«Es ist wichtig, sich mit seinen Wurzeln auseinander zu setzen»

Bernhard Ehrenzeller ist seit 1998 Direktor des Instituts für Rechtswissenschaft und Rechtspraxis und führt unter anderem die Assessmentvorlesung zum Bundesstaatsrecht im Frühjahrssemester durch. prisma traf Professor Ehrenzeller zu einem Gespräch in seinem Haus in St. Gallen.

An einem goldenen Herbsttag treffen wir Bernhard Ehrenzeller in seinem Einfamilienhaus in St. Gallen. Mit seiner Frau empfängt uns der Professor für öffentliches Recht freundlich und führt uns zuerst durch den das Haus umzäunenden, sonnengefluteten, grossen Garten.

Die wohltuende Stille fällt den an den Stadtlärm gewöhnten Studenten als erstes auf. Ausser Vogelgezwitscher und den ab und zu erklingenden Ausrufen der Ping Pong spielenden Kinder ist nichts zu hören. Hinter dem Haus sticht ein weinrotes, mit Reben bewachsenes Gartenhäuschen mit weissen Fensterrahmen ins Auge. Gleich daneben befindet sich ein Blumen- und Gemüsebeet von wilder Schönheit. Ehrenzeller erzählt: «Das Gärtnern ist eines meiner Hobbys. Ich bin zwar kein Profi, aber es ist mir wichtig, alles selber zu machen.» So ist es auch er, der sich um die vielen Rosen kümmert. Er erzählt uns weiter, dass es ihm ein grosses Anliegen sei, seinen Kindern Clara (12) und Lorenz (10) ein Gefühl für die Natur zu vermitteln.

Von Basel und Fribourg nach Bern

Studiert hat Bernhard Ehrenzeller an den Universitäten Fribourg und Basel. Wir wollen wissen, wieso er sich überhaupt dazu entschieden hat, zu studieren. Seine Familie habe dabei sicherlich eine Rolle gespielt. «Ich habe ein breites Familienverständnis. Ich zähle Onkel, Cousinen oder auch Bekannte zum erweiterten Familienkreis.» Ein Onkel, von Beruf Pfarrer, hatte ihm das Studieren jeglicher Art schmackhaft gemacht. Ein von Haus aus mitgegebenes Flair für Politik und schlechte Noten in Naturwissenschaften hatten ihn auf den Weg eines Rechtsstudiums gebracht. Sein Interesse an der Politik wurde durch die 68er verstärkt. «Ich war zwar nicht an den Unruhen beteiligt. Aber ein politisches Engagement ausgelöst haben diese schon. Ich war einer der ersten Studentenvertreter in der Lehrerversammlung des Gymnasiums. Mein Bemühen, konstruktiv studentische Interessen zu vertreten, war damals nicht so einfach. Es wurde mir als Aufgabe vorerst nichts anderes als das Schreiben von Protokollen übertragen. Einen besonders prägenden Eindruck hat bei mir der Vortrag des damaligen Ständerats Franz Muheim in unserer Studentenverbindung hinterlassen», erinnert sich Ehrenzeller und fährt fort: «Die Fähigkeit, vor einer Versammlung frei zu referieren und die Art und Weise, sich für ein Thema, wie zum Beispiel die Integration der Schweiz in Europa, stark zu machen, hat mich begeistert.»

Nach seinem Studium in Fribourg und Basel war Ehrenzeller während sechs Jahren als juristischer Sekretär des Justiz-Departements des Kantons Solothurn tätig. Er kandidierte damals in einer Volkswahl sogar als Richter – leider erfolgslos –, was ihn aber nicht sonderlich zu stören scheint. «Wäre ich gewählt worden, wäre ich jetzt nicht hier», erklärt er uns, von einem sanften Lachen begleitet. Als er 1991 das Angebot bekam, als persönlicher Mitarbeiter des damaligen Bundesrates Arnold Koller zu fungieren, zog er nach Bern, um sich ganz dieser Tätigkeit zu widmen.

Sechs Jahre Weltpolitik

Das prägendste Erlebnis während dieser Zeit im Bundeshaus sei ein Dinner in den USA gewesen. Obwohl er pro Jahr an etwa vier bis fünf Bundesratsreisen in aller Herren Länder teilnahm, war es doch etwas Besonderes, mit dem Vizepräsident Al Gore, dem Chief Justice und dem FBI-Direktor zusammen am Tisch zu sitzen. «Selbstverständlich musste man da auch einen Toast vorbereiten», sagt Ehrenzeller, dessen Aufgaben weit über das Ghostwriting hinausgingen. Hauptsächlich sei er in einer beratenden Funktion tätig gewesen. Das Besprechen von politischen Themen, die Pflege politischer Kontakte oder das Beschaffen von Material für Argumentationen waren das Alltagsgeschäft. Die Arbeit habe aber auch viel Nerven und Freizeit gekostet. Als persönlicher Mitarbeiter müsse man allzeit bereit sein. «Diese Reisen zum Beispiel waren alles andere als entspannend. Oft hetzt man von Termin zu Termin und sieht rein gar nichts vom Land oder der Stadt, in der man sich gerade befindet.»

Diese wichtige, aber auch zeitintensive Beschäftigung hat dazu geführt, dass Bernhard Ehrenzeller relativ spät geheiratet hat. Da die Familie eine hohe Priorität geniesst, könnte er es sich auch nicht vorstellen, nicht dort zu wohnen, wo er seinen Arbeitsplatz hat. Gemeinsam auf eine Wanderung in die Berge zu gehen oder abends mit seinem Sohn Fussball zu spielen, das sei für ihn ein wichtiger Teil seines Lebensglücks. Auch Traditionen und gesellschaftliche Werte weiter zu geben, spielt für ihn eine grosse Rolle. So wird bei der Familie im Gegensatz zu den meisten anderen Haushalten das Wohnzimmer nicht von einem Flachbildfernseher dominiert. Ein aus massivem Nussbaumholz gefertigter Schrank fällt viel eher auf. Ein Erbstück mit hohem persönlichen Wert und darüber hinaus sein Lieblingsmöbelstück, wie wir erfahren. Er fände es zwar schön, wenn seine Kinder diesen später einmal übernehmen würden, zu etwas zwingen würde er sie aber nie, teilt uns der liberale Jurist mit. Obwohl er es als wichtig erachtet, dass man seine Wurzeln kennt: «Es ist wichtig, dass man sich mit seinen Wurzeln auseinander setzt. Diese erlauben einem, sich besser zu verstehen.»

Der Umzug nach St. Gallen war für Professor Ehrenzeller eine Art Rückkehr. Sein Vater, ein Goldschmied in Basel, war Ostschweizer, und er genoss daher als Kind viele Ausflüge an den Bodensee und Umgebung. In St. Gallen habe er sich schon immer wohl gefühlt, während seine Frau zu Beginn Schwierigkeiten gehabt habe. «Die Ostschweiz war für sie ein ungewohntes Fleckchen Erde. Aber mittlerweile fühlt auch sie sich wohl hier.»

Ein Herz für Assessis

Engagiert und zurückhaltend sind wohl jene Attribute, die von Studierenden am häufigsten verwendet werden um Professor Ehrenzeller zu beschreiben. Er gibt Vorlesungen auf allen Stufen, wobei ihm die Assessmentvorlesung sehr am Herzen liegt. «Für die Studierenden ist das Assessmentjahr prägend, was für mich aber auch eine Herausforderung bedeutet.» Die Assessmentstudenten seien aufgeschlossener und willig, Neues aufzunehmen. Während den Vorlesungen fühle er sich wohl und geniesse die Möglichkeit, sein Wissen und sein Engagement für die öffentliche Sache weiterzugeben. Was das HSG-Klischee angeht, widerspricht er diesem. Bevor er sein Amt in St. Gallen angetreten habe, sei auch er mit Vorurteilen gegenüber der HSG konfrontiert gewesen: «Das Pauschalurteil stimmt meiner Meinung nach nicht. Es gibt sehr viele reflektierte Studenten an dieser Universität. Es lässt sich auch eine grosse Vielfalt zwischen den Dozierenden erkennen.» Als Abgänger der Universitäten Basel und Fribourg drängt sich uns die Frage auf, was die HSG von ihnen unterscheidet. «Das Hauptunterscheidungsmerkmal und Besondere an unserer Uni ist der unternehmerische Geist. Die Studierenden sind aktiv und beteiligen sich an vielerlei unterschiedlichen Dingen.» Dieser Geist ist es, der ihn begeistert und ihn noch weitere Jahre an der HSG halten wird.

Zu Prof. Bernhard Ehrenzeller

Geboren: 05.09.1953
Hobbys: Garten, Wandern, mit der Familie Zeit verbringen
Lieblingsautor: Dan Brown
Lieblingsmusik: Klassische Musik
Lieblingsort: Sils Maria (Engadin)
Lieblingsgericht: Risotto mit Lamm

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