Ready, set, hack!

35-stündiger Programmierwettbewerb «Start Hack 2019» als Ideenschmiede für grossartige Projekte.

Emsiges Treiben in der Organisationszentrale des START-Teams.

Der «START Hack»-Hackathon findet seit 2015 an der HSG statt. Hier wird jedoch nicht aus kriminellen Motiven gehackt, eher ist in enorm kurzer Zeit Software mithilfe von cutting-edge Technologien zu entwickeln und zu pitchen. 35 Stunden Entwicklungszeit. Über 50 Teams buhlen um die Gunst der Juries. Sie haben Freiraum bei Auswahl und Umsetzung. So zum Beispiel setzen Bosch und InventX den Schwerpunkt IoT (Internet-of-Things), Microsoft AI/KI (künstliche Intelligenz) und FLETA Smart contracts und Blockchain-Entwicklung. Das Format fruchtet. Gut 80 Prozent der gepitchten Projekte seien «grundsätzlich brauchbar», hörte ich später einen der Microsoft-Juroren bei der Urteilsberatung. Auch wenn sie nicht in die engere Auswahl kommen, können Teams bspw. durch Workshops oder Funding gezielt weiter unterstützt werden

Vitek, Andreas, Nick und David, Teilnehmer am diesjährigen START Hack, waren jeweils schon einzeln auf einigen Hackathons und haben sich für die von Microsoft gestellte Problemstellung zusammengetan. App-Entwicklung mit KI für einen positiven Impact «AI for good» lautet hier das Motto. Ihre App ‘Periscope AI’ soll ärmeren blinden Menschen helfen, Gefahrensituationen besser zu bewältigen. Das Team spezialisiert die Entwicklung vor allem auf Text- und Gefahrenerkennung, wobei der KI-Algorithmus «NeuroTalk 2» als Framework dient; er erkennt Objekte auf Bilddateien in Videos. Die App wird gestartet, das Smartphone durch eine Halterung mit der Kamera nach vorne zeigend positioniert. Die Gegenstände werden durch NeuroTalk (teilweise ungenau) bestimmt. Durch ein Text-to-Speech Plug-In erfolgt die Audioausgabe des Textes, auch eine Sprachübersetzung ist inkludiert. Ermöglicht wird beides durch den Microsoft Azure Server, auf dem die Daten zur Sprachübersetzung und TtS liegen.

Arbeitsethos und Konkurrenzdruck
Was sich in der Theorie noch verständlich anhört, ist äusserst fordernd. In dreistündigem Rhythmus finden organisierte Meetings zur Lagebesprechung und zum Agenda Setting statt. Layout- und Back-End-Entwicklung, Bugfixing und Präsentation sind in der Verantwortung der vier – jeder wird bei Problemen in die Diskussion mit eingebunden, jeder hat Verantwortung für seinen Task. Die Stimmung schwankt je nach Situation. Hochkonzentriert programmieren die Glücksritter beieinander, gönnen sich kaum eine Pause. Gegen 19:30 Uhr, Abendessen. Entspannung? Von wegen! Plötzlich nähert sich ein Kontrahent. Der hoch kompetitive Geschmack des Hackathons wird deutlich. «Bist du auch im Microsoft Case?», fragt er. «Ja… Was macht ihr?», fragt David nichtsahnend. «Nun, wir machen eine App für Blinde, die per Kamera Gefahren erkennen kann. Ein Alarm wird dann abgespielt.» Dem Team bleibt fast die Pizza im Hals stecken. Das andere Team hat nicht nur die fast gleiche Idee, es ist ihnen auch ganz dicht auf den Fersen. David gibt sich gelassen, die Software der Konkurrenz hat deutlich weniger Funktionen, sagt er – doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Es dunkelt und wird hektisch

12 Stunden noch, der Geräuschpegel steigt. Immer wieder tauchen Probleme auf, mehr als am Anfang gedacht. Ich tauche für einige Minuten ab. Es wird deutlich, ebenso unterschiedlich wie die Teams und deren Herkunft sind auch deren Vorstellungen vom Einsatz ihrer Technologie.

Vor der Uni treffe ich den hochmotivierten Abhinav, angereist aus Indien mit seinem Team. Sie haben dort vor kurzem in einem landesweiten (!) Programmierwettbewerb den ersten Platz belegt. Auch sie beschäftigen sich mit dem Thema KI, allerdings für die Bosch Challenge. Anders als das Periscope AI Team haben Sie den KI-Algorithmus kurzerhand selbst programmiert und lernen lassen. Erst vor zwei Jahren habe er mit dem Programmieren angefangen. Er demonstriert mir stolz seine KI, die viele Anwendungsbereiche hat: Gesichtserkennung per Kamera von Supermarkt bis Auto soll vor allem besser aufgeschlüsselte Daten für Zielgruppenanalysen, Scoring u.Ä. bereitstellen. Bis zu fünf Emotionen kann das System zudem erkennen. All das läuft auf einer kleinen Device, die Daten werden ausschliesslich lokal gespeichert, das vor allem datenschutzrechtliche Vorteile haben, doch Abhinav könne sich auch vorstellen diese zu umgehen. Wer profitiert davon? Ein grosser Markt, doch der positive gesellschaftliche Einfluss ist völlig fraglich. Die Datensammelwut bei Facebook, Google und Co. ist Datenschützern längst ein Dorn im Auge. Auch im Government Bereich lässt z.B. die jüngst von der EU-Kommission beschlossene umstrittene Biometrie-Datenbank Eurodac deren Alarmglocken schrillen.

Die Angst vor KI ist nicht unberechtigt, denn es ist vor allem die Frage, wie es angewendet wird.

Dennoch, für Bosch IoT haben sie das Ziel, die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Anhand von Emotionserkennung im Auto wollen sie akustische Feedbacks und Musikanpassungen vornehmen. Ist der Gesichtsausdruck bspw. aggressiv, wird ruhige Musik zur Entspannung gewählt. Man kann die KI jedoch mit Grimassen täuschen.

Abhinav und sein Team   
Team Periscope AI ist kurz vor Mitternacht gut im Zeitplan. Ab und an stürzt die App auf dem Handy noch ab, auf dem Computer läuft sie ohne Probleme. Vor allem der Pitch wird geplant, nur noch wenige Tasks, wie die Implementierung der Übersetzungsfunktion, stehen an. Vitek schuftet am Debugging, Andreas ist an der Präsentation, Nick an der App-Entwicklung. Parallel dazu ist David mit der gleichen Aufgabe mit anderer Software betraut. Durch diese Strategie wollen sie sicherstellen, dass sie mindestens eine funktionierende Version haben, wenn es hart auf hart kommt. Der Workflow des Teams ist beeindruckend. Gegen 03:00 Uhr morgens beginnen Sie einen ersten Testlauf. Nicht alle Teams sind noch immer so motiviert. Manche haben bereits innerlich aufgegeben. Andere legen sich schlafen, um für den Pitch fit zu sein. Auch das tapfere START Organisationsteam werkelt nur noch im reduzierten Modus.

Kurz vor der Abgabe

09:30 Uhr am Morgen – 30 Minuten vor der Deadline wache ich mit Rückenschmerzen irgendwo auf einer Couch auf. Vor der Uni höre ich die Vögel singen. Team Periscope AI ist längst auf den Beinen, im Endspurt. Die App steht, das Team ist müde und mit seinen Kräften am Ende. 10 Minuten vor Ablauf der Deadline wird es noch einmal knapp. Das Team ist in der Besprechung als sei noch massig Zeit. Nach dem Upload um 10 Uhr haben sie kurz Zeit, die Pitches vorzubereiten. Jede Minute wird bis zum Schluss ausgekostet.

Juries, Pitches und Siegerehrung
Die Deadline ist abgelaufen. Im Case Microsoft muss Team Periscope AI sich vor der fünfköpfigen Jury gegen einige andere bemerkenswerte Teams durchsetzen. Die Arbeit der 35 Stunden auf 10 Minuten komprimiert. Wer dabei schon ein funktionierendes Produkt live demonstrieren kann, ist im Vorteil. Bonuspunkte bekommt, wer sich Gedanken über Roadmap, Lizenz und ggf. Customer-Model gemacht hat.

Die Idee, blinden oder taubstummen Personen zu helfen, wurde von mehreren Teams aufgegriffen, doch nicht alle sind fertig geworden. Manche Teams sind an der Programmierung gescheitert, wollen dies aber nicht zugeben. Fragen wie «Where is the coding part?» musste sich etwa ein Trio von Business-Studentinnen aus Schweden stellen. Mit ihrer App Call4All wollten sie taubstumme Menschen monatlich zur Kasse bitten, damit diese ein Telefonat in Textform führen können. Da sie überhaupt kein funktionierendes Produkt vorweisen können, hagelt es Kritik.

Die Microsoft-Jury berät sich. Im Audimax folgt anschliessend die Siegerehrung. Zunächst werden die Case Sieger verkündet anschliessend die ersten drei Plätze mit den Hauptgewinnern. Der erste Platz geht an «404 – Team not found». Ihr bahnbrechender Algorithmus «Pax» wird die Helligkeitsschwankungen bei Videos live adjustieren und glätten, sodass Epileptiker diese ohne Einschränkungen anschauen können. Eine Innovation, über Open-Source vertrieben, und somit kostenlos abrufbar. Eventuell kann die Software auch vorbeugend wirken.


Bewertungssystem und Organisation
Als problematisch sahen einige Teilnehmer vor allem das Bewertungssystem an. Natürlich sollte jeder Case Partner selbst seinen Gewinner bestimmen. Die Besetzung der Hauptgewinner 1. bis 3. Platz erfolgte jedoch anders: Über einen Bewertungsbogen wurden diese drei Teams von den insgesamt acht Jury-Gruppen auserkoren. Das ist subjektiv und für ein Ranking ungeeignet. Das Bewertungssystem rechnet zwar mit einem Filter bei tendenziell abweichenden Juroren. Dies ist jedoch intransparent. Es ist nur schwer quantifizierbar, inwieweit ein Juror genau in seiner Bewertung nach oben oder unten von den anderen abweicht. Andererseits ist ein einheitlicher Filter zu ungenau. Besser wäre, die Wahl der ersten drei Plätze über ein Voting-System mit den Teilnehmern selbst durchzuführen, bei dem die Jury nur eine Vorauswahl trifft. So könnte es z.B. bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen zu einer transparenten Stichwahl kommen.

Bevor es für die Teams zurückgeht wäre zudem ein organisierter Rahmen fürs Networking unter den Teams mit Open-End oder Location-Cleaning schön gewesen, sodass nicht alleine am Bahnhof oder Flughafen gewartet wird. Die operative Organisation durch das START Team – eine Mammutaufgabe – wurde dankend gelobt.

Ergebnisse (Hauptgewinner):
1. Platz: Team 404, Pax, Video Flashlight Filter für Epileptiker, Open-Source Plug-In
2. Platz: LAIKA, Hardware Tool für Architekten zur     Raumvermessung
3. Platz: Team Chinchilla, Carsharing App für Volvo (Team der Universität St.Gallen)


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