Höflich und bescheiden glitzern

Knigge war gestern. Zwei Etikette-Experten erläutern, worauf es bei Bewerbungsgespräch, Company Dinner und Smalltalk ankommt.

Meeting, Dining, Dress Codes – unzählige Veranstaltungen und Kurse werden hierzu angeboten. Unsere Manieren und unser Betragen werden geschliffen, geformt und letztlich perfektioniert. Dennoch stehen wir dann unserem künftigen Arbeitgeber gegenüber und wissen nicht, wie wir das Gespräch beginnen, ob wir ihm die Hand reichen sollen oder inwiefern unsere Kleidung überhaupt angemessen ist.

Aus der Praxis für die Praxis

Mit diesen Fragen kennen sich zwei besonders gut aus: Barbara Zehnder und Daniel Senn. Vor zwei Jahren begannen sie, Seminare für Jungdiplomaten zu den Themen Etikette und Protokoll zu geben. Aus dem Handout für diese Seminare entstand ihr Buch «Meeting, Dining, Dress Codes». «Wir hatten nicht den Anspruch, eine neue Bibel zu schreiben. Unser Buch ist mit einer Prise Humor zu verstehen und unser Auftritt muss natürlich den lokalen Gebräuchen angepasst werden. Doch es ist Know-how, das funktioniert – aus der Praxis für die Praxis», erklärt Daniel. Internationale Erfahrung haben beide reichlich.

Barbara machte sich vor 13 Jahren selbstständig und bietet seitdem Kurse in Image und Business-Etikette für Einzelpersonen und Teams an. Sie arbeitete schon überall auf der Welt (unter anderem in Belgien, Südkorea, Ukraine, Schweden) und nun seit zwei Jahren zusammen mit Daniel in Sachen «International Courtesy Competence». Daniel stammt aus dem Hotelgewerbe. Nach abgeschlossener Kochlehre besuchte er die Hotelfachschule und arbeitete in Hotels und Restaurants unter anderem in den USA, in Saudi-Arabien, Thailand und Prag.

So legen sie auch in ihrem Buch den Fokus auf Internationalität. Der Leser erfährt nicht nur etwas über Schweizer Etikette, sondern lernt auch kulturelle Unterschiede kennen. Beispiele haben beide einige zu bieten: Daniel betont, als Schweizer an Geradlinigkeit gewohnt zu sein, welche nicht überall üblich sei. Zum Beispiel arbeitete er als Chef im Verkauf eines Hotels in Thailand und seine Assistentin antwortete stets mit «Ja» auf seine Aufträge, und trotzdem erfüllte sie einige nicht. Als er dem nachging, fand er heraus, dass es einfach üblich ist, Ja zu sagen, wenn man den anderen gehört hat, dass dies aber noch lange nicht bedeutet, dass man einverstanden ist. Auch Barbara hat in Asien uns fremde Verhaltensweisen kennengelernt. So sei es in Südkorea üblich, bei unangenehmen Fragen des Gegenübers – unter Umständen abrupt – das Thema zu wechseln. Solche kulturellen Feinheiten sollten auch bei Vorstellungsgesprächen für ausländische Firmen nicht ausgeblendet werden. «Es ist nicht nur wichtig, sich über die Unternehmenskultur zu informieren. Auch die Kultur des Herkunftslandes eines Unternehmens sollte dem Bewerber geläufig sein», betont Barbara.

Hierarchie ist entscheidend

Gibt es heute im 21. Jahrhundert noch Unterschiede in der Business-Etikette zwischen Männern und Frauen? «Im Beruf bestimmt ganz klar die Hierarchie und nicht das Geschlecht die Verhaltensregeln», versichert Barbara. Angestellte erheben sich, wenn die Chefin oder der Chef das Büro betritt, unabhängig vom Geschlecht. Bei der Vorstellung erfährt die hierarchisch höhergestellte Person erst, wer die andere Person ist, wiederum unabhängig vom Geschlecht.

Zur Frage nach der Übertragbarkeit der eher steifen Verhaltensregeln auf das Unileben, erklären Barbara und Daniel, dass diese Regeln an den jeweiligen Kontext angepasst werden müssen, dennoch seien grundsätzliche Höflichkeit und Respekt immer angebracht. Die Tipps und Regeln, welche in ihrem Buch vorgestellt werden, seien wie Werkzeuge, die in den persönlichen Rucksack kämen und im beruflichen Alltag ungemein beruhigten. Abgesehen davon gäbe es auch an Universitäten ungeschriebene Regeln, beispielsweise Dress Codes. Wer auch genug hat von Canada Goose, kann das wohl nur bestätigen.

Immer wieder betonen Barbara und Daniel die Bedeutung von Authentizität. Natürlich sei Selbstbewusstsein und Gelassenheit anziehend, doch das übertriebene, aufgesetzte Selbstvertrauen, das manche Studenten der Welt vorspielen, falle schnell in sich zusammen. Als Student müsse man sich der Tatsache bewusst sein, dass der eigene Rucksack gerade erst gefüllt wird, dass man noch ein Lernender sei, der sich selbst nicht allzu wichtig nehmen sollte.

Tücken des Smalltalks

Smalltalk: Dem einen fällt er leicht, andere sind überzeugt, sie werden es nie lernen. Dabei klingt es bei Barbara und Daniel ganz leicht. «Wichtig ist es, ein gemeinsames Interesse zu identifizieren und Präsenz zu zeigen. Zudem kann man sich an Personen orientieren, die uns in Gesprächssituationen beeindrucken», erklären sie. Ausserdem solle man sich für den Einstieg mit einem vermeintlich belanglosen Thema (zum Beispiel der Frage nach dem beruflichen Hintergrund des Gegenübers oder einer Bemerkung über das vielbemühte Wetter) nicht schämen – als erster Schritt könne dies durchaus dienen. Überhaupt sollten beim Smalltalk heikle Themen, wie Kontroversen betreffend Politik oder Religion besser ausgeklammert werden.

Wer also höflich und gelassen, dabei zielführend glitzern möchte, für den sind die aufgeführten und im Handbuch befindlichen Tipps Gold wert. Und für alle anderen bleibt ja immer noch das Vorbild der Geissens.

Bilder Livia Eichenberger


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