Spätestens wenn sich das Studium zu Ende neigt und es gilt, den «richtigen» Weg einzuschlagen, setzt bei manch einem Studenten die Frage nach dem ‘Wieso’ ein. Selbstreflexion und teilweise Orientierungslosigkeit sind heutzutage ein ständiger Begleiter, in der Karriere, wie auch im gesamten Leben. Das war aber nicht immer so und ist auch heute nicht überall der Fall. Dr. Patrizia Hoyer, Postdoc-Forscherin am Lehrstuhl für Organisationspsychologie (OPSY-HSG), erinnert uns daran, dass die Frage nach dem Sinn erstens eine Luxusfrage sei, die sich nur stellen kann, für wen Arbeit nicht nur die Existenzsicherung der Familie darstellt. Und zweitens sei es hauptsächlich der Westen, der sich grundsätzlich über die Arbeit definiert.
Wandel innerhalb der Arbeitswelt
In den letzten Jahren hat sich im Westen ein bedeutsamer Wandel ereignet. So zeichnet sich innerhalb der heutigen Generation von Studierenden eine graduelle Transition ab weg vom Wunsch der schnellen und steilen Karriere hin zum Ziel, Boss seines eigenen KMUs zu sein und damit eine höhere Wirkung zu erzielen.
Dem verstärkten Bedürfnis nach Impact sowie dem neuen Stellenwert von Unternehmertum versucht der Lehrstuhl für Organisationspsychologie mithilfe eines zeitgemässen Kursangebotes nachzukommen. So unterrichtet Hoyer seit ein paar Semestern auf Assessmentstufe den Kurs «Careers and Identities», der sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Kontext beschäftigt, in welchen das Konzept Arbeit eingebettet ist: «Was wir für eine sinnstiftende, gute Karriere halten, ist stark gesellschaftlich geprägt. So haben auch eine Universität wie die HSG oder die vertretenen Unternehmen an Career Fairs grossen Einfluss darauf, welchen Karriereweg die Absolventen einschlagen.» Auch Dr. Florian Schulz, Leiter der psychologischen Beratungsstelle und ebenfalls beim OPSY-HSG tätig, unterrichtet auf Masterstufe den Kurs «Selbstführung»: «Selbstführung beschäftigt sich mit der Frage, wie ich mich selbst nachhaltig durch Karriere und Leben führe. Diesen Ansatz finde ich aufgrund dieses dualen Fokus’ umfassender als blosse Karriereplanung.»
Seines Glückes eigener Schmied
Durch die angesprochenen Veränderungen ist ein höheres Mass an Selbstverantwortung gefragt. Konnte man vor einigen Jahrzehnten noch auf die Loyalität zwischen Firma und Mitarbeitenden setzen, muss man im heutigen Kontext der Globalisierung und der «Hire and Fire»-Mentalität flexibel bleiben und sich selbst um eine genügende Qualifikation oder einen Jobwechsel kümmern. Dadurch ist aber auch mehr Freiheit im Kopf entstanden, die man so früher nicht kannte. Diese Freiheit ist gleichzeitig ein Zwang: Man muss sich nicht nur für etwas, sondern vor allem gegen viele andere Optionen entscheiden.
Orientierungshilfe bietet dabei oftmals das eigene Umfeld, mit welchem man sich demnach ständig vergleicht. Allerdings ist es wichtig, den Unterschied zwischen dem positiven Austausch mit anderen und dem exzessiven Messen des eigenen Wertes an der Umgebung zu (er)kennen. Letzteres kann einen nämlich unzufrieden zurücklassen.
Genügsamkeit statt Perfektion
Hinter dem ständigen Gefühl, sich vergleichen und immer besser werden zu müssen, steckt unter anderem die Angst vor der eigenen Mittelmässigkeit: «Die Idee, mittelmässig zu sein, ist für viele Menschen nur noch schwer auszuhalten. Sie neigen dazu, sich stets mit jenen zehn Prozent zu vergleichen, die noch besser sind oder mehr haben. In der Werbung und in den sozialen Medien werden uns dann ständig Superlative gezeigt und uns suggeriert, dass wir selber in allem super, mindestens aber überdurchschnittlich sein sollen», erklärt Dr. Schulz. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nicht genug Fortschritt geben kann. «In einem solchen System wird der Mensch immer als Mängelwesen betrachtet», ergänzt Hoyer und plädiert dafür, den Wert des Menschen wieder stärker von seiner vergangenen und zukünftigen Leistung zu entkoppeln. Gleichzeitig liegt es auch an jedem selbst, sich von diesem Optimierungszwang zu lösen. Stattdessen sollte man sich die Tugend der Genügsamkeit zu Herzen nehmen und wertschätzen, was man schon ist und hat und auch Dankbarkeit dafür empfinden, in eine privilegierte Welt hineingeboren worden zu sein.
Sinnsuche in der Praxis
Genügsamkeit ist jedoch einfacher gepredigt als gelebt. Fernab dieser Philosophie der Stoa gibt es alternative Methoden für die Konstruktion eines sinnstiftenden Lebens.
An der psychologischen Beratungsstelle wird unter anderem die Sinnkonstruktion durch Erzählung angewendet. Diese Methode hilft, die eigene Lebensgeschichte kohärenter zu beleuchten. Eine Variante davon stellt die Übung des Psychologen Dan McAdams dar: sein eigenes Leben in Kapiteln mit passenden Überschriften und einem Buchtitel erzählen. Dadurch sollte optimalerweise ein roter Faden ersichtlich werden, der jemandes Leben durchzieht. Auch mit einem Brief an sein Zukünftiges Ich kann man der Zukunft eine gewisse Sinnhaftigkeit zuweisen und sich über die gegenwärtigen Gefühle und Geschehnisse klar werden.
Schlussendlich läuft alles auf die Selbstreflexion innerhalb eines Rahmens hinaus. So empfiehlt Dr. Schulz, wichtige Facetten des Lebens, von den grossen Fragen bis zu den Routinen des Alltags, regelmässig in einem bestimmten Rahmen zu reflektieren. Gespräche mit guten Freunden, aber auch das Schreiben eines Tagebuches oder ein Spaziergang alleine an der frischen Luft können helfen, einen Raum für Reflexion zu schaffen.
Mehr als Trommeln im Wald
Eine weitere Methode, die über die Selbstreflexion hinausgeht, findet sich im sogenannten «Life Design». Dieses basiert auf der Notion, dass sich Menschen durchschnittlich 4.5 Leben wünschen, wie eine Umfrage unter Studierenden der Stanford Universität gezeigt hat.
Vielleicht möchte man verschiedene Karrierewege ausprobieren, als Neurochirurg Menschen von ihren Leiden befreien, als Jurist Gerechtigkeit üben. Vielleicht möchte man aber auch einfach die ganze Welt bereisen oder seiner Leidenschaft für die Violine nachgeben. Vielfach lassen sich solche Lebenswege nicht vereinen – weshalb wir uns im Schnitt 4.5 Leben wünschen. Doch wir sind keine Katzen, nicht mal halbe, und sind gezwungen sämtliche Wünsche, Ziele und Träume in einem Leben zu vereinen. Es gilt deshalb, Teile oder zumindest Bruchstücke all unserer Gelüste in dieses eine Leben zu integrieren.
Diesem Unterfangen widmet sich «Life Design». Was oberflächlich nach esoterischem Getrommel im Wald klingt und im Netz auch oftmals als solches verkauft wird, ist im vorliegenden Falle die systematische Anwendung von Design Thinking auf Lebens- und Karriereentscheide. «Life Design ist ein iterativer Prozess gespickt mit Methoden, die neue Gedanken, Emotionen und Erlebnisse kreieren», so Sebastian Kernbach, Dozent des Masterkurses «Designing Your Life». Er beschreibt die Disziplin weiter als eine gesunde Art, sich mit seinem Leben zu beschäftigen, die auch mit dysfunktionalem Denken in der Gesellschaft aufräumt, wie der Vorstellung, dass man im Leben nur einmal herausfinden müsse, was man will und den weiteren Verlauf des Lebens dann danach ausrichtet. «Im Life Design sagen wir, dass das Leben eigentlich immer ein fortwährendes Projekt ist. Man kommt nie an und auch der Sinn des Ankommens ist an sich schon ein dysfunktionaler Glaube: man muss gar nicht ankommen. Anstelle eines linearen Prozesses handelt es sich also vielmehr um einen iterativen», erklärt Kernbach.
Life Design als Prozess
Basierend auf dem Buch «Designing Your Life» von Burnett & Evans gliedert sich dieser iterative Prozess in vier Phasen mit unterschiedlichen Methoden. Die sogenannte ‘Design Challenge’ stellt den Prozessrahmen dar, der sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene angewandt werden kann. Eine Makro-Design-Challenge wäre beispielsweise die Frage «wie erreiche ich ein sinnstiftendes Leben?», während die Mikro-Perspektive sich mit der Optimierung der Morgenroutine beschäftigen könnte. Im Life Design versucht man dabei stets beide Aspekte zu berücksichtigen.
1. Understand
In einem ersten Schritt versucht man zu erörtern, was einen eigentlich im Leben antreibt. Im Zuge der Methode ‘me at my best’ sucht man sich dabei 2-3 Situationen aus seinem Leben aus, in denen man sich so richtig authentisch und «einfach wow» gefühlt hat. Diese werden im Anschluss dem Life Design Team, bestehend aus 3-5 Personen, erzählt. Dieses hat dann die Aufgabe rauszufinden, welche Fähigkeiten in den Geschichten versteckt sind. Eine alternative (Mikro-)Methode ist das ‘Customer Journey Mapping’ womit pain points innerhalb eines Ablaufs (z.B. Morgenroutine) identifiziert werden können.
2. Define
Im zweiten Schritt geht es darum zu definieren, was man ändern will, respektive auf welchen Punkt man sich im weiteren Verlauf fokussieren wird (z.B. ein gesünderes Frühstück innerhalb der Morgenroutine).
3. Ideate
Ausgehend vom zuvor identifizierten pain point werden Ideen generiert. Eine Möglichkeit hierfür ist Job-Bingo: Eine Tabelle mit den Reitern Skills, Interests, Values, Who, When, Where wird entsprechend ausgefüllt und dann dem Team zur wahllosen Gruppierung vorgelegt. Darauf basierend werden im Anschluss Job-Ideen gesammelt. In einem letzten Schritt teilt man die Fülle an Ideen in drei Kategorien ein (1=toll, 2=interessant aber ein wenig komisch, 3=eher weniger). Dieses Vorgehen ist typisch für den Life Design Prozess: «Man muss unterscheiden zwischen divergentem und konvergentem Denken: im divergenten Denken generieren ich und/oder mein Team Optionen. Dann muss ich aber konvergent entscheiden, was ich verfolgen will und das ergibt dann diese drei Kategorien», erklärt Kernbach. Während Job-Bingo eine sehr explizite Ausprägung hat, ist der dreiteilige «Odyssee-Plan» von impliziterem Charakter. In einem ersten Fünfjahresplan werden die persönlichen Annahmen bzgl. dem erwarteten Verlauf des eigenen Lebens während dieses Zeithorizonts skizziert resp. visualisiert. Unter der Annahme, dass dein Leben sozusagen zurückgespult wurde und nichts mehr vom Status Quo existiert, wird der zweite Plan skizziert. Der dritte Plan steht unter dem Motto: «Status and money don’t matter at all. What do you do?» Auch diese Methode ist von einer Besprechung mit dem Team und einer Selektion von 2-3 Aspekten gefolgt.
4. Prototype & Testing
Dieser Phase vorgelagert ist die Methode «Stairway to Heaven»: in individu-
ellen Zeithorizonten werden die auserkorenen Job-Ideen als «Endzie» eingetragen. Dann wird überlegt: «Wie bringe ich diese weit entfernten Dinge schrittweise an mein Heute?» Schrittweise ist hierbei das entscheidende Schlüsselwort: «Jemand der kein Life Designer ist, denkt dichotomisch, also immer im Entweder-Oder. Wenn man z.B. im Management Consulting nicht glücklich ist, ist die Schlussfolgerung, dass man einen neuen Job braucht. Ein Life Designer hingegen denkt differenziert: was genau gefällt mir an meinem Job nicht? Was reizt mich am potenziellen, anderen Job?», so Kernbach. «Im Life Design geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und Entscheidungen nicht auf Basis von Annahmen, sondern basierend auf Erlebnissen zu treffen. Mini-Erlebnisse sind immer bessere Entscheidungsstützen als Annahmen.» Solche Mini-Erlebnisse können in der Prototyping-Phase zum Beispiel durch Internetsuche, Interviews, Schnuppern und Praktikas gewonnen werden. Aufgrund des dadurch resultierenden Erkenntnisgewinns verändert sich Phase 1 automatisch, das heisst man geht zurück, adaptiert das Wissen über sich selbst und durchläuft den iterativen Prozess ein weiteres Mal. Irgendwann gelangt man damit dann hoffentlich zur Solution.
Übergreifende Prinzipien
Life Design kann grundsätzlich jeder betreiben. Dazu benötigt man allerdings das richtige Mindset sowie ein wertschätzendes, empathisches Team: Denn wie das Prinzip der «radikalen Kollaboration» proklamiert, ist Life Design nie ein Solo-Projekt, sondern bedarf einem «resonating board», das bei der Differenzierung hilft. «Dieser Team-
approach ist sicher etwas, was Life Design von herkömmlicher Karriereberatung unterscheidet», kommentiert Kernbach. Das zweite Mindset ist «Bias to Action»: Probieren geht über studieren – jedenfalls solange man nicht gleich das ganze Leben Hals über Kopf vollständig umkrempelt. Dies stimmt auch mit Hoyers abschliessendem Rat an uns Studierende überein: «Don’t put all your eggs in one basket.»