Es ist drei Uhr in der Früh und der Mond ist nicht zu sehen. Ein in St.Gallen altbekannter Nebelschleier verdunkelt das Städtchen. Aber nicht vollkommen, irgendwo im dritten Stock in einer etwas ranzigen Küche sitzt ein Student in vollem Lichte. Er ist gerade aus dem Club heimgekommen und betrachtet höchst konzentriert und mit glänzenden Augen die sich in der Mikrowelle langsam drehenden Ravioli. Auch drei Querstrassen weiter brennt noch eine Lampe; wieder ein Student, welcher in gebückter Haltung an seinem Schreibtisch sitzt. Mit wildem Tastengehaue versucht er, eine Arbeit für die morgige Abgabe fertigzustellen, während ihm ein Tränchen die Wange hinab rinnt.
Doch es sind nicht nur Studierende, welche zu dieser unchristlichen Zeit nebulösen Tätigkeiten nachgehen. Mönche erheben sich derweil von ihren Pritschen und machen sich bereit für die Matutin, ein Nachtgebet. Mit einem kurzen Vers wird diese eröffnet: «Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.» Genau was sich ein unstatthafter Student gerade in der Disco denkt, nur dass sich die Lobpreisung auf ein gewisses Hinterteil bezieht. Auch erntet er dafür nicht das Seelenheil, sondern nur einen angewiderten Blick und eine Respektschelle.
Mönchischer Lebensstil
Parallelen zwischen Studierenden und Mönchen finden sich jedoch nicht nur in der Nacht. Auch sonst gibt es bei genauerer Betrachtung nicht zu übersehende Gemeinsamkeiten: Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind so für beide Parteien, gelinde ausgedrückt, eher beschei- den. Mönche aus Bettelorden verdienen ihren Lebensunterhalt genau wie das ein Grossteil der Studierenden tun – durch «schnorren». Bei Letzteren geschieht dies vor allem durch die spendable Hand der Erzeuger. Dadurch ist man jedoch einer gewissen Erwartungshaltung unterworfen, welche nicht nur das Studium betrifft. Hat man wieder mal dem Grossonkel zum Geburtstag zu gratulieren verges- sen, wird gleich mit Kürzungen gedroht und man bangt um die Mittel für den nächsten Mittwochabend.
Zusätzlich befinden sich Mönche und Studierende Lektüre-tech- nisch auf derselben Höhe. Bei den Mönchen ist das Lieblingsbuch natürlich die Bibel. Studierende lesen dagegen «die blaue (respektive herkömmlich grüne) Bibel», das mysteriöse und sagenumwobene SGMM. Beiden Büchern scheint gemein, dass es ein oft gelesenes und epochales Buch ist, den genauen Inhalt aber niemand so richtig zu verstehen scheint.
Ora et labora
Schlussendlich und wohl am wichtigsten ist, dass die Studierenden den grossen Grundsatz der Mönche, ora et labora («bete und arbeite»), verinnerlicht haben. Besonders vor den Abschlussprüfungen lässt sich dies überall beobachten, wenn Studierende mit verzweifelten Stossgebeten gen Himmel um die Errettung des verkorksten Semesters hoffen.