The New Normal? mit Prof. Dr. Martin Kolmar

Prof. Dr. Martin Kolmar - Universität St. Gallen

Covid 19 – und danach? Das prisma findet für euch heraus, was die Professoren unserer Universität zum Umgang mit der Krise zu sagen haben und wie es in den kommenden Monaten weitergeht.

Einmal wöchentlich interviewt das prisma dazu einen Professor der Universität St. Gallen. In Woche 1 für euch: Prof. Dr. Martin Kolmar, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik sowie Mitglied der School of Economics and Political Science.

Inwiefern veränderte sich ihre Arbeit durch die gegenwärtige Corona-Krise?

Ich führe z.B. solche Interviews, aber im Ernst: Ich wage das fast gar nicht zu sagen, doch durch den Wegfall all der Rüstzeiten, Kaffeegespräche und Vorträge komme ich mittlerweile mehr zu meiner Forschung als sonst während der Vorlesungszeit. Ansonsten habe ich durch die ganzen Online-Vorlesungen und Beratungs- und Vorbereitungsgespräche mit Studierenden am Abend noch rechteckigere Augen als sonst schon.

Was ist Ihre Meinung zum Online-Lehrbetrieb, wo gibt es noch Schwachstellen und was läuft besonders gut?

Ich bin positiv überrascht vom Umstieg und der Durchführung. Ich möchte mich hier ganz explizit auch bei den Studierenden bedanken, die durchgängig extrem tolerant und wohlwollend auf die Veränderungen reagiert haben und sich auch sehr wollwollend und engagiert in die neuen Formate einbringen. Ich glaube, dass man hier schon merken kann, dass wir als HSG ein tolles Verhältnis miteinander haben.

Hatten Sie persönlich Schwierigkeiten mit der Umstellung auf Online-Betrieb sowie der Aussetzung des Kontaktstudiums, wenn ja an welchen Stellen?

Ich hatte keine nennenswerten Schwierigkeiten. Aber ich habe mal wieder gemerkt, warum ich gern Hochschullehrer bin, denn die intensive und persönliche Zusammenarbeit mit den Studierenden fehlt mir mehr, als ich gedacht hätte.

Denken Sie, der Online-Lehrbetrieb hat eine Zukunft an der HSG und denken Sie das Elemente davon erhalten bleiben und auch zukünftig mehr auf virtuelles Lehren sowie Lernen gesetzt wird?

In diesem Semester unterrichte ich ausschliesslich fortgeschrittene Kurse auf der Masterstufe, und nachdem ich zunächst froh war, dass der Übergang zu Online-Teaching recht gut klappte, spüre ich nun doch die Grenzen des Mediums. All diese Kurse hängen sehr daran, dass wir intensiv miteinander diskutieren, und das ist mit Zoom nicht so einfach möglich. Man ist auch recht abgeschnitten von der Atmosphäre, vieles kommuniziert sich dann doch „zwischen den Zeilen“. Das sind aber alles Luxusprobleme.

Zusammenfassend denke ich, dass wir unbedingt am Kontaktstudium als Regelfall festhalten sollten, dass wir dieses aber gezielt durch virtuelle Elemente verbessern können. Ob das für alle Lehrformate gilt, kann ich nicht ermessen, ich jedenfalls werde dies in Zukunft so umsetzen.

Wo sehen Sie die Universität sowie ihre Studierenden in ein bis zwei Monaten und was sind ihre persönlichen Gedanken hinsichtlich des weiteren Verlaufs der Krise?

Der Zeitraum von ein bis zwei Monaten ist zu kurz, um eine dramatische Veränderung der Situation im Vergleich zum gegenwärtigen Zustand erwarten zu können. 

Das bedeutet für die Studierenden, dass die üblichen Praktika etc. während der Semesterferien wahrscheinlich nicht immer wie erhofft werden stattfinden können. Was an die Stelle treten kann, ist mir auch nicht recht klar, aber vielleicht könnte die Uni mit zertifizierbaren „Wissensprojekten“ für die Studierenden helfen, die die Zeit gern sinnvoll nutzen würden, aber nicht genau wissen, wie. Ich muss aber zugeben, dass diese Idee ein Schnellschuss ist.  

Mit den Semesterferien wird der Studienbetrieb der Uni erst einmal eine Verschnaufpause bekommen. Was das alles langfristig bedeutet, steht derzeit noch in den Sternen. Ich glaube aber, dass die HSG gut aufgestellt ist, mit den Herausforderungen gut umzugehen.

Für mich persönlich bedeutet die Krise zunächst einmal eine Besinnung auf das Wesentliche im Leben. Damit einher geht ein Gefühl von Dankbarkeit dafür, dass man in einem Land und einer Situation lebt, die einen recht einfachen Umgang mit einer solchen Krise im Vergleich zu sehr vielen anderen Menschen erlaubt. Und zugleich habe ich grosses Mitgefühl mit all denjenigen, die gesundheitlich durch die Pandemie betroffen sind und/oder konkrete ökonomische Zukunftssorgen haben. Wir können diese Krise nur gut bestehen, wenn wir die Lasten so fair zu teilen versuchen, wie es möglich ist.

Was sollten wir alle Ihrer Meinung nach aus dieser Krise mitnehmen? 

In den vergangenen Jahren ist die Idee der internationalen Zusammenarbeit und des Multilateralismus unter Druck gekommen. Was wir durch die Pandemie sehen ist, dass es hierzu in einer globalisierten Welt keine Alternative gibt. Wir sollten uns daher darauf besinnen, in zentralen Feldern die Zusammenarbeit zu stärken und zu verbessern. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, den Prozess der ökonomischen Globalisierung zu überdenken.

Was die Krise auch zeigt ist, dass es keine Alternative zu einer Expertengesellschaft gibt. Derzeit bleibt die grösste Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind, aus nachvollziehbaren Gründen weitgehend liegen, und das ist die Klimakrise. Experten haben davor gewarnt, dass eine Pandemie kommen kann, und die meisten Länder haben weitgehend nichts getan. Experten warnen davor, dass die Effekte des Klimawandels schlimm sein werden, wenn wir nicht schnell und umfassend reagieren. Wir sollten darauf hören.  

Was möchten Sie den Studierenden unserer Universität in diesen schwierigen Zeiten mit auf den Weg geben? 

Ich glaube eher nicht, dass ich hier über ein Wissen verfügen, von dem die Studierenden ernsthaft profitieren können, aber vielleicht erlaube ich mir doch einen Gedanken. Sie werden ja in recht jungen Jahren damit konfrontiert, dass wir mit Risiken leben müssen, die wir nicht beherrschen, so sehr wir uns das auch wünschen. Wie man mit diesen Risiken aber umgeht, liegt an einem selbst. Tu Fu (712-770), einer der berühmtesten chinesischen Dichter, wuchs in einer Zeit beispiellosen Friedens und Prosperität auf, bis in seinem 43. Lebensjahr ein Bürgerkrieg ausbrach, bei dem am Ende seines Lebens zwei Drittel aller Chinesinnen und Chinesen entweder Tod oder vertrieben waren und er selbst verarmte und ein Leben auf der Flucht verbringen musste. In dieser Zeit schrieb er die meisten seiner berühmten Gedichte. Hier ist eines davon:

Full Moon

Above the tower—a lone, twice-sized moon.
On the cold river passing night-filled homes,

It scatters restless gold across the waves.
On mats, it shines richer than silken gauze.

Empty peaks, silence: among sparse stars,
Not yet flawed, it drifts. Pine and cinnamon

Spreading in my old garden . . . All light,
All ten thousand miles at once in its light!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

*