Vom Skateboard auf das Fahrrad

Wer auf einem Fahrrad ohne Bremsen und Gänge die steilsten Pässe überquert, muss wohl verrückt sein. Patrick Seabase über Masochismus, Motivation und warum er gerne einen Messerschmied in den Hügeln Japans treffen würde.

Ist «Seabase» dein richtiger Name?

Nein, eigentlich heisse ich mit Nachnamen Seegrunder, Seabase ist eine Abänderung davon.

Du fährst auf einem Fahrrad ohne Gänge und Bremsen über Pässe. Warum machst du das?

Ein Fahrrad ohne Bremsen und Gänge, das ist die ursprünglichste Form eines Fahrrads. Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Fahrräder noch keine Gänge und Bremsen, man bremste einfach mit den Füssen am Boden. Das entwickelte sich weiter und fand schliesslich seinen sportlichen Ursprung in den ovalen Bahnen in Hallen, wo heute Radrennen mit solchen Fahrrädern bestritten werden. Ich persönlich benutze es einfach auf der Strasse. Mich sprechen vor allem der Minimalismus, die schlichte Ästhetik und das hohe Mass an Kontrolle an, das gefordert ist.

Die meisten würden das wahrscheinlich als Masochismus bezeichnen. Wie siehst du das?

Das sehe ich gar nicht so. Wenn Studenten eine Prüfung schreiben und sich darauf vorbereiten, ist das schliesslich auch ein bisschen masochistisch. Was ich mache, entspricht sicher nicht der Norm. Darum scheint es vielleicht etwas aussergewöhnlich und verrückt. Hingegen finde ich es zum Beispiel genauso verrückt, eine Doktorarbeit zu schreiben. Es ist immer Ansichtssache.

Was hast du gemacht, bevor du mit dem Fahrradfahren begonnen hast?

Früher habe ich mich mehr mit Musik beschäftigt, ich habe Gitarre gespielt. Ausserdem bin ich viel Skateboard gefahren. Mit 22 Jahren habe ich dann das Fahrradfahren entdeckt. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Wie sieht dein Alltag heute aus?

Aufstehen, bei einem Cappuccino E-Mails beantworten und dann ab auf das Fahrrad. Manchmal gehe ich davor noch ins Gym. Zudem beschäftige ich mich mit diversen Projekten, und natürlich gehören auch Sponsorenmeetings zu meinem Alltag. Die meiste Zeit verbringe ich aber mit Training.

Wie viele Pässe hast du schon überquert?

Vor Kurzem habe ich gezählt – 162 Pässe sind es; der bisher anspruchsvollste war der Mont Ventoux in Frankreich. Der Nufenenpass ist auch mühsam zu überqueren, weil er so steil ist. Dafür ist die Erleichterung jeweils umso grösser, wenn ich weiss, dass ich nur noch wenige hundert Meter vom Ziel entfernt bin.

Hast du nie Zweifel daran, das Ziel zu erreichen?

Nein, überhaupt nicht. Ich würde nie etwas tun, wenn ich mir nicht hundert Prozent sicher bin, dass ich es schaffe. Vielleicht wird das einmal passieren – bisher ist es jedenfalls noch nie dazu gekommen. Ich hoffe, das bleibt so.

Verleidet dir das Fahrradfahren nicht mit der Zeit?

Manchmal schon. Es gibt Tage, an denen ich keine Lust habe, aufs Fahrrad zu steigen. Jeder erlebt Phasen, in denen einem alles etwas verleidet. Dafür gibt es auch Phasen, in denen die Motivation zurückkehrt. Im Studium oder beim Job ist es ja ähnlich. Ich kann aber nicht einfach aufhören, schliesslich habe ich Sponsorenverträge, bei denen viel Geld im Spiel ist. Ich muss ein gewisses Mass an Präsenz zeigen und Projekte haben. Wenn ich unterwegs bin, drehe ich oft Filme. Gerade das ist für mich auch ein Mittel, um mehr zum Fahrradfahren zu kommen. Ich sehe mich nicht primär als Sportler, sondern eher als Identifikationsperson für berufstätige Menschen und will sie dazu animieren, ein eigenes Unterfangen zu haben. Mir geht es nicht darum zu zeigen, wie schnell ich bin oder wie weit ich fahren kann, sondern darum, ein bestimmtes Gefühl zu übermitteln.

Kommt dieses Gefühl bei deinem Publikum an?

Ja, täglich bekomme ich Rückmeldungen. Dazu zählen auch negative Reaktionen, meist aber sind die Rückmeldungen positiv.

Welches Ziel willst du noch erreichen?

Ich bin ein visueller Mensch. Mir geht es darum, die schönsten Orte zu portraitieren, sei es filmisch oder fotografisch. Das ist ein endloses Ziel. Dazu gehören auch kulturelle Erfahrungen, genauer gesagt, interessante Menschen zu treffen, die etwas Besonderes machen und unabhängig ihr eigenes Ding durchziehen – sei das ein Messerschmied in den Hügeln Japans oder sonst eine spannende Person. Ich möchte diese Leute treffen und kennenlernen. Vorstellbar wäre das für mich im Filmformat – das ist sicher eines meiner Ziele. Ausserdem möchte ich gesund bleiben, das ist schliesslich auch ein Ziel.

Bilder zvg


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

*