Die Schuldenkrise ist kein europäisches Problem

Gastbeitrag von: Cyrill Engelmann

Wenn man in den letzten Wochen die Zeitungen aufgeschlagen hat, könnte man zwei Dinge meinen: Die Gefahr für  die Weltwirtschaft geht primär von der Eurozone aus und sobald diese europäischen Probleme gelöst sind, kann wieder zur Tagesordnung übergegangen werden.

Bei genauem Hinschauen sieht man aber, dass die Eurozone nicht schlechter als das Vereinigte Königreich, die USA oder Japan dasteht. Wieso das? Das Problem, gegen das allen voran Angela Merkel und Nicolas Sarkozy kämpfen, ist nicht primär die Staatsverschuldung an sich, sondern die Refinanzierungsmöglichkeiten einzelner Regierungen. Die Eurozone steht nämlich mit einer Durchschnittsverschuldung von 83% (Prognose 2012) im Vergleich zu Grossbritannien (77%, 2010), den USA (98,6%, Juni 2011) und Japan (220%, 2010) gut da. Diese ähnlichen Schuldenquoten und die ähnliche Wirtschaftsstruktur liessen auf eine gleiche Käuferzahl von Staatsanleihen schliessen, die Länder müssten sich zu gleichen Konditionen refinanzieren können. Die Käuferstruktur unterscheidet sich aber in einem wichtigen Punkt: In diesen drei Referenzländern kaufen die Nationalbanken seit mehreren Jahren die eigenen Schulden selbst auf. Durch die künstlich niedrig gehaltene Zinsbelastung wird der Druck zu einer ausgeglichenen Haushaltspolitik abgebaut. Dieser reizvollen Massnahme hat sich auch die EZB bereits bedient, als sie 2010 griechische Staatspapiere aufkaufte. Der damit einhergehende Statutenbruch und der Verlust der Unabhängigkeit zeigt die Notwendigkeit und Ausweglosigkeit auf dem Weg zur Stabilisierung des Systems. Darüber hinaus ist die griechische Situation ein Beispiel dafür, dass die Reformen diesen Druck eben nicht abbauen, sondern ihn im Sinne einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale weiter verstärken. Mittelfristig wird sich der Druck also nicht abbauen; es werden verstärkt Lösungen gesucht, bei denen die Schulden selbst gekauft werden können. Es ist demnach wahrscheinlich, dass sich die EZB wie die britischen, amerikanischen und japanischen Äquivalente verhalten wird und dauerhaft Euro-Staatsanleihen kaufen wird. Verstärkt wird diese Ansicht auch durch die jüngsten Rücktritte von Bundesbankpräsidenten Axel Weber und dem EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, beides geldpolitische Hardliner, die die Anleihenkäufe öffentlich stark kritisiert haben.

Damit gerät der Fokus auf das eigentliche, tiefer liegende Problem, aus dem Blick: Die Staatsanleihenblase. In den vergangenen Jahrzehnten, so scheint es, gab es makroökonomische Modelle, mit Hilfe derer wir einigermassen solide Entscheidungen treffen konnten und das Überleben des Systems sichern konnten. Mittlerweile sind wir aber an einem Punkt angelangt, an dem es keine erprobten Theorien mehr gibt. So hat sich beispielsweise die Zinsrate über die Jahre immer weiter an null angenähert und heute stehen die Zinssätze in Grossbritannien bei 0.5%, in den USA bei 0,25% und in Japan sogar bei 0,1% – in der Eurozone bei 1,5%. Da sich diese Zinssätze kaum noch senken lassen, sah man sich gezwungen neue Instrumente für expansive Geldpolitik zu entwickeln. Auf diese Weise entwickelte man Quantitive Easing (QE), eine Praktik, bei der man durch den Aufkauf von Anleihen und Wertpapieren versucht, den langfristigen Zins zu drücken, um dadurch Kredite für die Privatwirtschaft zu verbilligen. Japan wendete QE 2001 das erste Mal an, die USA folgten 2009. Kritiker sehen in diesen Massnahmen Gefahren der Inflation und der Finanzmarktinstabilität durch die Entwicklung von Blasen aufgrund der stark vergrösserten Geldmenge. Inwieweit die Rohstoffblasen und die derzeitigen Instabilitäten darauf zurückzuführen sind, lässt sich nur vermuten.

Möglicherweise verlängert man durch diese Methoden die Lebenszeit des Systems, langfristig wird die nächste Krise aber wieder neue Massnahmen erfordern. Dafür können wir wieder neue Ideen entwickeln, es bleibt aber ein Vorgehen nach Trial and Error. Und der Error wird früher oder später ökonomische Realität werden.

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3 Kommentare

  • Gunnar Take

    Ergänzung: Ein Artikel zur deutschen Kreditaufnahme: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,796316,00.html

  • Gunnar Take

    Ein guter Beitrag, der das eigentliche wirtschaftliche Problem klar benennt. Zentral scheint mir jedoch die Ergänzung zu sein, dass durch politische Handlungen in den seltensten Fällen Probleme gelöst werden, sondern bestenfalls in günstigere Zustände transformiert werden. Was solche günstigeren Zustände sind, unterscheidet sich natürlich von Akteur zu Akteur. Das Handeln der EURO-Staaten lässt sich wohl am ehesten am gemeinsamen Willen zu niedrigen Kreditzinsen für ihre jeweiligen Staatsanleihen erklären. Tatsächlich schadet die Krise der deutschen Kreditaufnahme bisher keineswegs, sie ist so günstig wie selten zuvor. Ein häufig bemühtes Zitat lautet: “Die großen Fehler machen wir, wenn wir die kleinen zu korrigieren suchen.” Meine Befürchtung ist, dass wir es mit dem Problem der Staatsschuldenkrise gerade mit dem kleinen Problem zu tun haben. Als großes Problem könnte eine Demokratiekrise entstehen, wenn die ökonomische Situation durch eine Kompetenzverlagerung an demokratisch nicht legitimierte (wie die EZB) oder nicht direkt gewählte Organe (EU-Rat) gelöst werden soll. Die Suche nach einer Lösung der “Griechenlandkrise”, “Staatsschuldenkrise” oder welchen Namen man ihr geben sollte muss sich also als Trugschluss erweisen. Es ist zu fragen, was am besten für die Mehrheit der Bürger der EU-Staaten ist. Es scheint mir weitestgehend Mainstream zu sein, dass dies das Erstreben der Ziele des Washingtoner Konsensus ist. Verträte man diese Ansicht, dann müsste sie für den ganzen Euroraum gelten und nicht nur für einzelne Staaten.
    Vielleicht ist die Antwort auch in der Frage zu finden, was Europa einst groß gemacht hat. Das war nämlich marktwirtschaftliche Konkurrenz, kreative Zerstörung ökon. und pol. Systeme und seit 60 Jahren die stabilisierend wirkende Demokratie. Seltsam, dass sich kein Politiker auf die Ursprünge des europäischen Erfolges besinnt und alles nach Geschlossenheit ruft.

    Vielleicht ist die Vielfalt unsere Stärke. Vielfalt bedeutet auch, dass Staaten nach eigenen Lösungen für Probleme suchen und sich dann die beste durchsetzt:
    Föderalismus statt zentralisierter Planung.

  • Cyrill Engelmann

    Ergänzung: Den Zins hat die EZB gestern auf 1,25% gesenkt.

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