Tod als einziger Ausweg: Im Gespräch mit einer Freitodbegleiterin

Die Sterbehilfeorganisation Exit begleitet Menschen in den Tod. Heidi Vogt, Leiterin Freitodbegleitung, ist überzeugt, das Richtige zu tun: Sie will Menschen die Freiheit geben, über ihren eigenen Tod zu entscheiden.

Ein Wohngebiet am Rande von Zürich; es ist früher Nachmittag, die Strassen sind leer. Wir erreichen das Quartier mit dem Tram vom Hauptbahnhof aus, unser Ziel: ein unscheinbares, weisses Haus. Hier hat die Sterbehilfeorganisation Exit ihre Büros, hier befindet sich der Arbeitsplatz von Heidi Vogt. Vogt ist eine aufgeschlossene, freundliche Frau, deren Anwesenheit das bedrückende Gefühl, das uns beim Eintritt befällt, schnell verfliegen lässt. Sie ist 60 Jahre alt, verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und arbeitet seit neun Jahren als Leiterin Freitodbegleitung bei Exit. Bevor sie diese Stelle antrat, betreute sie selbst etliche Menschen bis zum Tod.

«Ich habe einmal eine 33-jährige Frau begleitet, meine bisher jüngste Klientin», erzählt Vogt. Der Fall sei ihr besonders nahegegangen. Die Frau habe zwar unter einer langjährigen Schmerzproblematik gelitten, trotzdem sei sie noch so jung gewesen. Meist begleite man alte Menschen, die mit ihrem Leben bereits abgeschlossen hätten. Die Jungen hingegen wollten weiterleben. «Bei dieser Frau fragte ich mich schon, ob es nicht doch noch eine Therapie gäbe, ob der Tod wirklich der einzige Ausweg sei.» Solche jungen Klienten sind allerdings die Ausnahme, das Durchschnittsalter der Begleiteten beträgt 77,5 Jahre.

Als Leiterin Freitodbegleitung führt Vogt ein Team von 30 Sterbebegleitern, die in der Deutschschweiz ehrenamtlich tätig sind. Sie ist für die Auswahl der Ehrenamtlichen zuständig. Viele Freitodbegleiter haben einen medizinischen Hintergrund – daneben gibt es Psychologen, Theologen, aber auch Menschen aus anderen Berufsgruppen. Wichtige Eigenschaften für Vogt sind Lebensfreude und vor allem Berufs- und Lebenserfahrung. So sind auch zwei Drittel der Begleiter über 60 Jahre alt. Für die meisten Freitodbegleiter gäbe es zwei Motive, sich bei Exit zu engagieren: zum einen berufliche oder persönliche Erfahrungen mit dem Tod und zum anderen die Überzeugung, dass begleiteter Freitod ermöglicht werden sollte.

Auf Vogt trifft beides zu. Seit ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und selbstständigen Supervisorin arbeitet sie in sozialen und politischen Bereichen; ob bei einer Drogenberatungsstelle oder als Stadträtin. So sah sie sich während ihres gesamten Berufslebens immer wieder mit dem Tod konfrontiert – auch privat: Ihre Schwester starb bereits mit 21 Jahren. «Ich musste zwangsläufig lernen, mit dem Tod umzugehen», so Vogt. Dadurch sei sie dankbarer geworden – für ihre eigene Gesundheit, diejenige ihres Mannes und ihrer Kinder.

Langwieriger Abklärungsprozess

Will sich jemand mit Exit das Leben nehmen, so muss er Mitglied sein; für alle anderen bietet Exit keine Freitodbegleitung an. Für eine Mitgliedschaft kommen nur Personen in Frage, die ihren Wohnsitz in der Schweiz haben oder das Schweizer Bürgerrecht besitzen. Dadurch beugt Exit aus logistischen Gründen dem Sterbetourismus vor: «Wir verfügen zurzeit nicht über genügend Ressourcen, um auch Ausländer in den Freitod zu begleiten. Allerdings unterstützen wir Bewegungen im Ausland, die eine solche Hilfe legalisieren wollen», sagt Vogt.

Nachdem eine Mitgliedschaft abgeschlossen wurde, benötigt der Sterbewillige eine ärztliche Bescheinigung seiner Urteilsfähigkeit und eine ärztliche Diagnose. Hat er diese, schickt Vogt einen Freitodbegleiter zu ihm nach Hause. Damit beginnt ein Prozess der Abklärung, der sich je nach Art und Schwere der Krankheit wenige Tage bis mehrere Monate hinziehen kann. Wenn möglich, würden auch die Angehörigen in diesen Prozess involviert, doch ihr Einverständnis brauche es letztendlich nicht, sagt Vogt. «Einst hat sich ein Mann gemeldet, der mit unserer Hilfe sterben wollte – dies jedoch im Unwissen seiner Ehefrau.» Diesen Wunsch erfüllten sie ihm jedoch nicht, das sei ihnen zu weit gegangen.

Bitteres Sterbemittel

Ist die Abklärung beendet und der Sterbewillige hat das Rezept seines Arztes, kann er den Termin seines Todes festlegen. An jenem Tag geht der Freitodbegleiter und mindestens eine andere Person, normalerweise seine Angehörigen, zu ihm nach Hause. «Ich bin jeweils sehr konzentriert zu solchen Terminen gegangen», sagt Vogt. Vor Ort müsse man nochmals alle Voraussetzungen überprüfen und genauestens beobachten, ob es Widersprüchlichkeiten gebe. Selten komme es vor, dass sich der Betroffene noch umentscheide.

Persönliche Vorstellungen zurückstellen

Die Gestaltung der letzten Stunden liege ganz beim Betroffenen. «Einige wünschen sich Musik, andere Gespräche im Familienkreis oder ein gemeinsames Essen.» Die letzten Gespräche seien nicht besonders schwer, man spreche auch über leichte, oberflächliche Themen. «Allerdings merkt man schon, dass demnächst jemand sterben wird», sagt Vogt. In allen Gesprächen sei es wichtig, die eigenen Vorstellungen zurückzustellen und den Menschen zu helfen, eigene Antworten auf ihre Fragen zu finden. Sie persönlich glaube etwa nicht an ein Leben nach dem Tod. «Einige wollen aber wissen, ob sie sich denn überhaupt selbst töten dürften, ob das nicht eine Sünde sei und ob sie dafür bestraft würden.» Bei solchen Frage zähle ihre Meinung nicht. Oft befände sich ihr Gegenüber in einem Dilemma zwischen dem Wunsch zu sterben und der häufig noch sehr christlich geprägten Erziehung.

Schliesslich muss der Betroffene seine letzte Handlung selbst ausführen; er muss das Sterbemittel trinken oder, wenn das nicht möglich ist, den Infusionshahn selbst öffnen. Das Mittel schmeckt sehr bitter, viele sprechen das nach dem Trinken auch an. Daraufhin dauert es einige Minuten bis er das Bewusstsein verliert und der Tod durch Herzstillstand eintritt. Nur wenn jemand in einem Heim lebt, das eine Freitodbegleitung nicht zulässt, kann die Freitodbegleitung im Hauptsitz von Exit in Zürich stattfinden.

Gewaltfreier als unbegleitete Suizide

Die Freiheit, das eigene Leben zu beenden, gab es auch schon bevor Organisationen wie Exit oder Dignitas aufkamen. Warum wählen Menschen den begleiteten Freitod? Heidi Vogt nennt zwei Gründe. Zunächst scheitern die meisten unbegleiteten Suizidversuche; bei Exit hingegen kann der Sterbewillige sich sicher sein, dass der Tod eintritt. Andererseits ist ein begleiteter Freitod weniger gewalttätig. Die Angehörigen werden betreut und nicht von einem plötzlichen Suizid traumatisiert. Allerdings würden die meisten Menschen, die einen Suizidversuch machen, für Exit nicht in Frage kommen, sagt Vogt, weil der Grund oft eine Lebenskrise sei. «Wenn sich solche Menschen bei mir melden, leite ich sie an Psychologen weiter.»

Für Heidi Vogt ist die Freitodbegleitung mehr als nur ihr Job. Sie geht ihrer Überzeugung nach, Menschen ein Stück Freiheit zu ermöglichen: «Wenn ich pensioniert bin, will ich selbst wieder ehrenamtlich als Freitodbegleiterin tätig sein.»

Bild: Oscar Hong

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