Ein Wikinger in der Schweiz

Schon viele HSGler haben anlässlich ihres Austausches die Welt bereist und ihre Eindrücke nachträglich hier veröffentlicht. Pär Holmbäck, einem nordländischen Austauschstudenten, geht es genauso, nur dass er zu Gast an der Uni St. Gallen ist. Persönliche Impressionen eines Schweden in der Schweiz.

Gastbeitrag von: Pär Holmbäck

Es war ein wunderschöner Februartag: Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und das Thermometer zeigte fast zehn Grad an. Es war mein erster Tag in der Stadt des Mönchs Gallus. Der Unterschied zu einem grauen, nassen und dunklen Stockholm war gross – bin ich gerade im siebten Himmel angekommen?

Diese kurze Einleitung hat wahrscheinlich schon eure Vorurteile über den kalten Norden bestätigt, aber das ist auch die Wahrheit. Verschiedene deutsche Dramen spielen zwar oft im Land der ehemaligen Wikinger und der atemberaubenden Naturkulisse, aber Letzteres ist nur während des Sommers so. Wie auch immer, auch im Land des Appenzeller Käses kann es offenbar anders sein: Eine Woche später lag ein halber Meter Neuschnee. Mein erster Eindruck: In St. Gallen folgt der Winter auf den Frühling.

Abfallsystem

Der Flug von Stockholm nach Zürich dauerte nur zwei Stunden – weniger als vom südschwedischen Malmö bis zum nördlichen Kiruna –, aber trotzdem sind es tatsächlich ziemlich verschiedene Länder. Natürlich nicht vollkommen, da wir beide moderne, demokratische und industrialisierte Nationen sind, aber doch ein wenig im Alltag. Das beste Beispiel, das ihr sicherlich schon früher von verwunderten Ausländern gehört habt, ist das Abfallsystem. Ich kann das nicht verstehen, wie die Schweizer es aushalten, zwei oder drei Müllsäcke während der ganzen Woche im Haus zu haben. Mehr zu diesem Thema später.

Mädchen im Dirndl

Welche Erwartungen – und möglicherweise Vorurteile – hatte ich denn, als ich Stockholm an diesem schönen Tag in Februar verliess? Erstens war klar: Ich würde keine Probleme mit der Sprache haben. Nach sieben Jahren Deutschunterricht in der Schule sowie einem halben Jahr an einer Sprachschule in Frankfurt sollten meine Kenntnisse der deutschen Sprache auf jeden Fall genügend sein. Zweitens: Ich würde die Möglichkeit bekommen, viel zu reisen, da man in der Schweiz, wie auch in Deutschland, in jedes kleine Dorf mit dem Zug fahren kann. Und drittens: die Confoederatio Helvetica würde mit all ihren Gebirgen, Alpseen, grünen Hügeln und Mädchen in Dirndln und mit Zöpfen unvergleichlich schön sein.

Gute Erinnerungen

Nach einem Semester vor Ort stellt sich dann die Frage, ob und inwieweit meine Erwartungen erfüllt wurden. Nun, zumindest teilweise hatte ich Recht. Schon während den ersten Stunden am Zürcher Flughafen wurde mir der totale Unterschied zwischen Schweizerdeutsch und der Sprache nördlich des Bodensees bewusst. Siebeneinhalb Jahre Deutsch war offenbar nicht genug, um Chuchichäschtli aussprechen oder verstehen zu können. Hochmut kommt vor dem Fall. Mit dem Reisen verhielt es sich jedoch völlig umgekehrt. Im Königreich Schweden wäre es niemals möglich gewesen, gottvergessene Plätze wie Wattwil oder Rothenthurm mit dem Zug zu erreichen. Und mehr noch: Die Züge sind extrem pünktlich. Die SBB könnten ihren Kollegen im Elchenland wahrscheinlich noch was beibringen. Die Schönheit des Landes, die Gebirge, Alpseen und Hügel machten das Reisen zum Genuss. Nur eines hat mir gefehlt: die Mädchen mit Dirndl und Zöpfen, die zwar auf den Heidi-Milchpackungen, leider aber nicht in der Wirklichkeit zu finden sind. Ich muss sagen, dass ich in dieser Hinsicht von der Schweiz etwas enttäuscht bin.

Ordnung muss sein

Etwas anderes hat mich ebenfalls recht irritiert. Es wäre wahrscheinlich eine unverzeihbare Unterlassung jedes Austauschstudenten, der einen Artikel in diesem Magazin schreibt, zu vergessen, das St. Galler Abfallsystem zu erwähnen. Meine Mutter glaubt mir immer noch nicht, wenn ich ihr sage, dass wir den Müll eine ganze Woche lang in der Wohnung haben müssen. Und eine meiner schwedischen Austauschkolleginnen hat sogar eine Geldbusse bekommen, weil sie die falschen Müllsäcke verwendet hat. Ich bin zwar ein Freund der Ordnung, aber geht das nicht einen Schritt zu weit? Die schweizerische Antwort scheint klar: Ordnung muss sein. Punkt.

Wenn ihr diesen Text lest, ist mein schweizerisches Abenteuer nach einem Semester vermutlich schon zu Ende. Eines ist aber klar: Es ist eine echt tolle Reise gewesen, mit vielen guten Erfahrungen, neuen Freunden und Erinnerungen, die ich lange in meinem Herzen tragen werde. Wenn ich mich am Zürcher Flughafen, an einem hoffentlich schönen Tag im Mai, von der Schweiz verabschiede, werde ich den Ausdruck «Auf Wiedersehen» wortwörtlich nehmen: Auf Wiedersehen!


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