Des Geissenpeters Kriegsbeil

Mittels Zurechtlegen verschiedener historischer Ereignisse hat sich die Schweiz ihr Selbstverständnis als Heimatland geschaffen. Die Gesellschaft profitiert davon, doch es verbleiben Problematiken.

Die Kuh kann es selbst fast nicht glauben: sie besitzt Hörner. (zvg)

Wer am Flughafen Zürich mit der unterirdischen Skymetro von den Gates E zu den Hauptgebäuden fährt, merkt ziemlich schnell, wie sich die Schweiz als Heimat zu definieren hat. Auf Bildschirmen wird dem vorbeifahrenden Passagier Daumenkino-artig eine Schweiz präsentiert, wie sie wohl höchstens noch in den abgelegensten Teilen der Alpen existiert. Es werden auf einsamen Wiesen Fahnen in die Höhe geworfen, eine hübsche junge Schweizerin (?) zwinkert die Vorbeifahrenden mit einer geschulterten Armbrust an, und es würde nicht erstaunen, erschiene das freche Grinsen des Geissenpeters in der nächsten Bildsequenz. 

Doch nicht nur am Flughafen, auch in der Politik oder in Werbekampagnen wird dieses Bild der bergigen und mythisierten Schweiz immer wieder gezeichnet. Nicht umsonst kaufen wir uns im Denner ein 50 Rappen teures 1291-Bier oder stimmen bald über mehr Kühe mit Hörnern ab – sodass unsere Alpweiden auch wieder mehr den Bildern auf den Milchpackungen gleichen. Sehr relevant erscheinen diese Bilder für den Grossteil der Bevölkerung nicht, leben doch fast 70 Prozent der Schweizer im zersiedelten Mittelland. Auch die Historizität von Ereignissen, wie der Bundesbrief von 1291, welche das schweizerische Selbstverständnis prägen, wird oft angezweifelt.  

Dass Mythenbildung nichts mit der Realität zu tun haben muss, wissen wir in der Schweiz schon lange, berufen wir uns doch gerne auf die glorreichen Taten des niemals existiert habenden Wilhelm Tells. Die Wirkung eines gemeinsamen Heimatgefühls durch Rütlischwur,
Alpwiesen und co. schafft aber ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Solidarität, welche ein Land besser funktionieren lässt. Wie sonst werden in St. Gallen anstandslos Steuern gezahlt, die auch den uns fremd sprechenden Menschen im fernen Jura zugutekommen, wenn wir nicht die Idee der Schweiz als Heimat und dadurch ein gewisses Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Mitbürgern hätten? 

Ungute Wahrheitsverzerrung

Es wird nicht hinterfragt, wie realistisch diese Konstruktion von Heimat ist, da sie die Schweiz als Gemeinschaft besser funktionieren lässt. Gegen ein solches Zurechtlegen des Mythos Heimat kann grundsätzlich nichts eingewendet werden. In der Geschichte hat dies aber schon oft zu einer unguten Verzerrung der Wahrheit und in der Folge zu falschen Ansprüchen geführt. Beispielsweise kann als eine der Ursachen für den Beginn des Zweiten Weltkriegs die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten angeführt werden. Darin sollte der agrarisch-bäuerliche Lebensstil als neues Selbstverständnis der Deutschen definiert werden – auch als Abgrenzung zum vermeintlich jüdischen Nomadentum. Zur Verwirklichung dieser Idee des Heimatverständnisses sollte neuer Lebensraum im Osten gewonnen werden, was ein Grund für den Einmarsch in Polen und später Russland war.  

Glücklicherweise gibt der Geissenpeter der Schweiz keine Grundlage für solche Expansionspläne. Trotzdem darf und muss gefragt werden, welche Aktualität unsere Definition der Heimat besitzt – auch wenn sie sich noch so positiv auswirkt.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

*