellen, wie sie fast schon im Akkord im Behandlungszimmer verschwinden und nach wenigen Minuten den Becher wieder abliefern. Als Frau würde ich mir noch einmal gut überlegen, ob das wirklich die genetische Herkunft meines zukünftigen Kindes sein soll.

Ob ich denn bereit wäre, zur Umgehung der bürokratischen Hürden nach Spanien zu fahren, werde ich noch gefragt. Dort sei alles viel unkomplizierter und vor allem müsste ich keine Registrierung oder Ähnliches befürchten. Sofort stelle ich mir eine leicht dubiose Praxis vor, die der spanischen Immobilienkrise zum Opfer gefallen ist und nun als Versuchslabor für den médico und seine Probanden aus ganz Europa dient. In einem kleinen, dunklen Raum würde ich mir im Angesicht der willigen Natalia und der gierigen Lucía einen runterholen und damit leben müssen, dass das Resultat danach in alle Welt verschifft wird.

Stattdessen werde ich in der anderen Himmelsrichtung fündig: in Dänemark. Die liberalen Skandinavier erlauben nämlich nicht wie die Schweiz, nur den im Sinn der traditionellen Ehe verheirateten Paaren eine künstliche Befruchtung mit meinem Erbgut. «Bei uns in Dänemark steht die Möglichkeit, eine eigene Familie zu gründen, jeder Frau offen, auch Singles und lesbischen Paaren», erklärt mir die freundliche Hebamme einer Kopenhagener Privatklinik am Telefon. Interessanterweise spricht sie fliessend Deutsch. «Wenn man sich eine Behandlung in Ihrer Elitepraxis leisten kann», denke ich mir dazu. Umso erstaunter bin ich über die Preisauskunft: Frau zahlt 550 Euro für einen anonymen, 820 für einen nicht-anonymen Samen. Dass man die Liste aller Kandidaten nach Hause geschickt bekommt und sich in Ruhe auf dem Sofa Haarfarbe, Beruf und Grösse des Vaters auswählen kann, versteht sich von selbst. Zusätzlich werden ungefähr 200 Euro für ein Informationsgespräch, sowie umfassende Tests bei Erbgutanbietern und -nachfragerinnen erhoben. Allerdings führt eine Insemination selbst bei Jüngeren nur in 25 Prozent der Fälle auf Anhieb zu einer Schwangerschaft. Bei Frauen über 40 klappt es im Durchschnitt bei jedem zwölften Versuch.

Obwohl gewisse Zweifel bleiben, bin ich erstaunt, wie offen und professionell man mit der Samenspende umgehen kann und habe grossen Respekt vor ehrlichen Spendern und den umsorgenden Müttern, für die ein Lebenstraum in Erfüllung gehen kann. Rein kommerziell motivierte Verkäufer sollten allerdings die Finger davon lassen, zumal das Geschäftsmodell ohnehin nicht sehr nachhaltig ist. Von Gesetzes wegen dürfen nämlich maximal acht Kinder vom selben Spender stammen, um die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass sich irgendwann zwei von ihnen ineinader verlieben.


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