Bald auch Denkverbote an der HSG?

Wenn die Entwicklungen an Universitäten so weitergehen, wird es bald keine gesellschaftlichen Umbrüche mehr geben. Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, sondern auch der Wunsch nach zivilisiertem Austausch frisst uns.

Der freie Austausch von Ideen und Meinungen ist sicher unbestritten eine der Hauptfunktionen, die Universitäten leisten sollen. Wo, wenn nicht hier, sollen Diskussionen auf hohem akademischen Niveau stattfinden können? Doch eine Entwicklung in Form eines Stimmungswandels, der sich in den Campus der USA beobachten liess, zeigt sich scheinbar nun auch hier im europäischen universitären Raum – die Verschiebung der Bedeutung von Diversität. Welche Auswirkungen hat es, wenn die Vielfalt von Geschlechtern, Hautfarben und sexueller Orientierung über die Vielfalt von akademischen Zugängen, Meinungen, Ideen und Positionen gestellt wird?

Woher kommt das?

Es ist annehmbar und beobachtbar, dass die Sensibilität der Gesellschaft im Allgemeinen zugenommen hat. Es hat eine Verschiebung der Themengebiete stattgefunden, die im öffentlichen Diskurs im Mittelpunkt stehen und Aufsehen erregen. Dies zieht wiederum politische sowie akademische Konsequenzen nach sich. Heikle Themen, wie zum Beispiel wissenschaftliche Analysen betreffend Herkunft oder Geschlecht werden lieber komplett gemieden, als sie offen anzusprechen und zu diskutieren, meist wohl aus Angst, etwas gesellschaftlich Kontroverses zu sagen und die persönliche Reputation nachhaltig zu verletzen.

Warum ist diese Entwicklung be- sonders an Universitäten kritisch zu betrachten?
Die Verengung der Möglichkeiten von dem, was an Universitäten ausgesprochen werden darf, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Reputation des Einzelnen eine noch viel wichtigere Rolle spielt, als in der Gesellschaft im Allgemeinen. Reputationen sind hier wohl das höchste Gut, da sie einen direkten Einfluss auf die Karriere ausüben können und elementarer Bestandteil von eben dieser sind. Dieser Prozess ist sicher nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer Individualisierung zu betrachten. Wo die Reputation des Einzelnen vor wissenschaftliche Evidenzen ge- stellt wird, sind kritische Entwicklungen vorprogrammiert.

Wozu führt das?

Die Folge ist, dass im universitären Raum, sei es von Studierenden oder Angestellten, nicht mehr alles laut ausgesprochen werden darf. Besonders zu beachten ist dabei die Vermischung von Moral und politischer Einstellung. Dass die Diversität zu einem so zentralen Thema in der Gesellschaft geworden ist, führt dazu, dass moralische Ansätze zu einem Politikum gemacht werden und offene politische Diskussionen quasi unmöglich werden. An dieser Stelle ist auf die anfänglich genannte Verschiebung der Bedeutung des Begriffes der Vielfalt zu verweisen. Dieser empfundene Druck und Zwang löst Störgefühle aus und macht ganz deutlich, dass die Ideenfreiheit nicht mehr das ist, was sie einmal war.

Abnehmende Qualität der Wissenschaft
Im Zusammenhang damit stellt man sich die Frage nach der Qualität der Wissenschaft, insbesondere der Geistes- und Sozialwissenschaften. Beispielhaft für die Entwicklung stehen die Grievance Studies. Hierbei handelt es sich um Fake-Studien, die trotz abstruser «Erkenntnisse» und ohne wissenschaftliche Belege veröffentlicht wurden. Unter anderem hiess es darin, dass Fürsprecher der sozialen Gerechtigkeit die Möglichkeit haben sollten, sich über andere lustig zu machen, aber niemandem sonst sollte es erlaubt sein, sich über sie lustig zu machen. Es zeigt sich durch den «Grievance-Studies»-Skandal, dass in der heutigen Zeit besonders im Humanaties-Gebiet Begründungen und Evidenzen zweitrangig hinter überraschenden, nachrichtenfähigen und moralisch konformen Erkenntnissen geworden sind. Doch um nicht nur Probleme darzustellen, sondern lösungsorientiert voranzukommen, sollte man sich an Universitäten zukünftig grundsätzlich die Frage stellen: Wie lässt sich Qualitätssicherung in der Wissenschaft effektiv betreiben?

US-Amerikanischer Exportschlager: Probleme
Was hier beschrieben wird, sollte eigentlich für jeden klar sein. Eine Universität sucht nach Ideen und im besten Fall Wahrheiten. Das freie Denken und der offene Austausch bilden dessen Grundlage. Die Gesellschaft und insbesondere das universitäre Milleumüssen besonders wachsam und sensibel sein für Einschränkungen oder nur schon Anzeichen auf Gefährdung eben dieses höchsten Gutes. Und ja, eben diese Freiheit sehen wir gefährdet und eingeschränkt. Von der alten Faustregel ausgehend, dass alles was in den USA passiert, innert fünf Jahren auch zu uns über den grossen Teich kommt, kann man auf die Suche gehen nach parallelen Entwicklungen. Man wird fündig. Leider. Hier und dort.

Erste Warn- und letzte Lebenszeichen
Nicht lange ist es her, dass der «Studierendenrat» der Uni Basel gefordert hat, die Weltwoche nicht mehr gratis an der Universität auszulegen. Da wären wir dann gerne dabei, wenn die entsprechenden Absolventen später im Erwerbsprozess (z.B. bei McDonalds) auf potenzielle Unannehmlichkeiten und Menschen mit anderen Vorstellungen treffen und sich damit auseinandersetzen müssen. Es ist nämlich eine gefragte, wenn nicht grundlegende Fähigkeit, mit Unbequemlichkeiten, seien sie emotional, intellektuell oder leider auch manchmal physisch, umgehen zu können. Die Skurrilität der Beispiele mag hierzulande noch für Belustigung sorgen und kann (noch) einfach weggelächelt werden. In den USA haben die Beispiele bereits andere Kaliber: Harvard entlässt Professor Ronald Sullivan, Dekan der Law School, wegen Studentenprotesten, da er es gewagt hat, Harvey Weinstein zu verteidigen.

Bis hierhin und nicht weiter

Alle Beteiligten, Studierende und Universitätsleitung, sollten vielleicht eine Auffrischung in «Grundlagen des Rechtstaates» besuchen. Es gilt die Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung des Beschuldigten durch ein Gericht. Medien zählen da übrigens nicht in die Kategorie der Gerichte. Ein jeder hat das Recht auf Verteidigung und gerade Anwälte, die diesem Menschenrecht unter widrigsten Umständen zur Durchsetzung verhelfen, sollten von Jus-Studierenden bewundert und nicht verjagt werden. Wenn die renommierte Harvard Law School solche Grundsätze des Rechtsstaates gegenüber den Moralisten zur Disposition stellt und sogar an diese abgibt, besteht ein grobes Problem. Falls Sullivan noch nicht untergekommen ist, was wir gerne bezweifeln würden, sähen wir ihn sehr gerne im zukünftigen Veranstaltungskalender unserer Alma Mater.

Ein Erfahrungsbericht eines Kom- militonen, der anonym bleiben will: «Wenn ich im Diversity-Management sage, dass ich mich einfach für die besten Dossiers entscheiden würde und es mir völlig egal ist, dass das Team allenfalls aus 100% weissen Männern besteht, wird das nicht als eine legitime Position gesehen. Die Diskussion eskalierte und Empörung machte sich breit, als hätte ich gerade absichtlich ein Kind überfahren.»

prisma behält das Thema für euch im Auge. Eigene Erfahrungen gerne an campus@prisma-hsg.ch oder prisma9000@protonmail.com Quellenschutz garantiert.


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