«Die Schweiz ist mal was anderes»

Prof. Christine Legner ist eine Expertin für die betriebswirtschaftliche Nutzung des Internets und Business Networking. Wir trafen sie privat und ganz real.

Der Herbst ist in St. Gallen eingekehrt, die Zeit der dicken Nebelschwaden ist gekommen und drückt auf die Gemüter. Gerade beginne ich mich selbst zu fragen, was jemanden dazu bewegt, sich in dieser Stadt niederzulassen, als sich die Tür öffnet und Professorin Christine Legner eintritt. Für einmal treffe ich mich mit unserem Interview-partner nicht in dessen vier Wänden, sondern im Hauptgebäude. Bei ihr in der Wohnung sei zur Zeit die Verwandtschaft aus Deutschland einquartiert und geniesse die Ferien, meint sie mit einem Schmunzeln. Also setzen wir uns ins mit dem Himmel Ton in Ton liegende Uni-Gebäude.

Erst im vergangenen Monat hat die jahrelange Mitarbeiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik (IWI) ihre Habilitation mit der Antrittsrede zum Thema «Digitale Revolution im Unternehmen» offiziell abgeschlossen. Zuvor war sie Projektleiterin des Kompetenzzentrums «Business Networking». Mit einer gewissen Selbstironie meint sie auch, dass es für ihre Kollegen nicht immer ganz einfach sei, mit ihr zusammenzuarbeiten: «Ich neige wohl etwas zum Perfektionismus und sehe immer etwas, das man noch verbessern könnte. Das ist wahrscheinlich für den einen oder anderen Doktoranden schwer zu ertragen.»

Seit 2008 ist Christine Legner zudem Professorin für Wirtschaftsinformatik an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel und steht der HSG zusätzlich noch als Privatdozentin zur Verfügung. Mit der EBS hat sie erst vor kurzem einen grossen Schritt getan: Dank der Gründung einer zweiten Fakultät, der Law School, darf sich nun auch das privat getragene Institut Universität nennen.

Ticket nach St. Gallen

Auf die Frage, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sei, gesteht Legner, dass sie vor einem Computerkurs während ihres vorletzten Schuljahrs in den 80er-Jahren noch nicht einmal gewusst hatte, wie man einen Computer einstellt. Sofort bemerkte sie jedoch, dass ihr die Welt der Computer sehr gut liegt. Gerade die Programmierung und die Möglichkeit, ein konkretes Problem durch logisches Denken zu lösen, stellten einen grossen Reiz für sie dar. «Ich habe mich aber nicht ganz getraut, Ingenieurwissenschaften oder Informatik zu studieren», erklärt Legner. Schliesslich entschloss sie sich dazu, Wirtschaftsinformatik an der Universität Karlsruhe zu belegen, und zog dies dann auch bis zu ihrer Diplomarbeit bei der Firma Daimler durch. Sie habe dort erkannt, dass die praxisnahe Arbeit das ist, was ihr Spass macht. Eines Tages entdeckte sie dann ein Inserat des IWI St. Gallen, das damals Doktorandenstellen anbot. Genau das, was Legner gesucht hatte: Eine Möglichkeit, in der Praxis zu arbeiten und gleichzeitig zu promovieren.

Sicherlich war das Stellenangebot der ausschlaggebende Punkt, um in die Gallusstadt zu ziehen, aber es gab auch noch andere Anreize, welche die begeisterte Skifahrerin und Wandererin an die HSG verschlugen: «Die Schweiz ist attraktiv und mal was anderes. Ausserdem liegt es in der Nähe zu den Bergen, so bietet die Stadt auch noch genug Möglichkeiten für den Freizeitbereich.»

«Ein Teil meiner Freizeit ist Zugfahren»

Durch ihre Stelle an der EBS verbringt Christine Legner viel Zeit unterwegs. «Ein Teil meiner Freizeit ist Zugfahren», meint sie lachend. Dadurch biete sich ihr die Möglichkeit, viel Zeitung zu lesen. Den einen oder anderen mag das erstaunen – eine Wirtschaftsinformatikerin mit Faible für Nachrichten auf Papier. Tatsächlich gibt die Professorin zu, nicht ganz auf ihren Computer verzichten zu können. Vor allem um Dinge zu organisieren oder abzuklären, sei es das Gerät, welches immer mit dabei ist. «Ich merke aber manchmal auch, dass man durch das viele Lesen und Schreiben im Beruf am Abend nicht mehr in den Bildschirm schauen möchte.»

Um jedoch wirklich zu entspannen, bietet ihrer Meinung nach der Bodensee das passende Ambiente: Nach der Arbeit geniesst sie die Abendstunden in einer «netten Beiz» und beobachtet die zahlreichen Segelboote auf dem Wasser. Doch auch für die kommenden, kühleren Tage weiss sie, wie sie sich vom Alltag lösen kann: «Ich freue mich, wenn ich einmal zuhause bin und mit meinem Lebenspartner gemütlich ein Glas Wein im Wohnzimmer trinken kann.»

Die Zukunft liegt im Netz

Natürlich will ich von einer Expertin in Sachen Computer auch wissen, wie sie denn selbst mit dem Medium Internet tagtäglich umgeht. «Ich bin keine Gegnerin, es ist eine neue Qualität, die Social Networks in Beziehungen gebracht haben.» So bieten die Plattformen ihr die Möglichkeit, Bande aufrechtzuerhalten, die ansonsten wahrscheinlich schon längst gerissen wären. Dank dem Internet bestehen auch heute noch Kontakte zu Klassenkameraden und Studienkollegen, die ohne diese einfachen Möglichkeiten im Netz gar nicht mehr existieren würden. So sieht die Professorin Facebook und Co. sogar als einen gewissen Teil von Lebensqualität, insbesondere wenn sich Freundschaften wie in ihrem Fall über den ganzen Kontinent verteilt haben. «Selbst nutze ich die sozialen Netzwerke jedoch mehr in einem beruflichen Kontext», ergänzt Christine Legner und erwähnt die Vorteile, die sich bieten, um Feedback aus der Praxis zu erhalten, aber auch Experteninterviews durchzuführen. «Ich versuche jedoch, mein Privatleben weitgehend aus dem Internet rauszuhalten. Es muss ja nicht jeder wissen, was ich sonst noch alles in meiner Freizeit unternehme», erläutert sie mit einem Lachen. So glaubt sie auch, dass die Teilnehmer solcher Plattformen in Zukunft verstärkt eigene Regeln für sich selbst finden müssen, um abzuschätzen, was letzten Endes mit Kollegen und auch der Unternehmenswelt geteilt werden will.

Auf die Frage nach ihrer beruflichen und privaten Zukunft erklärt sie: «Zum 1. Januar werde ich an den Lehrstuhl der Universität Lausanne wechseln, um mal zu gucken, wie es am anderen Ende der Schweiz aussieht.» Ihre Wohnung in St. Gallen will sie aber vorerst behalten. Der Nebel scheint doch etwas Anziehendes zu haben.

Zur Person

Geboren am 27. Dezember 1969 in Stuttgart.
Hobbys: Skifahren, Wandern und Reisen
Lieblingsessen: Rösti mit Geschnetzeltem oder Wildgerichte mit einem guten Glas Rotwein
Lieblingslektüre: europäische Literatur und Romane
Lieblingsmusik: Faithless
Lieblingskünstler: Picasso – ein modernes Genie, das alle klassischen Elemente vereint
Lieblingsort in St. Gallen und weltweit: Klosterbezirk, Marrakesch

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