Ende Februar war die HSG Gastgeber des jährlichen Start Hacks. Studierende aus aller Welt traten in einem Wett-Coden gegeneinander an. Die 36 Stunden Fleissarbeit waren nicht nur von leeren Kaffeebecher geprägt.
Ein Bällebad, der Geruch von Popcorn, Red Bull und nervöse Tippgeräusche – das Bib-Gebäude der HSG hat sich von Freitag bis Sonntag in einen Incubator der Hackerszene verwandelt. Kurz nach 18 Uhr eröffnet die Präsidentin des Start Hacks, Olivia Aeberli, die Keynote des bevorstehenden dreitägigen Events. Gespräche in verschiedensten Sprachen, die durch das Audimax hallen, verstummen und der Fokus richtet sich auf die Hauptbühne. «Wir bringen diese Woche Business und Tech näher zusammen.» Es sei einzigartig, dass ein Hackathon an einer Wirtschaftsschule durchgeführt wird. Zwar werde unsere Universität dieses Jahr von 35 Studierenden vertreten, doch die meisten Teilnehmer kommen von weit her. «Softwareentwicklung sollte als Basis schon in der Primarschule gelehrt werden. Dies ist eine Kernkompetenz der Zukunft. Für viele Menschen hat künstliche Intelligenz etwas von Magie: Sie verstehen die technischen Systeme nicht, die im Hintergrund ihre Arbeit tun. Um in 50 Jahren mit der Welt klar zu kommen, müssen wir diese Systeme verstehen und deren Kompetenzen abschätzen können. Es wird ja schlussendlich auch nicht jeder Schriftsteller, obwohl der Deutschunterricht ein Pflichtfach ist», so Adrian Locher. Der HSG Alumnus berichtet über seine Start-ups und meint, dass er die ganze Palette von Ergebnissen am eigenen Leib erlebt hat. Der Erfolg reichte von knapp die Miete deckenden Einnahmen bis hin zum Millionengeschäft.
Die Keynote geht weiter mit Jonathan Wellons, einem Software Engineer bei Google Schweiz, dem es gelingt, das Publikum mit seinen Ausführungen zu faszinieren. Er zeigt auf, wie ein Computer zeichnen lernen kann; wie eine Software alle Stücke von Johann Sebastian Bach analysiert und ein neues Stück komponiert. Ob man dies nun glaubt oder nicht, es klingt kein bisschen nach Technologie – es ist, als wäre Bach kurz auferstanden und hätte uns ein neues Werk geschenkt. Was für Normalsterbliche unfassbare Hexerei ist, dient den Hackern als Inspiration. Es ist spürbar, dass an diesem Event Ideen in Köpfen geboren werden und dies noch bevor die zu bewältigenden Challenges gestellt wurden. Diese variieren von Blockchain zu Fake-News-Detektoren und Software für Drohnen. Noch bevor die Keynote zu Ende geht, sieht man auf einigen schwarzen Bildschirmen neongrüne Schrift und hört mindestens zehn Tippgeräusche pro Sekunde.
Happy Hacking!
Zunächst der Überblick: Rund 60 Teams à vier bis fünf Studenten aus Universitäten der ganzen Welt, von San Francisco über Edinburgh bis zu Lausanne, treten in einem 36-stündigen Wett-Hacken gegeneinander an. Sie haben entweder vorgegebene Challenges oder eigene Projekte zu bewältigen. Nachdem die Gruppen gebildet wurden und die Teilnehmer in intensive Brainstormings vertieft waren, fing das eigentliche Coding um Mitternacht an. Der gewöhnliche Leser denkt bei einem Hack wohl an dicke Luft, wenig Licht und verwirrende Programmiersprachen, die auf hellen Bildschirmen angezeigt werden. Nach einem Spaziergang durch das Bib-Gebäude wird einem jedoch klar, dass die leidenschaftlichen «Techies» viel mehr als blosse Nerds sind. Dies zeigt sich in den vielen Momenten, in denen nicht programmiert wird, sondern einfach nur das Zusammensein mit Gleichgesinnten und die lebendige Atmosphäre genossen wird. Sie
sind Jongleur-Artisten, Crêpes-Gourmets, haben Spass bei diversen Gesellschaftsspielen und werden beim Minipingpong zu gnadenlosen Widersachern.
Nicht nur in der Theorie
Die verschiedenen Cases am Start Hack wurden von verschiedenen Unternehmen gestellt. SRF, SBB, Volvo und Swiss Prime Site sind nicht die einzigen, die sich vom Event praxistaugliche Lösungsansätze für ihre Problemstellungen erhoffen. Die gestellten Aufgaben sind reale Lücken in den Unternehmungen, die schnellstmöglich gefüllt werden müssen. SBB sucht den Ersatz eines Beraters für ausländische Kunden, die eine personalisierte Reise durch die Schweiz wünschen. Die Vertreterin des Unternehmens meint: «Mit unserem Case möchten wir den Fokus auf eine für uns aktuelle Problematik richten. Es ist uns wichtig, potenzielle Lösungsansätze zu erarbeiten, um damit dieses Problem in naher Zukunft beseitigen zu können. Die Idee, die heute Abend geboren wird, soll im Rahmen einer engen Zusammenarbeit nach drei Monaten bis 20 Jahren marktreif sein.» Nebst Beratungen durch Workshops und attraktiven Werbegeschenken bietet Swisscom Praktika und Arbeitsplätze an. Die Interessierten haben dadurch also die Möglichkeit, auf exklusive Weise mit potenziellen Arbeitgebern zu sprechen und so Kontakte knüpfen zu können.
Laut vorherrschender Meinung und allgemeinem Wortlaut hängt ein Start-up von der goldenen Idee ab. Der Start Hack beweist jedoch, dass es weniger um die Idee, sondern um deren Ausführung geht. «An fehlender Kreativität liegt unser Scheitern hoffentlich nicht», schmunzeln Hack-Teilnehmer der HSG. «Wir haben alle an der «Hackademy» vor zwei Wochen teilgenommen und hatten zuvor nur im weitesten Sinne Ahnung vom Coding.» Diese Veranstaltung habe ihnen zwar geholfen von Null auf Basics zu kommen, aber eben nur auf Basics. Das Niveau hier sei sehr hoch und so haben sie sich entschieden, statt den Case nur ansatzweise lösen zu können, sich über Nacht selbst etwas beizubringen. Der Beweis folgt bei der Preisverleihung. Dabei dominiert das vollendete und nahezu marktreife Projekt die unvollendete, teilweise revolutionäre Idee.
Auf eine Studentin kann unsere Universität besonders stolz sein. Sie schafft es nämlich von der «Hackademy» bis aufs Podest. Ihr Team lernt sie am ersten Tag kennen und rund 40 Stunden später holen sie mit einer erfolgssicheren Software gemeinsam den Sieg des SBB-Cases. Der Hauptpreis geht an Studenten der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL): Es gelingt ihnen eine Blockchain für Kryptowährungen zu erstellen. Ausserdem beheben sie nebenbei auch noch technische Bugs in bestehenden Softwares. Sie gewinnen dadurch nicht nur die Zusammenarbeit mit NEO, dem Case-Steller, sondern auch 500 GAS-Coins – dies entspricht 20 000 US-Dollar.
Studenten beherrschen die Uni
Übers ganze Wochenende lag die Verantwortung für rund 400 Studierende, das Bib-Gebäude und eine Volvo-Flotte in den Händen des Start-Teams. Ob es sich nun um eine Fahrt zum Hotel, das Auffüllen der Kühlschränke oder die Verkündung der Ansagen über Slack handelte, die «Unicorns», so stellte sich das Kernteam vor, waren immer da – der Infopoint war ihr Revier. Dank ihnen hat sich an der Universität, einem Ort des Lernens, eine freudige, gesellige, mit Kreativität durchtränkte und mit innovativem Mindset versehene Atmosphäre eingestellt – nicht zuletzt lag dies an den ständig besetzten Massagesesseln. Es gelang ihnen trotz wenig Schlaf innert weniger Stunden die Uni wieder blitzblank zu zaubern. Zum krönenden Abschluss wurde die Präsidentin mit einem gigantischen Plüscheinhorn beschenkt und zwei, drei Tränchen wurden weggewischt – der Start Hack war ein voller Erfolg.
«In der Zukunft wird es nicht mehr möglich sein, klare Grenzen zwischen einzelnen Teilgebieten der Wissenschaft zu ziehen. Dies ist ja letztendlich auch der Grund, warum Thomas Bieger Medizin und Computerscience als weitere Fakultäten an der HSG einführen will», meint Locher. Auch wenn künstliche Intelligenz nicht morgen die Weltherrschaft zu übernehmen scheint, sollten wir uns immer mehr mit deren Verständnis beschäftigen. Und um dies zu erreichen sind Programmiersprachen und Softwareentwicklung ein guter Start.