«Selbstverantwortung erreichen wir nicht durch ein Gesetz»

In der Politik wie auch auf der Strasse wird über die rauchfreie Gastronomie gestritten und die Wirte stehen mitten drin. prisma sprach mit Ambros Wirth über das Leben zwischen den Fronten.

prisma: Wie lässt sich der Genuss am Rauchen mit dem Schutz vor Passivrauchen vereinbaren?

Ambros Wirth: Durch eine räumliche Trennung lässt sich bereits viel erreichen. Die Konsumenten sind diesbezüglich auch einsichtig. Nur ein kleiner, jedoch lauter Teil bleibt uneinsichtig. Unter diesen gibt es zwei Gruppen. Die eine Gruppe pocht auf Minoritätenschutz, weil sie wissen dass man damit in der Schweiz relativ weit kommt. Zweitens, weil es dem Gastgewerbe ziemlich schlecht geht, wird sich ein Wirt zweimal überlegen, ob er sein Restaurant rauchfrei macht und damit seine rauchenden Gäste vergrault. In dieser Situation wird die undankbare Rolle der Wirte sichtbar. Sie werden von zwei Seiten, von den Nichrauchern und den Rauchern unter Druck gesetzt. Darum haben Gastrosuisse und Gastro St. Gallen die neue Kampagne «rauchfreigeniessen.ch» initiiert, um diesem Dilemma vorzubeugen. Allerdings ist sie noch nicht weit verbreitet. Die Wirte wissen nicht wie das Resultat aussehen wird. In Restaurants mit vielen Zimmern waren Raucherräume noch nie ein Problem. Wirte von Quartierbeizen mit nur einem Raum müssen sich aber entscheiden. Sie bekommen den vollen Zorn der Gäste zu spüren. Von beiden Interessengruppen würde ich mir schon ein bisschen mehr Akzeptanz wünschen.

Ein generelles Rauchverbot würde doch in den genannten Quartierbeizen für gleichlange Spiesse sorgen? Niemand hätte eine Abwanderung von Gästen zu befürchten.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Raucher dann in Clublokale oder Schützenhäuschen abwandern, wo das Rauchen noch erlaubt ist. Das ist die grosse Angst der Wirte. Auch volkswirtschaftlich mach dies wenig Sinn. In diesen Orten wird keine Mehrwertssteuer bezahlt und es werden keine Sozialleistungen abgerechnet. Dessen sollte sich der Staat bewusst sein.

Es wird gesagt dass durch gegenseitige Rücksichtnahme das Problem genauso gelösst werden könnte. Mangelt es seitens der Raucher nicht oft an Solidarität?

Manchmal habe ich das Gefühl dass alles reglementiert wird und die Freiheit immer mehr eingeschränkt wird. Das Zusammenleben und gegenseitige Rücksichtnahme scheinen nichts mehr zu zählen. Ein generelles Rauchverbot wäre ein weiterer Beweis, dass wir es nicht schaffen friedlich zusammenzuleben. Man sollte viel mehr an der Selbstverantwortung arbeiten. Schliesslich befinden wir uns in einer globalisierten Welt, in der immer mehr Menschen aus fremden Kulturen aufeinander treffen. Irgendwann erschöpfen sich die Möglichkeiten der Reglementierung. Selbstverantwortung erreichen wir nicht durch ein Gesetz. Darin liegt die Herausforderung. Eine klare Beschriftung der Restaurants für Raucher oder Nichtraucher würde die Selbstverantwortung besser fördern als ein Gesetz. Wandel braucht Zeit. Falls er scheitert, kann noch immer ein Rauchverbot eingeführt werden. Über das Zusammenleben hätten wir aber nichts gelernt.

Eine Gesellschaft muss gewisse Entwicklungsprozesse durchlaufen, bevor die Bürger selbstverantwortlich handeln können. Ist die Initiative «rauchfreigeniessen.ch» genug?

Wir befinden uns bereits mitten im Prozess. Früher konnte man überall rauchen. Das ist heute anders. Zunächst bedarf es einer Schockreaktion, um den Übergang vom Wissen zum Begreifen zu erreichen. Ab dann muss der Prozess von beiden Interessenseiten gezielt begleitet werden. Der Nichtraucher muss vor dem Raucher geschützt werden. Das kann nicht von heute auf morgen geschehen.

Die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern des Rauchverbots sind verhärtet. Kann unter diesen Umständen dieser Entwicklungsprozess überhaupt stattfinden?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn es uns nicht gelingt, diese Herausforderung zu bewältigen, haben wir generell ein Problem in unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Demokratie auf engem Raum zusammen. Wenn wir vergessen, wie wir miteinander umzugehen haben, kommt der Dialog, in dem wir uns permanent befinden, ins Stocken. Manchmal braucht es etwas Respekt. Ich will nicht leugnen, dass die Bemühungen von einigen Wirten schleppend verlaufen. Aber wir arbeiten daran. Es ist eigentlich unnötig, jede kleine Unzulänglichkeit zu kritisieren. Grundsätzlich haben wir dieselbe Philosophie wie die Lungenliga. Viele von uns setzen sich mit ihren Hausaufgaben auseinander: Wir schützen unsere Angestellten und unsere Gäste. Trotzdem werden wir von der Lungenliga ständig torpediert. Das hemmt den Prozess hin zu einer rauchgetrennten Gastronomie, in dem wir uns befinden. Das Gastgewerbe würde es begrüssen, einmal von der Lungenliga ein Kompliment für die Bemühungen zu erhalten, anstatt sich gegenseitig zu zerpflücken. Das würde den Prozess viel besser in Bewegung halten. Denn wie die Auseinandersetzung jetzt über die Medien dargestellt wird, das ist keine konstruktive Diskussionskultur!

Wie wollen die Wirte ihre Mitarbeiter schützen, wenn weiterhin in den Restaurants geraucht wird?

Das sehe ich nicht so eng. Wo nicht geraucht wird, raucht auch das Personal nicht. In Raucherrestaurants sollen Raucher oder Raucherinnen angestellt werden. Im Gegenzug erhoffe ich mir als Unternehmer aber finanzielle Vorteile. Durch das Rauchen werden etliche Brände in Restaurants verursacht. Rauchfreie Gaststätten sind sicherer, was eine Senkung der Versicherungsprämien rechtfertigen würde. Bauvorschriften sollten auch angepasst werden. Nichtraucherrestaurants brauchen keine gigantische Lüftung. Nicht zuletzt ist eine rauchfreie Umgebung eine gesunde Umgebung. Also sollten die Krankenkassenprämien ebenfalls sinken. So würde ein allfälliges Gesetz von den Wirten zusätzlich mitgetragen.

Wäre es möglich, dass Nichtraucher wieder öfters in Restaurants essen gehen und damit die entgangenen Umsätze durch die Raucher aufgewogen würden?

Das würde bedeuten, dass der Markt der Nichtraucher grösser werden würde. Gemäss meiner Erfahrung ist dass eher unwahrscheinlich. Schon heute haben wir jährlich sinkende Umsätze. Gleichzeitig werden mehr Raucher an die heute verbreiteten Imbissstände abwandern. Sie berechnen nur 2,4% anstatt der üblichen 7,6% Mehrwertsteuer. Das heisst, wir haben schon bei den Getränken einen Preisnachteil. Gastronomen haben damit gleich einen doppelten Nachteil.

Sind die Ängste der Wirte vor der Abwanderung der Gäste aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Betriebe mit getrennten Räumen haben wohl nichts zu befürchten. Bei uns hatten wir nur ein paar Abgänge, als wir Nichtraucherräume eingeführt haben. Das schmerzt natürlich. Die kleinen Beizen werden sehr viel stärker betroffen sein. Noch können wir nicht abschätzen, in welchem Ausmass der Aderlass an Rauchern ausfallen wird. Wichtig zu sehen ist, dass sich in diesen kleinen Landbeizen ein grosser Teil des sozialen Lebens abspielt. Die unteren sozialen Schichten treffen sich oft dort. Nicht selten sind diese Raucher. Wie die mit einem Rauchverbot umgehen würden, ist schwer zu sagen.

Ambros Wirth ist gelernter Koch. Nach der Hotelfachschule arbeitete er im «Palace», St. Moritz, und im «Dolder» in Zürich. Nach einem Auslandspraktikum in Neu Glarus arbeitete er 15 Jahre in Gossau als Gastgeber in der «Henessenmühle». Nachdem er das KMU-Diplom an der HSG erhalten hatte, arbeitete er drei Jahre lang bei der Globus Gruppe als Projektleiter für «Café Nannini». Danach zog es ihn zu seinen Wurzeln zurück. Bis heute ist er Gastgeber in der «Gaststuben zum Schlössli» in der Zeughausgasse 17 in St. Gallen.

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