Ein Schultag wie kein anderer – das erste Mal bekommen Maturandinnen und Maturanden das Uni-Leben in St. Gallen zu spüren. Ob die Erwartungen wohl erfüllt werden?
Wie immer stehe ich noch vor dem Wecker auf, bereite mir einen Wachmacher zu und tränke mein «Schoggigipfeli» darin. Ausnahmsweise muss ich nicht all meine schweren Bücher auf meinem sicherlich kaputten Rücken tragen – es reicht das GA, ein Stift und Kopfhörer. Aus dem Haus in den knöchelhohen Schnee begebe ich mich trotz Müdigkeit mit Abenteuerlust zum Bahnhof. Mir steht eine weite Reise in den fernen Osten bevor. Obwohl ich davon nicht viel mitbekomme, da die Schaukelbewegungen des Zuges mich zurück in meinen schläfrigen Zustand bringen, gelingt es mir, noch rechtzeitig aufzuwachen und am St. Galler Hauptbahnhof auszusteigen.
Man könnte sich zwar darüber streiten, ob mein Herz nun wegen der Zufuhr von weiteren koffeinhaltigen Substanzen oder der steigenden Aufregung anfängt zu rasen, doch es misslingt mir dennoch, den Bus zu erwischen. Dank der heutigen Technologie aber finde ich den Weg auf den Rosenberg auch zu Fuss – schliesslich bin ich ja auch eine Stunde zu früh dran.
Maximilian werden
Auf meinem steilen Weg schwirren mir tausend Gedanken im Kopf: Was mache ich eigentlich hier? Kann ich auch als Nicht-Maximilian hier studieren oder falle ich zu sehr aus dem Konzept? Wie kann man als Grossstadtkind hier überhaupt wohnen? Alles, was ich bisher über St. Gallen weiss, ist, dass es eine Stiftsbibliothek und ein Kloster gibt; dass man Bratwürste stets ohne Senf zu essen hat und dass die Universität auf einem hohen Hügel liegt – zu hoch. Ob ich es hier wohl langfristig aushalten kann?
Die Treppe kommt zu einem Ende und ein graues, schneebedecktes Gebäude kommt zum Vorschein. Meine Fragen schwinden, als ich eine alte Bekannte von mir am Haupteingang sehe und sie mich herzlich begrüsst. Sie führt mich quer durch die Gänge und ich bestaune eine überteuerte Fliege, einen Neonschriftzug und eine unverständliche Videoprojektion. Kunst soll ja im Auge des Betrachters liegen, doch hiermit bestätigt sich ein weiteres Mal, weswegen ich nicht eine Kunsthochschule besuchen werde. Weiter geht meine kurze Führung in die B-Mensa. Wie an einer Hotelrezeption empfangen mich Verantwortliche der Uni und ich erhalte nebst dem Tagesplan auch zahlreiche Broschüren mit Studieninformationen. Gemeinsam mit den anderen Maturanden, einige sogar im Kampf-Tenue, finde ich den Weg ins Audimax. Welches ist wohl der beste Platz? Wo sitzen die ganz tollen Studenten? Die Frage erweist sich als überflüssig, denn der Dozent spricht mit einem Mikrofon.
Der Duft von frischem Essen erweckt meine Aufmerksamkeit wieder. Unsere Verantwortliche führt uns glücklicherweise zurück in die Mensa. Mit einem Magen voller Pasta werde ich nun ein weiteres Mal durch die Gebäude geführt. Meine Gedanken finden den Weg zurück zu mir, als wir vor einer maximal 50 Zentimeter hohen Statue stehen. Diese Giacometti-Skulptur soll sehr wertvoll sein, wird uns erzählt – dies kann ja wohl nicht stimmen. Erstens ist die Skulptur weder abgegrenzt, noch überwacht. Zweitens stehen einige ähnliche, sogar deutlich grössere Exemplare bei uns zu Hause auf dem Bahnhofplatz. Wäre dieses Kunstwerk wirklich Millionen wert, weiss ich, was wohl morgen früh am Bahnhof fehlen wird…
Maximilian sein
Nach einer Schnuppervorlesung wäre der Tag eigentlich zu Ende, doch meine Bekannte sitzt selbst noch im Unterricht und empfiehlt mir, in der Bibliothek auf sie zu warten. Zwar möchte ich für die junge Dame hinter mir die Tür öffnen und somit eine gute Tat begehen, doch es geht in die Hose: noch bevor ich die Türklinke berühre, öffnet sich die Tür von alleine und ich stolpere beinahe über meine eigenen Füsse. Das Mädchen läuft schmunzelnd an mir vorbei und ich bin froh, dass man in der Bibliothek nicht reden muss, beziehungsweise sollte. Ich setze mich an einen freien Tisch und denke mir: «Ich sollte nicht auffallen.» Es sollte ja schliesslich niemand merken, dass ich (noch) gar kein Student bin. Um meinem Ziel etwas näher zu kommen, packe auch ich mein Apple-Notebook aus und öffne ein neues Word-Dokument. Da ich noch eine Erörterung für die Schule schreiben sollte, vergeht die Zeit wie im Flug. Ich werde erst aus meinem kreativen Prozess gerissen, als ich ein «Ich wäre soweit. Treffen wir uns in der B-Mensa?»-SMS bekomme.
Mittlerweile hat es angefangen zu schneien. Dies sei normal für St. Gallen, lasse ich mir sagen, doch das macht die kalten Ohren und rutschigen Strassen nicht besser. Nach einem kurzen Spaziergang erreichen wir die Haustüre der WG meiner Bekannten. Zwar ist niemand zu Hause, doch die «Reviere» der drei Mitbewohner sind klar definiert. Mit grossem Erstaunen schaue ich in den Kühlschrank: Es sind mehr alkoholische Getränke als Essen zu finden! Kaum möchte ich dies bemerken, wird schon Pizza bestellt. «Ich geh kurz zum 8.50-Typ und hole sie ab. Fühl dich wie zu Hause!» Nun sitze ich auf der Couch und überlege mir, wie toll es wohl sein muss, alleine zu wohnen. Keine Eltern, keine Aufsicht – auf sich selbst gestellt und frei sein.
Den Maximilian raushängen lassen
Nach einem interessanten Austausch über unsere Erfahrungen an der Universität zeigt mir meine Bekannte die St. Galler Altstadt. Unsere Reise führt über den Marktplatz zum Spisertor, der Kathedrale und endet schliesslich in der Studentenbar «Meeting Point». Es erstaunt mich nur mässig, dass sich sowohl die Gäste, als auch der Bartender kennen. Viel mehr überraschen mich die Preise der Drinks. Plötzlich wird mir klar, weswegen hier jeder zweite ein Maximilian ist. Als Dankeschön gebe ich zwei Runden aus und meine Bekannte, ihre beste Freundin und ich stossen erst auf die Freundschaft und dann auf ein künftiges, gemeinsames Studium an. Obwohl ich erst meine Matura bestehen muss und zwischen mir und dem Diplom noch mindestens 1 000 Seiten Literatur liegen weiss ich, dass die HSG meine nächste Lerninstitution sein wird.
Fun fact:
Der Name Maximilian, zumindest um den reichen HSG-Stereotypen zu beschreiben, entstand aus einem simplen Wortspiel: «makes-a-million» führte zu Maximilian…