Big Brother is grading you

Um die individuelle aktive Teilnahme von Studierenden bei Gruppenprojekten sicherzustellen und zu bewerten, bedienen sich einige HSG-Dozierende unkonventioneller Massnahmen. Über Sinn und Unsinn.

© Elsa Devaux

Jeder Student kennt sie: der unsichtbare Ulrich, die schludrige Chantal, der passive Pascal. Die ungeliebten, dysfunktionalen Gruppenmitglieder bei Gruppenarbeiten und -präsentationen. Die Trittbrettfahrer, die bestenfalls Unbrauchbares und schlimmstenfalls Nichts abliefern und dabei den Arbeitsethos der fleissigen Florians und ehrgeizigen Erikas ausnutzen. So wird die Gruppenfindung für Letztere jedes Semester wieder aufs Neue zum Russian Roulette.

Prüfungsleistung: aktives Chatten

Auch den Lehrbeauftragten scheint dieses Trittbrettfahrer-Phänomen ein Dorn im Auge zu sein. So findet sich in einer Handvoll Kursmerkblättern des Kontextstudiums unter Prüfungsinhalt folgendes: «a print-out of the contributions to the online discussion forum as evidence of active contribution to the group tasks». Wie Kursteilnehmer berichten, sind die Studierenden dazu verpflichtet, nicht nur Protokolle von Gruppentreffen zu führen, sondern auch sämtliche schriftliche Korrespondenz mit Bezug zur Gruppenarbeit einzureichen. Oder anders: den Whatsapp-Chatverlauf dem Dozierenden vorlegen. Bestenfalls die eigenen Nachrichten auch gleich noch markiert. Eine sinnvolle Absurdität?

Dürfen die das?

Jacqueline Gasser-Beck, Leiterin des Teaching Innovation Lab der Universität St. Gallen, bemängelt vor allem datenschutzrechtliche Aspekte: «Bei Whatsapp und Ähnlichem gehen Daten an fremde Nutzer und du kannst dies nur eingeschränkt kontrollieren – dies ist einer Universität nicht würdig und geht eigentlich nicht.»

Eigentlich, denn derzeit gibt es diesbezüglich keine offizielle Regelung. Einen sauberen Weg, um Interaktion zu messen, biete in Zukunft die neue Lernplattform Canvas. Bis zu deren Einführung erlaube man die Benutzung grenzwertiger Kanäle nicht zuletzt deshalb, weil man es begrüsse, wenn die Dozierenden neue, innovative, zeitgemässe Lehrideen aus- probieren.

Quantität = Qualität?

Fernab des datenschutzrechtlichen Aspekts stellen sich auch Fragen hinsichtlich der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer solchen Bewertung. Gasser-Beck zweifelt am pädagogischen Wert der Abgabe von Whatsapp-Protokollen – die kurzen Nachrichten, die im Charakter vom Kanal liegen, erlauben es kaum, die Qualität der Interaktion zu messen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass uns mangels Stellungnahme von betreffenden Dozierenden die Kriterien, nach welchen die Whatsapp-Protokolle ausgewertet und benotet werden, nicht vorliegen.

Gruppenarbeiten als Lebensschule

Letztlich sollte das Studium idealerweise als Lebensschule und Vorbereitung auf den Arbeitsalltag fungieren. Insbesondere ersteres wird im Kontextbereich an der HSG hochgehalten; Studierende sollen Reflexions- und Handlungskompetenz erlernen. Dazu gehört auch, Teamsituationen zu bewältigen – in eigener Regie. Mit jeder mühsamen, harzigen Gruppenarbeit erweitert man seine zwischenmenschlichen Kompetenzen im Arbeitsumfeld und lernt, rasch Gruppendynamiken einzuschätzen und sich entsprechend einzugliedern.

Man lernt, dass es genauso sinnlos ist, wenn jeder die Zügel in Händen hält, wie wenn sie niemand anfasst. Man lernt konstruktiven Dialog bei gegensätzlichen Erwartungen, und Krisensituationen zu bewältigen. Eine Einmischung durch den Dozierenden mittels Benotung der inneren Prozesse steht deshalb der persönlichen Entwicklung im Weg und sollte auf Universitätsstufe ausschliesslich als Ultima Ratio gehandhabt werden.


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