Face to face – Ein Gespräch mit der schweizerischen Botschafterin zu Thailand

Gemeinsam mit SGMUN erfahren wir von Helene Budliger Artieda, der schweizerischen Botschafterin zu Thailand, wie die Realität im Alltag der Diplomatie ausschaut.

"Ambassador Talk" mit Helene Budliger Artieda

Mit einer Schweigeminute zu Ehren der verstorbenen Demonstrant*innen in Myanmar begann das Treffen über Zoom im Rahmen einer weiteren Veranstaltung des SGMUNs. Im Mittelpunkt standen dabei unter anderem die instabile Lage im Südosten Asiens, der ungewöhnliche Weg Budligers ins Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und eine offene Fragerunde zu einer Karriere in der Diplomatie. 

Von BWL zur Diplomatie  

Bereits in den 80er-Jahren fand Budliger ihre Leidenschaft für das Tätigsein auf internationaler Ebene im Sekretariat des EDAs. Zu den ersten Einsätzen im Ausland zählen Aufenthalte in Nigeria, Kuba und den Vereinigten Staaten. Anschliessend absolvierte sie die notwendige Ausbildung, um im Konsularbereich tätig werden zu können. Parallel zu ihrer Position in Kolumbien studierte sie Betriebswirtschaftslehre – eine ungewöhnliche Wahl für diejenigen, die sich für die Diplomatie interessieren. Allerdings spiegelt sie damit die bunte Vielfalt ihres Arbeitsplatzes wider. Nach ihrem Masterabschluss kehrte sie gemeinsam mit ihrem peruanischen Mann zurück in die Schweiz, wo sie sich aber weiterhin der Tätigkeiten des EDAs widmete. Insgesamt arbeitete sie fünfzehn Jahre in der Finanzabteilung des EDAs, wobei sie nach sechs Jahren zum CFO befördert wurde und 2008 nochmals weiter zur Direktorin für Ressourcen aufstieg. Diese Stelle wurde erstmals von einer Frau besetzt. Im Anschluss entschied sie sich dazu, erneut ihren Dienst im Ausland auszuüben, zuerst in Südafrika und nun in Thailand.

Ein realer Einblick in den Alltag 

Ganz offen verriet die Botschafterin, dass es in ihrem Leben keinen «normalen» Arbeitstag gibt. Geprägt ist ihr Terminkalender hauptsächlich von Abwechslung. Denn obwohl die Schweiz keine Weltmacht ist, hat Budliger Meetings mit Personen aus allerlei Branchen und Interessensgruppen. Am Tag unseres Meetings hat sie einen thailändischen Unternehmer, sämtliche Vertreter*innen der thailändischen Zivilgesellschaft und die Botschafter aus einem ASEAN und einem EU-Land getroffen. Zu Fragen zu der Stellung der Schweizer erwidert sie, dass besonders die thailändische Bevölkerung mit Bewunderung auf die Eidgenossenschaft blickt. Zurzeit beschäftigt sie sich mit den Vorbereitungen für die Festlichkeiten zum 90. Jubiläum der gegenseitigen Freundschaft. 

Derzeit sind auch die Diplomat*innen von der Pandemie betroffen. Durch die Einschränkungen finden die abendlichen Veranstaltungen der Botschafter*innen kaum noch statt. In Zeiten vor Corona waren sie und ihr Mann zum Teil sechs Abende in der Woche auf Netzwerk-Veranstaltungen und unterschiedlichen Anlässen. Budliger betont jedoch, dass das Arbeiten in Botschaften weit von glamourösen Vorstellungen entfernt ist. Ihre Schilderung zu ihrem Aufenthalt in Kuba, das damals noch unter der eisernen Hand Castros stand, hielt die Klubmitglieder in Atem. Gemeinsam mit den Entwicklungen im Bereich der Technik hat sich die Distanz zur Heimat in der Zwischenzeit stark verringert. Im letzten Jahrhundert war die Lage deutlich bedrückender – ausschliesslich mit Radiofunk war der Kontakt nach Hause möglich. Mithilfe von Programmen wie Zoom wird der Austausch mit Freunden und Familie heutzutage wesentlich erleichtert. Trotz der Digitalisierung betont Budliger allerdings, dass persönliche Treffen weiterhin im Mittelpunkt stehen werden und von einem virtuellen Call nie ersetzt werden können. 

Schlusswort: Sapere aude! 

Als die Botschafterin beim EDA anfing, war dieses Departement noch stark männerdominiert, weshalb einige Fragen der Teilnehmer*innen zur Emanzipation und Belästigung der Frau gestellt wurden. Budliger stellte klar, dass sie sich als starke und unabhängige Frau sehe, die ihre Ziele mit vorbildlichem Durchsetzungsvermögen erreicht. Dass ihre männlichen Kollegen sie des Öfteren unterschätzt haben, weist sie als Stärke aus und merkt an, dass man sich keineswegs unterdrücken lassen darf. Zum weiblichen Publikum merkte sie zum Schluss noch augenzwinkernd an: “Find the right guy”.


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