Die Soziologie des Hauptgebäudes – Brutal authentisch

Von Politikern über Appenzeller Käsewerbung bis hin zur Architektur des Hauptgebäudes, Authentizität hat sich zu einem gesellschaftlichen Ideal entwickelt. Aber ist authentischer automatisch besser? Eine Annäherung.

Unsere Universität brüstet sich mit ihrer angeblichen Vielfalt; Sprachen, Nationalitäten und jetzt auch noch mehr Studienfächer. Wie unterschiedlich wir alle wirklich sind, sei mal dahingestellt, denn eine Sache einigt uns alle: das Hauptgebäude. Brutalismus pur. Herrlich. Egal ob stilbewusster Zürcher oder urchiger Appenzeller, auf Instagram machen sich die scharfen Betonkanten gut als Hintergrund für ein authentisches Lächeln. Diese Formen wirken jedoch nicht nur als Kontrast, sondern auch als Spiegelbild des feinen Akademikers. Die primitive, raue Architektur der Gebäude stammt aus einer Zeit, in der es noch starke Charaktere mit Ecken und Kanten gab. Es ist diese Scheiss-drauf-Attitüde, die der Brutalismus vermittelt, mit der wir uns scheinbar identifizieren. Es ist ihre brutale Authentizität, die uns verzaubert.

Und was hat das mit Politik zu tun?
Das Konzept der Authentizität beruht auf der Vorstellung einer wahren Natur des Einzelnen, die unverfälscht erhalten werden muss. Gleichzeitig sehnen wir uns nach einer authentischen Umwelt: Wir stossen alles ab, was uns fake erscheint. Be real!

Diese Idee der Authentizität lässt sich aufs Kollektive ausweiten: An- hand von authentischen Merkmalen einer klar abgegrenzten Identität werden Menschen in Schubladen eingeteilt. Sie entfalten sich nur von- einander getrennt und müssen daher besorgt sein, ihre Gruppenidentität nicht mit Einflüssen aus anderen Schubladen zu besudeln. Das Resul- tat ist eine Vielzahl an unterschiedli- chen Schubladen, die alle gleichwer- tig nebeneinander leben, aber in sich selbst grösstmögliche Eindeutigkeit geniessen.

So what?

Ist doch super, wenn alle authentisch sind und ihre Kultur entfalten können! Fast. Abgesehen von dem offensichtlichen «second-level»-Kulturrassismus, gibt es weitere Folgen. Authentizität und Kästchendenken

entfernen die Ambiguität, die zum menschlichen Zusammenleben gehört. Die ersten Opfer sind «political correctness» und Diplomatie. Wenn jeder sagt, was er gerade denkt, Internet macht’s möglich, und keine weiteren Meinungen zulässt, kommt es unweigerlich zum Aufprall und die Kompromissbereitschaft geht den Bach runter – letzteres ist für die Diplomatie fatal.

Ganz allgemein zeigen Wahlergebnisse, dass authentische Politiker, die fundamentalistische Lösungen vorschlagen, immer mehr Anklang finden. Dabei geht vergessen, dass Demokratie auf komplexen Aushandlungsprozessen beruht, die selten einfache und eindeutige, sondern oft suboptimale Lösungen hervorbringen. Auch ist Demokratie grundsätzlich durch Ambiguität gekennzeichnet: Keine Partei kann einem Wähler hundertprozentige Übereinstimmung bieten. Wir können also entweder gar nicht mehr an die Urne gehen oder für die aus unserer Sicht wahrscheinlich beste Partei stimmen.

Authentizität hat hier keinen Platz. Wir brauchen stattdessen mehr Ambiguitätstoleranz; die Fähigkeit, Widersprüchlichkeiten und Uneindeutigkeiten nicht nur auszuhalten, sondern mutig wertzuschätzen. Dazu gehört nicht nur ein geselliger Austausch über Architektur, sondern insbesondere die aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten und das Interesse an unterschiedlichen Meinungen.


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