Von schimmligen Bananen, traurigen Fischen und Kriegsveteranen

Wie Jana und ich bei dem Orientierungslauf an der HSG gelitten, geschrien und es schlussendlich doch irgendwie ins Ziel und zu unserem Erstaunen gleichzeitig auf das Podest geschafft haben.

© Alessandro Massaro

Zweifelnd blicke ich am Morgen aus dem Fenster in den grauen St. Galler Himmel. Dass wir so früh wie möglich für den
Orientierungslauf starten sollen, hat mich Jana streng belehrt, als ich einen späten Startzeitpunkt vorschlug, um
ein wenig ausschlafen zu können. Denn in der Früh, da sei es noch nicht heiss und man könne viel schneller und länger rennen. Der Sonntag, Tag des Laufes, präsentiert sich dann nasskalt mit frischen acht Grad. Ich treffe mich mit Jana an der Uni und wir laufen gemeinsam Richtung Unisport. Es gibt uns gleich ein gutes Gefühl für den kommenden Orientierungslauf, als wir erst beim zweiten Versuch den richtigen Weg zu den Garderoben einschlagen. Die Anmeldung gestaltet sich dann sehr unkompliziert. Wir wählen den Lauf, den man zu zweit absolvieren kann und der sich über knapp zwei Kilometer erstreckt.

Jana platziert ihr Gepäck in der Garderobe, als mir erschreckenderweise einfällt, dass ich noch nichts gefrühstückt habe. Und ohne Kohlenhydrate kann man bekanntlich nicht richtig rennen, habe ich munkeln hören. Zum Glück zaubert Jana eine Banane aus den Untiefen ihrer Tasche hervor und ich verspeise schnell den Brei dieser Frucht (die sie aber extra für mich mit-
genommen hat, da sie wusste, dass ich vergessen würde zu essen).

Professionelle Fotografen

Wir begeben uns mit dem inzwischen eingetroffenen Fotografen vom prisma in Richtung Startlinie. Ich bin beeindruckt von seiner professionellen Aufwartung mit schickem gelben Reportermantel, bis er frei heraus und ohne jegliche Schuldgefühle meint, dass er nur sein Smartphone als Fotoapparat dabei hätte. Aber das würde gar nichts machen, denn er müsse einfach mehr
Fotos schiessen, dann würde niemand etwas bemerken: Wenn es mit der Qualität nicht läuft, kommt halt die Quantität zum Zuge.

Ein wenig enttäuscht bin ich aber schon, habe ich mich doch bereits in einer dynamischen Nahaufnahme als Model für die neue prisma-Werbekampagne gesehen. Am Start angekommen wird uns professionell das Konzepts des OLs erklärt. Jana nahm zwar früher regelmässig an Läufen teil, an die Bedeutungen von Symbolen auf der Karte und sonstige grundlegende Abläufe
eines Orientierungslaufes mag sie sich aber nicht mehr so recht erinnern. Die Regeln gestalten sich als eher simpel:

Man hat mittels einer Karte nacheinander Posten abzuklappern und sich an diesen mit einem elektronischen Speichergerät einzuchecken. Die Posten sind teilweise ein wenig versteckt platziert, weshalb ein zweites Blatt mit Symbolen hilft, welche die genauere Umgebung beschreiben.

Ein Sprint mit Folgen

Wir rennen also los – und stolpern schon in die ersten Probleme. Beim Start hat uns die Instruktionsperson die Karte gegen Norden ausgerichtet. In meiner Aufregung habe ich aber so sehr mit der Karte herumgewedelt, dass sie nicht mehr Richtung Norden zeigt. Wir suchen also verzweifelt den ersten Posten – und finden ihn nicht. Nach zwei falschen Posten beginne
ich, an der Sinnhaftigkeit dieser Übung zu zweifeln und wünsche mich in das warme Bett zurück, bis der richtige Posten doch gefunden wird und die Motivation wieder steigt.

Wir befinden uns unterhalb der Universität und haben die Strecke laut Plan hochzurennen. Es handelt sich nämlich nicht um einen klassischen Orientierungslauf im Wald, sondern um einen Sprint-OL in der urbanen Umgebung der HSG. Jana hat sogleich eine Idee. Die Idee ist nicht gut. Sie beginnt in einem enormen Tempo die steile Strasse den Rosenberg hochzusprinten.

Entsetzt schaue ich zu und versuche, einigermassen mitzuhalten. Wenn sie dieses Tempo halten würde, denke ich mir, würde ich den Lauf niemals bis zum Ende durchhalten. Nach dem ersten Hügel ist der Spuk auch wieder zu Ende und Jana beginnt, ihr Tempo auf Laufschritt zu ändern.

Illegale Pläne

Als wir an der HSG ankommen, haben wir uns schon auf einen Ablauf geeinigt und klappern die Posten eingespielt ab. Ich eruiere mit der Karte den groben Standort und Jana übersetzt die Symbole auf dem Zusatzblatt bezüglich der näheren Umgebung. Die Posten auf dem Campusgelände zu finden, ist für uns zwei ein Klacks, sind wir doch ab und zu mal an diesem Ort. Nur einmal
wird es etwas kritisch und wir brauchen länger als üblich für einen Posten.

Plötzlich trifft mich aber ein Geistesblitz und ich krähe aufgeregt: «Fisch, Fisch!». Dafür ernte ich einen entgeisterten Blick von Jana, die sich fragt, ob mir der Sauerstoffmangel die letzten Hirnzellen hat absterben lassen. Doch irgendwann beginnt sie zu begreifen; Ich meine den traurigen Tümpel mit den depressiven Fischen vor dem Eingang des Hauptgebäudes.

Schnell sprinten wir hin, checken das Speichergerät ein und rennen weiter. Der Weg führt uns sodann am Audimax vorbei, bis zum Platz des zukünftigen Learning Centers und schliesslich zur Wiese gleich neben den Start-up-Containern. Der nächste
Posten ist in der Nähe der Veloständer angegeben. Jetzt bin ich dran mit dummen Ideen. Ich schlage Jana nämlich vor, über den Zaun zu klettern, zu den Container runter zu schlittern, um dann direkter beim Posten bei den Veloständern zu landen – eine Zeitersparnis von mindestens zehn Sekunden würde winken.

Jana schüttelt skeptisch den Kopf. Wir würden gewinnen, aber wir würden nicht regelkonform gewinnen, bläut sie mir ein. Wir rennen den vorgesehenen Weg zu den Veloständern. Dort in der Nähe ist dann auch die Ziellinie, die wir ächzend überschreiten. Als Belohnung für die Mühen wird sogleich ein feiner Becher Sirup gereicht.

Bratwürste statt Hantelbänke

Beschwingt laufen wir zurück zu den Garderoben. Auch wenn wir insgeheim wohl beide nicht immer daran glaubten, haben wir es (regelkonform!) ins Ziel geschafft. Zurück im Unisport beginnen wir auch zu begreifen, an was für einem aufwendigen Event wir überhaupt teilgenommen haben. Alle Kraftgeräte wurden weggeschafft und wo vorher Studenten ihre Muskeln stählten, sitzen zufriedene Läufer auf Festbänken und verspeisen ihre wohlverdiente Bratwurst.

An der Wand hängen bereits die Ranglisten der verschiedenen Kategorien ausgedruckt. Die Jahrgänge der Läufer reichen bis Anfang der 40er-Jahre. Staunend merke ich an, dass diese ja noch den Krieg miterlebt haben, wenn auch nur als Säuglinge. Schliesslich ruft Jana online auch unsere Zeit ab. Wir sind auf den respektablen zweiten Rang gerannt.

Auch wenn in dieser Kategorie nur insgesamt vier Gruppen teilgenommen haben, sind wir doch ein wenig stolz, auf Anhieb eine Silbermedaille errungen zu haben.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

*