Vox populi, vox dei

Das Internet ermöglicht langfristigen Kontakt zwischen Lesern und Schriftstellern. Doch das Netz ähnelt dabei weniger einem Begegnungsort als einem Empfangsschalter: Hier kann die Leserschaft ihre Beschwerden und Bestellungen aufgeben. Ich hoffe, du kratzt nicht ab, bevor das nächste Buch fertig ist. So lautete ein Kommentar auf dem Blog des Fantasy-Autors George R. R. Martin. Gewisse Ungeduld seitens des Lesers schien berechtigt: GRRM, wie ihn seine Leserschaft nennt, hat 2005 die Hälfte des vierten Bandes seiner Erfolgssaga “Das Lied von Eis und Feuer” veröffentlicht. “Die andere Hälfte ist fast soweit, ich werde sie binnen eines Jahres fertigstellen”, versprach Martin. Aus einem wurden sechs Jahre. In diesem Zeitraum riefen erboste Leser mehrere Webforen und Blogs ins Leben, um sich über das leere Versprechen des Verfassers auszulassen.

Obgleich heutzutage kaum ein Schriftsteller die Geduld seines Publikums so mutig auf die Probe stellt wie Martin, bieten die Reaktionen seiner Leser ein symptomatisches Beispiel: Eine zusehends niedrigere Frustschwelle und zunehmend zahlreichere Forderungen an den Autor sind charakteristisch für die heutige Leserschaft von Genre-Literatur wie Fantasy und Krimi. Erstmalig in der Geschichte des Massen-Buchmarktes bietet das Internet einem breiten Leserkreis die Möglichkeit, Ärger ebenso wie Ansprüche jederzeit an den Schriftsteller richten zu können. Er leiht seinem Publikum besser ein Ohr, sonst riskiert er einen Rosenkrieg wie Martin.

Auf dem Forum “Is Winter Coming?” (eine Anspielung auf die Losung eines der Adelsgeschlechter in Martins Saga) saßen die Kommentatoren über die Vergehen des Verfassers zu Gericht. Einer der Vorwürfe: Martin fuhr in Urlaub anstatt tippend vor dem PC zu hocken. Auch für andere vermeintliche Missetaten – zum Beispiel die Hausrenovierung dem Schreiben vorzuziehen – wurde der Autor wortgewaltig diffamiert. Der Web-Auftritt verwandelte sich alsbald in eine Fundgrube ausgeklügelter bis aberwitziger Argumente, mit denen man all jene ausmanövrieren sollte, die für Martin Verständnis aufbrachten. Martin ist sicherlich nicht der erste Genre-Autor, dessen Fans übereifrige Forderungen stellen. Doch überraschend viele der Leser, die ihn angriffen, betrachten sich selbst weder als Fantasy- noch als Martin- Fans. Is Winter Coming?, zum Beispiel, geht auf den Englischlehrer Remy Verhoeve zurück, der findet, Martins Bücher seien nicht mehr und nicht weniger als ausgezeichneter Lesestoff. Seinen Webauftritt betrachtet der Norweger als berechtigte Kritik.

Das ausgeprägte Gefühl der Kritikberechtigung teilt Verhoeve mit immer mehr Lesern der Genre-Literatur. “Sie scheinen Männer zu hassen, weil Sie sie so böse darstellen.” “Sie sind eine Frauenhasserin, weil ihre Protagonistinnen leiden müssen.” “Müssen Sie Hunderassen wie den Pit Bull und den Dobermann in Ihrem Roman als gefährlich darstellen?” Auf solche E-Mail-Inhalte versucht Tess Gerritsen, die amerikanische Bestseller-Autorin von Thriller-Romanen, geduldig einzugehen. Währenddessen nehmen die Leser ihre Arbeit akribisch auseinander und machen die Schriftstellerin auf vermeintliche Unzulänglichkeiten aufmerksam: ”Sie demonstrieren einen Mangel an Allgemeinbildung, wenn Sie Aphrodite Göttin der Liebe nennen – jeder weiß, dass Venus die Göttin der Liebe ist.”

Auch Verlagshäuser halten ihre Schriftsteller zu Geduld mit dem Publikum an. Sie betonen außerdem die Rolle, die das Internet beim Buhlen um des Lesers Gunst spielt, so auch Martins Lektorin Anne Groell von Random House. Im Netz kann der Schreiber zeigen, wie wichtig ihm seine Leserschaft, ihre Meinungen und Wünsche sind. Dort kann er ihnen schmeicheln, sie umwerben, sie zum Kauf seines Buches verführen. Überall da, wo der Buchmarkt virtuelle Fortsetzung findet, gilt neben dem Kunden nun auch der User als König. Und der Genre- Schriftsteller? “Er ist wie ein Bettler mit einer leeren Schüssel und der ideelle Leser ist jemand, der anstatt einer Packung Zigaretten sein Buch kauft”, so Robert Heinlein, neben Isaac Asimov und Arthur Clarke einer der “Big Three” des Science Fiction im 20. Jahrhundert.

Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Leser und Genre-Autor tritt durch das World Wide Web so deutlich zutage wie nie zuvor – und einige Webangebote zementieren das literarische Vasallentum des Schriftstellers. Eins von ihnen ist das fleißig beworbene Prinzip, dass dank des Internets nun jeder Autor sein könne. Books on Demand und andere machen aus dem Grundsatz ein Geschäftsmodell, dass das virtuelle Wort in Blatt und Tinte hüllt. Sie suggerieren den Hobby-Autoren ähnlich kreative Schöpfungen wie der Schriftsteller vollbracht zu haben. Diese Annahme unterminiert ein Stück weit das Monopol des professionellen Autors und somit seine Bedeutung.

Eine gar feindselige Atmosphäre ihm gegenüber beschwören wiederum die Internetaktivisten unter den Lesern. Diese Blogger und Kommentatoren, denen Copyright als die Büchse der Pandora gilt, unterstellen den Schriftstellern unersättliche Geldgier. Schließlich könnten professionelle Schreiber laut Kritikern wie dem australischen Blogger Joel Blacklock auf Selbstveröffentlichung zurückgreifen und die Preise für ihre Leser auf Cent-Beträge schmälern. “Das nächste Mal, wenn ihr euch über die Buchpreise und die Gier der Verlage aufregt, fragt euch besser, wie die Schriftsteller profitieren”, schreibt er.

Einen Gewinn aus dem Buchmarkt möchten auch Online-Versandhäuser wie Amazon schlagen. Mit ihren niedrigen Verkaufspreisen machen sie dem kleinen Buchladen um die Ecke den Gar aus. Damit vernichten sie ein Stück essentiellen Nährbodens der Bibliophilie, der über Dekaden hinweg auch die Beziehung zwischen Autor und Leser regulierte. In einer Zeit in der virtuelle Raubkopien und Online-Aktionen wie die digitalen Previews einzelner Kapitel nicht existierten, begegnete der Leser in der Buchhandlung dem Wort des Verfassers oft zum ersten Mal. Hier war der Raum des Kennenlernens und der Kontaktpflege. Des Schriftstellers damalige Unerreichbarkeit – trotz Leserbriefe und Interviews – sowie seine Inszenierung – dank Radio und Fernsehen – befruchtete ein Respektsverhältnis, gar eine Idealisierung, sowohl der schriftstellerischen Tätigkeit als auch des Autors selbst.

Das ist heute längst passe. Im Internet kommt man allzu leicht an Informationen und Fotos seiner Schriftsteller. So musste sich die erfolgreiche Krimi-Autorin Alafair Burke anhören, einige Runden auf dem Fahrrad täten ihr nicht schlecht. Der Rat erreichte sie auf Facebook, wo eine Leserin Fotos einer Buchlesung von Burke gesehen hatte. “Aber mach dir nichts draus, du bist noch immer meine liebste pummelige Autorin”, fügte die Kommentatorin auf der digitalen Pinnwand hinzu. Höflich bleiben und nicht überreagieren, so die Maxime von Burke. Solange man den Titel der “liebsten Autorin” bekommt, lohnt es sich die Adjektive dazwischen zu ignorieren. Schließlich drohen die ganzen Büchersortimente, die dem Leser im Internet zur Verfügung stehen, zur Lawine zu werden, die selbst schriftstellerische Größen und wortstarke Künstler unter sich begräbt.

Um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten und auf sich aufmerksam zu machen, gilt es in den 5 Sterne-Bewertungssystemen der Internet-Bücherdienste sehr gut abzuschneiden. Hier sollte des Schriftstellers Geisteskind besser nicht mit weniger als vier der strohgelben Sterne quittiert werden. Für die Sternchen tun die Schriftsteller Einiges. Sie lassen ihre Leser per Blog und Twitter über Inhalte ihrer Bücher abstimmen, wie es zum Beispiel Neil Gaiman, Autor der Comic- Serie “The Sandman” hält. Die heutige Hierarchie zwischen Publikum und Buchautor bringt eine neue Form des Mäzenentums: Genre-Literatur wird stärker als je zuvor zum maßgeschneiderten Unterhaltungshäppchen.

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2 Comments

  • luke

    die person labert (wie immer) von dingen, von denen sie keinen schimmer hat

  • Tobias P

    nachdenkliche, kritische und trotzdem objektive Reflexion über ein viel zu vernachlässigtes Thema. Und das in einer Zeit, in der Reflexion allenfalls als Werbeattribut für Wellnesshotels gilt. Ein ausgezeichneter Artikel!

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