Der Ort der vielen Grenzen

prisma reiste an die Grenze des Kantons St. Gallen – auf die Landegg, wo Fuchs und Hase einander «Gute Nacht» wünschen und Asylbewerber auf ihre Zukunft warten.

Hoch oben über Rorschach, weit entfernt von jeglichem Stress unserer Zeit, liegt das Asylzentrum Landegg. Früher war es ein Kur- und Seminarhotel. «Kurort Wienacht-Tobel» steht denn auch auf dem Ortsschild. Es scheint zunächst paradox, dass in dieser idyllischen, weitgehend menschenleeren Gegend die einzige Strasse weit und breit genau mitten durch das Gelände des Asylzentrums verläuft und somit die Anlage in zwei Teile teilt. Das ist jedoch kein Zufall. Die Strasse markiere die Grenze zwischen den Kantonen St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden, welche die Unterkunft gemeinsam betreiben, erzählt uns Beatus Zumstein, der in der Landegg für Beschäftigungs- und Ausbildungsprogramme der Asylsuchenden verantwortlich ist. Die Kantonsgrenze, auf der Zumstein uns empfängt – links St.Gallen, rechts Appenzell Ausserrhoden – ist bei weitem nicht die einzige Grenze auf der Landegg.

Partyservice und Recyclingprogramme

Die Landegg ist ein Durchgangszentrum. Viele Bewohner warten auf ihren definitiven Asylentscheid oder darauf, an Wohnungen in den Gemeinden weitervermittelt zu werden, wenn ein positiver Entscheid vorliegt. 125 Plätze gibt es, momentan sind rund 80 besetzt. Es waren aber auch schon 160 Asylbewerber zur gleichen Zeit hier. Um den Asylsuchenden eine Tagesstruktur zu geben, wurden verschiedene Beschäftigungsprogramme auf die Beine gestellt, wodurch Asylsuchende ihr Sackgeld aufbessern können. Kinder besuchen die interne Schule oder spielen im Kinderhort.

Ein besonderes Aushängeschild bezüglich Beschäftigungsprogrammen ist der Partyservice, den bis zu sechs Asylsuchende zusammen mit einem Mitarbeiter des Zentrums betreiben. In den letzten fünf Jahren wurden über 10’000 Mahlzeiten serviert, wie auf der Webseite des Migrationsamts zu lesen ist. «Bei solchen Projekten lernt man Asylsuchende besser kennen und gewinnt ihr Vertrauen», erklärt Zumstein. Besonders stolz ist er auf das Recyclingprojekt, bei dem jeweils ein Asylsuchender am Morgen verschiedenste Abfälle sortiert. Das hilft dem Zentrum, die Betriebskosten tief zu halten. Ganz allgemein gilt in der Landegg der Grundsatz, dass Asylsuchende möglichst viele der anfallenden Arbeiten selbst übernehmen. Eine Küchenmannschaft bereitet täglich zwei warme Mahlzeiten für alle Bewohner und Mitarbeiter zu. Auch das Waschen und Putzen übernehmen die Bewohner selbst. «Der Job in der Küche ist einer der anstrengendsten hier», meint Zumstein, «aber auch einer, der sehr hohes Ansehen unter den Asylsuchenden geniesst.»

Kein Gefängnis und trotzdem Ausbrüche

Ähnlich wie in Gefängnissen gibt es auch im Asylzentrum eine soziale Hierarchie. Doch das Asylzentrum hat erstaunlich wenig mit einer geschlossenen Institution gemeinsam. Zu Gewaltproblemen kommt es praktisch nie, die meisten Türen sind nicht abgeschlossen und auch einen Zaun, der das Asylzentrum physisch von der Umwelt abgrenzen würde, sucht man hier vergebens. Unter solchen Umständen kommt es nicht selten vor, dass Bewohner das Zentrum verlassen und nicht mehr zurückkommen. Ganze 15 Prozent aller Asylsuchenden verschwinden auf diesem Weg. «Dagegen lässt sich nichts machen», sagt Zumstein schon fast resigniert. Viele von diesen Ausbrechern tauchten mithilfe von Verwandten unter und würden ihre Existenz als Sans-Papiers weiterführen.

Unsichtbare Grenzen

Zwar gibt es kaum räumliche Grenzen, die Asylsuchenden sind jedoch durch andere Grenzen eingeschränkt. Da wäre zum Beispiel die sprachliche Grenze, die eine Alltagskonversation mit Einheimischen nahezu verunmöglicht. Oder die kulturelle Grenze, sodass Misstrauen von Seiten der lokalen Bevölkerung oft vorprogrammiert ist. Im Vergleich zu anderen Asylzentren ist aber der Widerstand der Bevölkerung gering, man hat sich arrangiert. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass in unmittelbarer Nähe fast keine Wohnhäuser stehen. Trotzdem wurden die Bewohner der Landegg angewiesen, öffentliche Verkehrsmittel zu meiden und den eigens eingerichteten Shuttle-Bus des Asylzentrums zu benutzen, wenn sie nach Rorschach gehen wollen – 50 Rappen kostet eine Fahrt. Am Tag unseres Besuches hat der Shuttle-Bus gerade Hochbetrieb: Das Taschengeld wurde ausgezahlt, und viele gehen zum Einkaufen nach Rorschach.

«Ich will später hier arbeiten»

Trotz der fast unüberwindbaren Grenzen zwischen Asylsuchenden und der Lokalbevölkerung haben gewisse Bewohner Hoffnung auf ein besseres Leben. Zum Beispiel Hamidris aus Somalia, der seit fünf Monaten in der Schweiz ist. Der 24-Jährige beendete gerade sein Bachelor-Studium, als ihn die islamistische Terrormiliz Al-Shahab vor die Wahl stellte. «Entweder du schliesst dich ihnen an oder sie töten dich», erzählt er in solidem Englisch. Al-Shahab würde vor allem junge Leute bedrohen, das sei auch der Grund, weshalb seine Eltern immer noch in Somalia seien. Er erzählt von seiner Odyssee. Von Somalia flüchtete er in den Sudan, danach durch die Sahara nach Libyen. Mit 2’000 Dollar vom Onkel für ein Schlepperticket gelang ihm schliesslich die Flucht über das Mittelmeer nach Europa. «Es war sehr eng auf dem Gummiboot», erzählt er. In der Mitte des Meeres seien sie durch die italienische Küstenwache gerettet worden. «Es waren sehr viele Leute auf dem Boot», wiederholt er. Es folgt eine lange Pause.

Hamidris lernt Deutsch und sagt, dass er hier später eine Arbeit finden will. Auf seinem Bett liegt ein Deutschlehrmittel für Anfänger. Am Morgen besucht er jeweils den heimeigenen Deutschkurs. Tägliche Telefonate mit seiner Familie nehmen ihm etwas das Heimweh, doch er würde sofort zurück gehen, wenn es die Situation in seinem Heimatland zulassen würde. Hamidris ist aber nicht der durchschnittliche Asylbewerber. Die meisten verfügen nicht über eine universitäre Ausbildung oder kommen desillusioniert in die Landegg. Gerade ältere Asylbewerber haben Mühe, die jugendliche Zuversicht von Hamidris zu teilen.

Die Grenzen der Illusion

Desillusioniert sind aber nicht nur manche der Bewohner. Auch Herr Zumstein bezeichnet sich nicht mehr als den Idealisten, der er zu Beginn gewesen sei. «Ich bin Pessimist», sagt er über sich selbst. Jede positive Überraschung sei ein toller Erfolg. «Ich kenne schlimmere Geschichten als jeder SVPler», versichert er uns schmunzelnd. Doch der Job sei für ihn auch nach über 25 Jahren noch der richtige. Die guten Mitarbeiter und die Selbstständigkeit, die ihm gewährt werde, seien für ihn zentral.

Nicht nur die Möglichkeiten für Asylsuchende sind faktisch begrenzt. Auch das Asylzentrum Landegg wird es nicht für immer geben. Die Immobilie wurde von den beiden Betreiberkantonen für insgesamt zwölf Jahre gemietet, danach ist wohl Schluss. In diesem schnelllebigen Umfeld sei das «eine sehr lange Zeit», gibt Zumstein zu bedenken. Oft wüssten sie nicht einmal, wie viele Leute am nächsten Tag ins Zentrum eintreten.

Es ist ein Kommen und Gehen hier auf der Landegg, links und rechts von jener Kantonsgrenze, an welche noch viele andere Grenzen grenzen: kulturelle, persönliche, zeitliche. Wer kommt, lässt Landesgrenzen hinter sich. Wer von hier aus weitergeht, hofft, die Grenze des Ungewissen zu überschreiten, hofft auf eine Wohnung und einen positiven Asylentscheid. Die Grenzen, welche hier oben aufeinandertreffen, sind für Aussenstehende genauso trivial wie unnachvollziehbar – für die Bewohner der Landegg hingegen sind sie Alltag und Herausforderung zugleich.

Asylzentrum06


1 Kommentar

  • Name der Redaktion bekannt

    Dies ist ein äusserst gelungener Beitrag. Grüsse an Beatus Zumstein gehen raus.

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