Die Magie der Ferne

«Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen», sagte einst Matthias Claudius. Begeben wir uns deshalb immer wieder in die Ferne? Oder warum zieht uns diese sonst so magisch an? Gedanken zum Phänomen Fernweh.

Fast alle kennen dieses Gefühl, das Gefühl der Reiselust, des Fernwehs. Auch mich packt es regelmässig und zwar so stark, dass ich nicht umhin kann, ihm immer wieder nachzugeben, mich darauf einzulassen. Die Ferne zieht mich magisch an und die Gedanken an vergangene Reisen lassen mein Herz laut klopfen vor Aufregung und Glück. So auch, wenn ich an meine letzte grosse Reise zurückdenke: einen Monat alleine Backpacken durch China. Kurz davor hatte ich die Bücher des Schweizer Philosophen Alain de Botton für mich entdeckt und las passend zu dem, was ich gerade erlebte, sein Buch «The Art of Travel». Vielleicht konnte ich mich gerade deshalb so gut mit dem Inhalt identifizieren und auseinandersetzen, weil ich mich in einem Land befand, dessen Sprache ich zwar spreche aber das nichtsdestotrotz fremd und faszinierend ist. Und zudem, weil ich alleine unterwegs war. Alleine mit mir selbst und meinen Gedanken.

«Journeys are the midwives of thought»

Dieser Satz in Bottons Buch bringt mit einer kreativen Metapher auf den Punkt, dass Reisen und Gedanken stark zusammenhängen, Gedanken manchmal sogar erst kommen, wenn wir reisen. Augenblicklich denke ich an diese klassische Szene in ach so vielen Filmen, in denen die Hauptdarstellerin gedankenverloren aus dem Fenster des Zuges in die vorbeiziehende Landschaft schaut, völlig eingenommen von den Dingen, die ihr durch den Kopf gehen. Vielleicht ist es das, was Reisen so reizvoll macht: Die Zeit mit uns selbst, welche wir Zuhause fast nie auf diese Weise haben, beschäftigt mit all den kleinen Dingen unseres Alltags, unseren Beziehungen, unseren Freuden und Sorgen. Jeder, der schon alleine unterwegs gewesen ist, weiss, dass diese Auseinandersetzung mit sich selbst früher oder später passiert und dass sie guttut, auch wenn sie teilweise eine Herausforderung sein kann. Warum dies besser klappt, wenn man weit weg von all dem ist, was einen sonst beschäftigt, liegt auf der Hand: Eine neue Umgebung schafft Platz für Neues – auch im Kopf.

Der Moment

Den meisten Menschen scheint es ausserordentlich schwer zu fallen, im Moment zu leben. Dies zu erlernen ist eine hohe Kunst, die mit viel Übung verbunden ist – man denke beispielsweise an Meditation. Einzig Erlebnisse, wie nach einer anstrengenden Wanderung auf dem Gipfel anzukommen, sich umzudrehen und vor sich die atemberaubende Aussicht auf eine Landschaft zu haben, kommen diesem Gefühl nahe. Ein Augenblick, in dem es nur diesen Moment zu geben scheint, der einen völlig einnimmt, in dem man für einmal nicht an die Zukunft denkt oder an das, was bereits geschehen ist. Dieses Gefühl ist ausserordentlich reizvoll und rückblickend vielleicht mitunter einer der Gründe, warum uns das Fernweh immer wieder packt.

Nebst der Erinnerung an diese einzigartig intensiven Gefühle kommt dazu, dass wir vergesslich sind. Wir erinnern uns nach einer Reise immer nur an all die spannenden Begegnungen, schönen Orte und lustigen Momente – die Zeit, in der es uns nicht so gut ging oder wir mit den Gedanken abwesend waren, vergessen wir ziemlich schnell. Das Positive bleibt, das Negative schwindet und daher ist es natürlich, sich immer wieder auf neue Reisen begeben zu wollen, um weitere positive Erinnerungen zu sammeln und gleichzeitig die negativen zu vergessen – wobei man von letzteren bekanntlich am meisten lernt, wie man sagt. Auch wenn man diese vermeintlich weisen Worte in einer unschönen Situation, in der man völlig überrumpelt und verzweifelt ist, nichts mehr mit sich anzufangen weiss und sich sehr alleine fühlt, definitiv nicht hören will – in der Retrospektive sind es genau diese Momente, die einen persönlich weitergebracht haben.

Die Natur

Besonders wenn man alleine reist, wird einem bewusst, dass man sich in der Natur viel weniger verlassen fühlt als in Städten. Die Natur nimmt einen völlig ein mit ihrer Schönheit und vielleicht fühlen wir uns genau deshalb weniger allein, weil wir im Vergleich zu dem Gipfel, den wir gerade erklommen haben, klein, vergänglich, zerbrechlich sind. In solchen Momenten ergreift uns ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bewunderung und vielleicht sogar des Glücks. Wir können unsere Energie bewusst auftanken. Natürlich gibt es solche Orte auch Zuhause, doch nehmen wir uns im Alltag viel zu wenig Zeit, diese aufzusuchen. Auf Reisen haben wir diese Zeit und können uns diesen Orten mit unserem ganzen Herz hingeben. Nebst dem Faktor Zeit kommt auch noch hinzu, dass Landschaften in fremden Ländern oftmals ganz anders aussehen und es deshalb schaffen, uns noch mehr einzunehmen und für immer in Erinnerung zu bleiben.

Reisen ist nicht gleich reisen

Viele tun reisen als Prestige ab, sagen, dass die Argumente des neuen Kulturen Kennen- und Sprachen Lernens nur vorgeschoben seien. Was in einigen Fällen stimmen mag, darf man jedoch, wie bei so vielen Dingen, nicht verallgemeinern. Denn: Reisen ist nicht gleich reisen. Während meines Austauschjahres in Taiwan hatte ich, zusammen mit einem deutschen Austauschschüler, die Möglichkeit, unseren Gast-Rotary Club eine Woche lang nach Japan zu begleiten. Was im Voraus überaus toll klang, stellte sich bald als blanker Horror heraus, denn wir wurden Teil einer typischen asiatischen Busreise – hinfahren, rausspringen, Fotos machen, einsteigen, weiter, ad infinitum. Wenn mich heute jemand fragt, ob ich schon einmal in Japan gewesen bin, würde ich dies am liebsten verneinen, da ich gar nicht das Gefühl habe, tatsächlich dort gewesen zu sein. Diese Art des Reisens führte dazu, dass uns die Atmosphäre dieses Landes, die wunderschönen, atemberaubenden Landschaften und die dort lebenden Leute gar nie richtig erreichten. Obwohl mich diese Erkenntnis am Ende der Woche zutiefst traurig stimmte, kann ich nun mit einer neuen Sicht darauf zurückblicken und dankbar dafür sein, dass ich eben auch diese andere Art des Reisens, das «in sich Aufnehmen» der Identität dieser Orte, kenne und mich jedes Mal bewusst dafür entscheiden darf.

«Travelling mindset»

Alain de Botton schreibt, dass er sich manchmal wünschte, er könnte wie die Entdecker vor einigen hundert Jahren, an neue Orte reisen – völlig unvoreingenommen und ohne Erwartungen, die möglicherweise enttäuscht werden könnten. Reiseführer können einem des Gefühls, etwas Neues zu entdecken, berauben, da man das Aussehen des Ortes davor bereits kennt und schon weiss, auf was man sich einstellen soll. Daher ist es womöglich ein guter Ansatz, vor einer Reise für einmal keinen Reiseführer zu Rate zu ziehen, der unseren Blick auf einige wenige Sehenswürdigkeiten lenkt, die uns eigentlich gar nicht interessieren, und zudem verhindert, dass wir das für uns eigentlich Interessante entdecken. Botton spricht von einem «travelling mindset»: «Receptivity might be said to be its chief characteristic. We approach new places with humility. We carry with us no rigid ideas about what is interesting». Am besten reisen wir also mit einer Offenheit und Aufnahmebereitschaft und leben im Moment – so können wir sicher sein, dass uns das Fernweh auch in Zukunft weiterhin packen wird.


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