Im März 2020 trifft die Verordnung des Bundesrats wie alle anderen Gastrobetriebe auch den «Bereich G» an der HSG. In der ereignisreichen Zeit, welche die bis heute andauernde Pandemie einläutet, muss an den drei Standorten [ad]hoc, Meeting Point und theCO Café vorerst auf den Ausschank von Bier, Kaffee und anderen Konsumgütern verzichtet werden. Das bedeutet auch im vorliegenden Fall die Aussicht auf finanzielle Schwierigkeiten. Eine Befürchtung, welche schnell in Gewissheit umschlägt und nach zwölf Monaten mit wenigen Aufs und vielen Abs vor dem Studentenparlament endet. Aber der Reihe nach:
Die Universität reagiert auf die Pandemie mit der Erschaffung einer Corona-Taskforce, in der auch der damalige SHSG-Präsident Florian Wußmann einsitzt. Als Präsident der Studentenschaft ist er strategischer Leiter des Bereich G und dadurch im Bilde, was der Verdienstausfall durch einen Lockdown ohne Gäste für finanzielle Auswirkungen haben kann. Gerade die laufenden Lohnkosten der 22 auf Stundenbasis angestellten studentischen Mitarbeitenden fressen bei ausbleibenden Einnahmen ein Loch in die Kasse. Glücklicherweise kommen gemäss Wußmann zu diesem Zeitpunkt positive Signale aus der Corona-Taskforce bezüglich der Finanzen des Bereich G. Es wird in Aussicht gestellt, dass dieser nicht selber, sondern die Kassen der Universität oder der SHSG für die Lohnfortzahlungen aufkommen werden und sogar Kurzarbeit für die studentischen Mitarbeitenden beantragt werden könne.
Lohnfortzahlungen für studentische Mitarbeitende
Mit dem Wissen, dass viele der Angestellten auf ihren Lohn zur Finanzierung des Studiums angewiesen sind und der gleichzeitigen scheinbaren Bereitschaft der Universität sowie der SHSG auszuhelfen, entscheiden sich die strategische und operative Leitung dazu, die Löhne gemäss Dienstplan bis Ende des Frühlingssemesters weiterzuzahlen. Eine Entscheidung, die auch rechtlich als notwendig erachtet wird. Heikel an dieser Sache ist, dass Wußmann zu dieser Zeit Entscheidungsträger und Angestellter des Bereich G zugleich ist und somit ein Interessenkonflikt bestehen könnte. Dabei muss aber eingeräumt werden, dass dies bei seinen Vorgängern gängige Praxis war, es sich um keinen grossen Betrag handelt und er in der Folge anbietet, auf diesen Betrag zu verzichten. Ausserdem sollen in Zukunft, durch eine Ausstiegsregelung, Interessenkonflikte vermieden werden.
Keine Kurzarbeit für den Bereich G
Während die vom Bund gewährten Hilfen in Form der ausgebauten Möglichkeit der Kurzarbeit im Frühsommer langsam die ersten Betriebe erreichen, möchte auch die operative Leitung des Bereich G auf dieses rettende Mittel zurückgreifen. Die ausgefüllten Anträge auf Kurzarbeit sind bereits abgeschickt, als die Universität in letzter Minute den Prozess stoppt. An dieser Stelle gehen die Darstellungen auseinander. Auf Anfrage zeichnet Joseph Sopko, Media Relations Officer der HSG, ein völlig anderes Bild: «Die von der öffentlichen Hand finanzierten Kurzarbeitsentschädigungen sind auf Wirtschaftsunternehmen ausgerichtet und nicht für kantonale bzw. staatliche Organisationen gedacht. Die HSG […] ist somit von dem Kurzarbeitsentschädigungsprogramm ausgeschlossen.» Da der Bereich G der SHSG unterstellt ist und diese eine offizielle Teilkörperschaft der Uni ist, gilt dies deshalb auch für die studentischen Mitarbeitenden hinter den Theken auf dem Campus und im [ad]hoc. Im Gespräch im April 2021 finden aber der jetzige SHSG Präsident und auch sein Vorgänger unabhängig voneinander, dass die Studentenschaft als eigenständige und auch stolze Initiative eigene Lösungen für solche Probleme finden sollte. Florian Wußmann bedauert in diesem Zusammenhang, dass zu wenig kreative Alternativen wie zum Beispiel WG-Belieferungen in Betracht gezogen wurden. Ende Mai wird klar, dass wider Erwarten des Bereich G vorerst weder die Universität noch der Kernhaushalt der SHSG für die Lohnkosten aufkommen und diese direkt aus den Reserven des Bereich G gedeckt werden müssen. Immerhin ist jetzt nach einigem Hin und Her die Verantwortlichkeit geklärt und ein Weg vorwärts möglich. Die vergangenen Missverständnisse und Richtungswechsel zwischen SHSG und Universität zum einen, aber auch innerhalb der SHSG zum anderen, sind für die operative Geschäftsführerin, Jessica Svahn Bold, aber einer der Gründe, warum sich zu wenig um den Bereich Gastro gekümmert wurde. «Der Bereich G fiel als Gastrobetrieb selbst zwischen Stuhl und Bank und niemand hat sich verantwortlich gefühlt.»
Ausfallsentschädigung für Juni und Juli 2020
Im Juni und Juli ist die erste Coronawelle abgeflacht und die Betriebe dürfen schweizweit wieder öffnen. In dieser heiklen Zeit ist die Universität aber darauf bedacht, die Prüfungen möglichst reibungslos durchzuführen und geht keinerlei Risiko ein. Da sich keine Ansteckungen im Anschluss an die Prüfungen bei einem Feierabendbier auf dem Campus ereignen sollen, öffnet der Campus seine Pforten nur für das Ablegen der Prüfungen. Der Bereich G darf also anders als die anderen Gastrobetriebe nicht wieder öffnen. Um diesen Ausfall zu entschädigen, übernimmt die Universität im Gegenzug den entfallenen Umsatz für diese zwei Monate und überweist einmalig 11’200 Franken. Dies soll das einzige Geld bleiben, das aus der Kasse der Universität in die angezählte Initiative fliessen wird.
Zu dieser Zeit ist intern in der SHSG auch viel los. Am 1. Juni 2020 beginnt die Amtszeit des neu gewählten Präsidiumsduos und dessen Vorstand. Für diese bedeutet dies die Übernahme der Posten während einer noch nie da gewesenen Zeit. Für den Bereich G bedeutet es neue Kontaktpersonen und mit Mertcem Zengin einen neuen strategischen Geschäftsleiter. Zu Beginn muss dafür zuerst ein Draht zueinander aufgebaut werden. Der Bereich G meint, dass dies gelungen ist, aber ganz so unterstützt wie früher fühlen sie sich dann doch nicht. Mertcem Zengin, der amtierende Präsident der SHSG, bedauert diese Wahrnehmung. Jedoch liegt die Quelle dieses Empfindens seiner Meinung nach nicht im professionellen Austausch der Organisationseinheiten, sondern in der sozialen Komponente, die durch die bundesrechtlichen Massnahmen und der damit einhergehenden Schliessung der Lokalitäten zu kurz gekommen ist und für die Beteiligten eine ungewohnte Situation darstellte.
Über Wasser halten in der zweiten Welle
Die Ausfallsentschädigung der Uni ist ein gutes temporäres Pflaster, doch das Geld geht immer weiter aus. Ende Sommer 2020 macht sich der Bereich Gastro aus diesem Grund auf den Weg zur Förderkommission, einem Fonds der SHSG zur Förderung studentischer Projekte. Um sich im weiteren Verlauf der Pandemie über Wasser halten zu können, werden 50‘000 Franken beantragt. Zugesprochen werden 15‘000 Franken – als Darlehen mit einer zweijährigen Frist und geknüpft an zahlreiche Bedingungen, darunter die konzeptionelle Neuausrichtung des Bereichs und, wie bereits angesprochen, die Auflage künftige Interessenkonflikte zu vermeiden. Als zu Beginn des zweiten Semesters der Bereich G die Türen wieder öffnen kann, geschieht dies mit starken Einschränkungen. Niedrige Obergrenzen für Gästezahlen, unterschiedliche Ein- und Ausgänge. Aufgrund von Hygienemassnahmen wird die Bedeutung von «Normalbetrieb» auf den Kopf gestellt. Im Rahmen der Neuausrichtung wird versucht, die Kosten überall zu senken, wo es nur möglich ist. Dafür wird beispielsweise das Lagermanagement so präzise betrieben, wie es angesichts der vorherrschenden Unsicherheit möglich ist. Zur Öffnung werden verschiedene Strategien ausprobiert, unterschiedliche Öffnungszeiten, Table Service und vieles mehr. Aus den roten Zahlen schafft es der Bereich G jedoch nicht. Nach nur wenigen Wochen steigen die Fallzahlen in der Schweiz allerdings wieder so stark an, dass [ad]hoc, MeetingPoint und theCo Café abermals schliessen müssen. Ende Oktober steht die operative Geschäftsleitung ein weiteres Mal vor Schichtplänen, die nun nicht mehr benötigt werden. In einem Gespräch deutet Jürg Wicki-Breitinger, der HRChef der Universität, wieder auf die Verpflichtung zur Fortzahlung der Löhne der Mitarbeitenden hin. Obwohl die Schichtpläne diesmal nicht bis Ende Semester vorgefertigt sind, könnten die Mitarbeitenden doch mit einem bestimmten Pensum rechnen, heisst es. Doch längerfristig reicht das Geld für die Weiterzahlung der Löhne einfach nicht aus.
Massiver Stellenabbau beim Bereich G
Das unausweichliche kann nun nicht weiter aufgeschoben werden. Allen Mitarbeitenden ausser der operativen Geschäftsleitung wird auf Ende Februar 2021 gekündigt und der dadurch entstehende Wissensverlust bei der Wiedereröffnung in Kauf genommen. Auch Laura Walser, die studentische Stellvertreterin, steigt von einem 30%-Pensum auf einen Stundenlohn um. Sie und Geschäftsführerin Jessica Svahn Bold sind jetzt die einzigen verbliebenen bezahlten Mitarbeitenden. «Ich habe fast geweint», sagt Jessica, als sie sich an diesen Moment zurückerinnert. Über 20 Studierende, welche zum Teil auch auf den Lohn angewiesen sind, sind nun ohne Job. Trotzdem steht der Bereich G finanziell weiterhin auf der Kippe. Die Fixkosten, zwar aufs allermindeste reduziert, aber trotzdem noch vorhanden, nagen konstant weiter am finanziellen Polster der SHSG-Initiative. Weitere Hilfe muss her, und zwar schnell. In einem letzten Hilferuf meldet sich der Bereich Gastro beim Studentenparlament.
Das StuPa verabreicht eine Finanzspritze
Anfang März steht der Bereich G nun vor dem StuPa und legt einen Antrag auf 25’000 Franken vor. Ein Antrag, an dessen Ausarbeitung der gegenwärtige strategische Geschäftsführer nicht aktiv beteiligt war, aber im Gedankenaustausch über die inhaltliche Stossrichtung stand. Eine äusserst ungewöhnliche Entscheidung, da ein solcher Antrag für ihn als strategischen Geschäftsleiter des Bereich G auch in seinen Aufgabenbereich gehört. Das Geld soll zur Weiterzahlung der Fixkosten verwendet werden und zur Bestellung neuer Ware, sobald der Betrieb in Zukunft wieder aufgenommen werden kann. Für die Initiative ist das der letzte Ausweg. Wenn sie in dieser Sitzung keine Zustimmung bekommt, ist es aus. Es wird diskutiert, nach Berechnungen gefragt. Auch Mertcem Zengin spricht sich stark für die Unterstützung des Bereichs aus, da dieser für ihn einen prägenden Teil des Charakters der Campus-Kultur ausmacht. Schliesslich wird der Betrag ohne Gegenstimmen gutgesprochen. Ein Beweis, dass der Bereich G den Studierenden und deren Vertretern im StuPa am Herzen liegt. Der Bereich G kann aufatmen, er ist nun – vorerst – gerettet.