Einmal Idylle retour – der Bauernhof neben dem UniSport

Zu Besuch auf dem Hof der Buchmanns: Lehrreich, erholsam und eindrucksvoll. Warum die sympathische Bäuerin kein Fleisch isst, ihre Hühner in die Schule schickt und wie sie uns Studenten so erlebt.

Wir sehen ihn jedes Mal, wenn wir zwischen den Institutsgebäuden, vorbei am Fussballplatz, hinein in die Sportanlage der HSG gehen. Zur Rechten liegt der Bauernhof, der die harte Grenze zwischen urbanem Siedlungsgebiet und blühender Natur markiert. Charakteristisch und bildhaft für die Universität St. Gallen und dem ihr nachgesagten ländlichen, fast provinziellen Flair. Ich treffe die freundliche und aufgestellte Bäuerin zu einem kleinen Nachbarschaftsgespräch über den Betrieb, uns Studenten und das bäuerliche Leben.

Gehörnte Kühe, beschulte Hühner und Zuchtkatzen
Der Betrieb von Evelyn und Johannes Buchmann umfasst 17 Hektare, was  in etwa 25 Fussballfeldern entspricht. Darauf stehen unter anderem 150 Obstbäume. Die Familie hält zusätzlich 16 Kühe, deren Bio-Milch zu
Züger Frischkäse weiterverarbeitet wird. Die Tiere tragen alle noch ihre Hörner. Für Frau Buchmann eine Selbstverständlichkeit: «Das Horn gehört zur Kuh, wie der Arm zum Menschen – die Kühe kommunizieren damit.» Das Kühe noch Hörner tragen ist in der Schweiz die grosse Ausnahme: 90 Prozent des Viehs ist enthornt. Dazu wird den Kälbern innert der ersten drei Wochen die Hornanlage unter Betäubung ausgebrannt. Eine umstrittene Praxis, welche jüngst zum Politikum wurde und auch Gegenstand der Hornkuh-Initiative ist, welche demnächst zur Abstimmung kommen wird.

Die Hühner, welche frei auf dem Hof herumlaufen, liefern Eier für den Eigenbedarf. «Wir haben ausserdem die schlausten Küken der Schweiz», erzählt Evelyn Buchmann lachend. Sie hatte die Tiere bereits mehrmals für einige Wochen an Kindergärten oder Schulen ausgeliehen, damit die Kinder die Entwicklung der Tiere Tag für Tag miterleben können. «Der Primarlehrer unserer Tochter hatte unserer Küken einmal in der Klasse.» Seither bekommt sie mehr Anfragen, als sie Hühner hat.

Seit einiger Zeit züchtet und verkauft Evelyn Buchmann auch Katzen. Die Tiere sind äusserst beliebt. Bella, die Zuchtkatze streift über den Hof und durchs Haus und fängt auch ab und an eine Maus. Seine Anfänge hatte die Zucht mit einem Tier des ehemalgien HSG-Hauswarts Hans Wetter (?) genommen.

Studi trifft Landwirt
Mit den Studierenden der HSG hat Evelyn Bachmann nur ab und an zu tun. «Manchmal, wenn wir aus der Ausfahrt rausfahren, laufen die Studierenden mit Kopfhörern auf der Strasse und hören nicht mal, dass ein Auto von hinten kommt», meint Evelyn Buchmann amüsiert. Wirklich problematisch war demgegenüber das unerlaubte Parkieren beim Fussballplatz-Eingang. «Wir konnten dann nicht mehr mit dem Traktor oder dem Auto wegfahren», erzählt sie. Und da das ständige Aufsuchen der Fahrer nicht wirklich praktikabel war, werden jetzt Parkbussen verteilt. Das Vorurteil, dass wir hochnäsige Schnösel wären, teilt Evelyn Bachmann nicht: «Ihr seid halt noch junge Leute. Wir waren auch mal jung», meint sie mit einem Lächeln. Einmal hätten sich einige Studierenden in der Wiese gesonnt, und als ihr Mann begonnen hatte dieselbe zu mähen und schlussendlich Kreise um die Sonnenanbeter zog, merkten die Studierenden, dass dies vielleicht nicht mehr der beste Platz ist.

Grundsätzlich ist Evelyn mit dem Nebeneinander zufrieden: «Auch wenns vom Fussballplatz her mal Lärm gibt, macht das doch nichts. Wir machen ja schliesslich auch welchen mit Traktoren oder unserem Heugebläse.» Ein weiteres Problem stellt der Abfall dar, der unachtsam in die Wiese geworfen wird. Auch wenn die Familie Bachmann darauf achtet, die Fläche vor dem Weidegang der Kühe zu säubern, findet sie nicht immer alles: «Einmal mussten wir eine Kuh schlachten, die wahrscheinlich einen solchen Fremdkörper verschluckt hat.»

26 Jahre keine Ferien
Das bäuerliche Leben fordert einiges ab. Durchschnittlich arbeitet ein Landwirt oder eine Landwirtin deutlich mehr als 60 Stunden pro Woche. Der Tag beginnt auch auf dem Betrieb der Buchmanns mit dem Melken der Kühe um halb sieben Uhr morgens. Etwa zwölf Stunden später findet dies ein zweites Mal statt. Jeden Tag. Freie Wochenende gibt es keine. Auch längere Ferien sind schwierig: «Das letzte Mal waren wir vor 26 Jahren in den Ferien auf Tenerifa.» Heute machen die Buchmanns eher kleinere Ausflüge. «Man gewöhnt sich daran», sagt Evelyn Buchmann. Dass sich die Schweizer Bauern beklagen kann sie ein Stück weit verstehen: «Man muss immer grösser werden, oder sucht sich einen Nebenjob.» Der tiefe Milchpreis ist natürlich ein Problem, auch wenn die Buchmanns mit ihrer Bio-Milch hier ein wenig besser dastehen, als konventionelle Betriebe. Pro Jahr stellen in der Schweiz 1 000 Bauernhöfe ihren Betrieb ein. Die Aussichten sind nicht gerade rosig. Kommt der Agrarfreihandel, weiss niemand, wie es wirklich weitergeht. Vergleicht man die derzeitigen Produzentenpreise kann man es erahnen: In der EU liegt der durchschnittliche Preis pro Kilo Milch bei 41 Rappen. In der Schweiz bei 56 Rappen.

Tiere sind Freunde, kein Essen
Es überrascht mich, als Evelyn Buchmann mir erzählt, dass sie selbst kein Fleisch (mehr) isst. «Tiere sind für mich wie Freunde. Niemand isst seinen Hund.» Als besonderes Erlebnis, das zu ihrem Fleischverzicht geführt hat, erzählt sie: «Ich war einmal in einem grossen Schlachthof. Der Lärm und das Geschrei waren unerträglich.» Wir hätten den Bezug dazu verloren, dass es sich um Lebewesen handelt. Was früher als Luxusprodukt und meist nur sonntags aufgetischt wurde, ist zu einer Alltagsgewohnheit verkommen. Das macht die Produktionsformen, wie sie Evelyn Buchmann selbst erlebt hat, notwendig. Ist es das wert? Nach einiger Zeit auf dem kleinen Hof, wenige Meter weg der Universität, wo die Kühe noch Hörner tragen und die Hühner frei herumlaufen, kenne ich die Antwort für mich.

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