Das Surren über St. Gallen

Die meisten Studierenden stören sich am Brummen, wenn ein Helikopter tief über die Stadt hinweg fliegt. Doch diese Helikopter haben einen wichtigen Auftrag: Leben retten.

Eines der beliebtesten Unternehmen der Schweiz: Die Rega. Mit über drei Millionen Gönnern, kennen die meisten Schweizer die gemeinnützige Stiftung mit den roten Helikoptern, die ständig über die HSG fliegen. Nur Helikopter? Schon wenn man das Rega-Center am Flughafen Zürich betritt, sieht man durch die Fenster das Triebwerk eines Jets. Zwei Bombardier Challenger CL-604 stehen nebeneinander im Hangar. Am linken werden noch einige Unterhaltsarbeiten gemacht, der zweite ist bereit für den Einsatz. Der dritte Jet ist momentan irgendwo in der Luft nach Norwegen.
Mit den drei Bombardier-Jets fliegt die Rega verletzte und erkrankte Patienten aus der ganzen Welt in die Schweiz zurück – im Fachjargon «Repatriierung». Harald Schreiber, der Mediensprecher der Rega, erzählt, dass vor einigen Jahren die Flüge der Ambulanzjets die typischen Reisedestinationen der Schweizer widerspiegelten. Früher repatriierte die Rega im Sommer Patienten vor allem aus dem Mittelmeerraum und im Winter aus Südostasien. Mittlerweile ist dieser Trend nicht mehr so stark ausgeprägt, denn die Reisegewohnheiten haben sich verändert und folglich werden durch das ganze Jahr Destinationen in aller Welt angeflogen.

Ein Patient wird zurückgeholt

Das Rega-Center beherbergt, neben dem Hangar für die Jet- und die Helikopter-Wartung, die Administration der Rega und im obersten Stock die Einsatzzentrale. Hier werden alle Einsätze der Rettungshelikopter und Ambulanzjets koordiniert. Beim Eintreten hört man neben Schweizerdeutsch und Französisch, auch Spanisch sprechende Personen am Telefon. Eine Frau wechselt ständig das Telefon und damit auch jedes Mal zwischen Spanisch und Deutsch. Die Einsatzleiter der Jets sind für die Rückholung von kranken oder verletzten Personen aus dem Ausland verantwortlich.
In einem solchen Fall informiert sich der Rega-Beratungsarzt bei dem behandelnden Arzt im Ausland über den Gesundheitszustand der erkrankten oder verunfallten Person. Der Beratungsarzt entscheidet nach einem Gespräch mit dem Patienten, ob eine Repatriierung nötig und die beste Lösung für ihn sei. Ist beides zu bejahen, übernimmt der Einsatzleiter die weitere Koordination. Dazu gehören die Absprachen mit Spitälern. Auch ist die Einsatzleitung dafür verantwortlich, dass die Crew aufgeboten wird, mit gültigen Visa fliegt, sie an der Destination landen dürfen und der Krankenwagen den pünktlichen Transport durchführt. Die Crew des Ambulanzjets besteht immer aus mindestens einem Piloten mit Co-Pilot, einem Flugarzt und einer Pflegefachperson.

Saisonale Unterschiede

Bei den Tischen der Einsatzleitung für die Helikopter herrscht reger Betrieb. Matthias Frei, Einsatzleiter Helikopter, erklärt, dass pro Tag durchschnittlich 30 Einsätze mit den roten Helikoptern geflogen werden. Auch hier sind klare saisonale Tendenzen zu erkennen. In der Wintersaison wird ein Grossteil der Flüge zwischen 11.15 Uhr und 15.00 Uhr geflogen, um verunfallte Wintersportler ins Spital zu bringen. Im Sommer sind die Rettungseinsätze über den ganzen Tag verteilt. Der Hauptalarmierungsgrund das ganze Jahr über sind jedoch keine Sportunfälle, sondern Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme.

Jederzeit an jedem Ort erreichbar

Die Einsätze der beiden Helikoptermodelle «EC 145» und «DaVinci» dauern unterschiedlich lange. Nach der Alarmierung dauert die Aufnahme der notwendigen Informationen durch den Einsatzleiter rund drei Minuten. Sobald ein Helikopter aufgeboten wird, muss die Crew in maximal fünf Minuten in der Luft sein, um innerhalb von 15 Minuten jeden Punkt der Schweiz zu erreichen. Möglich machen dies zwölf über das Land verteilte Rega-Basen mit je einem Rettungshelikopter.
Eine grosse Rolle spielt dabei die Lage des Patienten, wie sein Zustand ist und wie komplex sich die Rettungsaktion gestaltet. Einen bedeutenden Einfluss hat auch das Wetter, so kann es leider vorkommen, dass Einsätze abgebrochen werden müssen, wenn beispielsweise der Nebel einen sicheren Flug verunmöglicht.

Ein gestelltes Szenario als Beispiel

Ein Anruf kommt rein und Matthias Frei nimmt ihn an. Er sieht gleich, ob der Anruf von der «Rega-App» oder aus dem normalen Telefonnetz kommt. Die Alarmierung mit der «Rega-App» teilt gleichzeitig mit dem Anruf auch die genauen GPS-Koordinaten mit, welche im Optimum bis auf zehn Meter genau sind. Nach dem kurzen Gespräch trägt er ein, wie die Person verletzt ist. Ein gebrochener Oberschenkel auf der Skipiste in Wildhaus.
Da die Rega 12 von Mollis schon im Einsatz ist, sendet er die Informationen mit Standort, Personendaten und Art der Verletzung an die Rega Basis 7 in St. Gallen. Er kann die Position des Helikopters auf einem der fünf Bildschirme seines Arbeitsplatzes verfolgen. Die knapp 30 Kilometer zur Piste auf den Chäserrugg fliegt die AgustaWestland DaVinci in unter zehn Minuten. Mittlerweile erfährt Matthias Frei, dass eine Pistenpatrouille den Unfallort und den Landeplatz schon gesichert haben, damit keine Folgeunfälle passieren. Diese funkt nun direkt mit dem Piloten, um den Rettungshelikopter auf den Landeplatz einzuweisen.
Matthias Frei bekommt vom Piloten die Meldung, dass sie gelandet sind. Rund 15 Minuten brauchen Rettungssanitäter und Arzt für die medizinische Erstversorgung, um den Patienten in den Helikopter einzuladen und abzuheben. Matthias bekommt den Funkspruch, dass Rega 7 wieder in der Luft ist und der Arzt entschieden hat, den Patienten ins Kantonsspital St. Gallen zu fliegen. Kaum hat Matthias dies verstanden, kontaktiert er bereits das Spital und teilt der Notaufnahme mit, dass in zehn Minuten ein Helikopter mit einem Patienten mit gebrochenem Oberschenkel ankommt.
Matthias Frei erhält per Funk die Bestätigung der Landung auf dem Kantonsspital und nur wenige Minuten später für den Start. Keine fünf Minuten später meldet Rega 7, dass sie wieder zu Hause ist. Sobald die Crew wieder am Boden ist, ist Matthias’ Einsatz fertig.
Die Flugsicherheit muss zu jedem Zeitpunkt wissen, welche Luftfahrzeuge sich wo in ihrem Luftraum befinden, um im Notfall entsprechende Massnahmen einzuleiten. Anhand eines vorab eingereichten Flugplans wird überprüft, ob sich das Luftfahrzeug noch auf der Route befindet und alles in Ordnung ist. Die Rega hat als Notfallorganisation keine Zeit, um einen Flugplan für die Helikopter zu erstellen. Deshalb sind die Meldungen über den Standort des Rettungshelikopters unerlässlich, damit der Einsatzleiter die Flugsicherheit übernehmen kann.

Vorteile als Gönner

Durch die unterschiedlichen Einsätze variieren die daraus entstehenden Kosten. Normalerweise werden diese durch die Versicherung gedeckt. Manchmal kann es auch passieren, dass die Versicherung nur einen Teil oder gar nichts bezahlt. In diesem Fall kann die Rega ihren Gönnern die Kosten teilweise oder ganz erlassen. Alle, auch Personen, die nicht in der Schweiz leben, können Rega-Gönner werden und von den Gönnervorteilen profitieren, solange sie sich in der Schweiz aufhalten.

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