Eine Anleitung zum Luzidträumen

Wo stösst man für gewöhnlich auf pinke Elefanten, offen nekrophile Bekannte und umweltliebende Manager? Im Traum. Eine Anleitung, wie ihr die Nacht produktiver nutzen und irrsinnige Abenteuer erleben könnt.

Wir träumen mehrmals pro Nacht, und das zum Teil mehrere Stunden lang. Nur die wenigsten können sich jedoch an ihre nächtlichen Abenteuer erinnern. Vergessen sind der adrenalingeladene Kampf gegen Zombies oder der Dreier mit Angelina Jolie und Jennifer Lawrence. Doch was, wenn wir solche Spässe willentlich steuern könnten? Und nicht nur eine schöne Erinnerung, sondern auch einen Nutzen fürs Wachleben aus der ganzen Sache ziehen würden?

Der Herr der Träume

Dann wären wir wohl alle mehr mit Träumen als mit der Realität beschäftigt. Dass so etwas tatsächlich möglich ist, wurde anfangs der 80er-Jahre wissenschaftlich bewiesen. Denn der US-amerikanische Psychologe Stephen LaBerge zeigte im Rahmen seiner Doktorarbeit, dass man sich dem Akt des Träumens vollkommen bewusst sein und den Traum somit auch steuern kann. Während wir uns im Schlaf befinden, verfällt der Körper in eine Art Starre: Ausgenommen davon sind die Augen, welche sich unter geschlossenen Lidern aktiv bewegen und die rege nächtliche Aktivität des Gehirns widerspiegeln. LaBerge war immer wieder in der Lage, im Schlaf ein vereinbartes, unverwechselbares und nicht durch Zufall zu erklärendes Zeichen durch Bewegung seiner Augäpfel zu erzeugen. Damit signalisierte er: «Ich bin gerade am Träumen und vollkommener Herr meiner Lage.» Das Experiment wurde später mit anderen Personen mit Hilfe ähnlicher Methodik erfolgreich reproduziert. Dieser Akt der Traumsteuerung wird auch «Luzides Träumen» genannt.
Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind mindestens so vielfältig und komplex wie die Wortschöpfungen des St. Galler Management Modells: Man könnte durch das verschollene Tal von El Dorado fliegen, sich wie Spiderman an den New Yorkern Wolkenkratzern hochziehen oder ein Wiedersehen mit einem seit langem verstorbenen Familienmitglied erleben. Doch wie lernt man dieses «Luzide Träumen»?

Pinker Elefant? Nekrophilie? Ist doch ganz normaler Alltag

Um einen Luzidtraum (auch: Klartraum) herbeizuführen, bedarf es oftmals einem «Funken», einem Geistesblitz im Traum. Denn ein Traum folgt meistens einer bizarren Logik, die sich einem in der Realität nicht ganz erschliessen würde, einem in der Nacht jedoch vollkommen normal erscheint. Beispiel: Man träumt, dass man am Morgen aufsteht, einen Orangensaft trinkt und sich dann direkt auf den Weg zur Uni macht. An der Dufourstrasse angekommen läuft einem eine aus dem Zoo entlaufene, pinke Giraffe über den Weg. Der Kollege aus dem Soziologiekurs teilt einem mit, dass er sich einem der Nekrophilie verschworenen Kult angeschlossen hat. An den Parkplätzen der Uni stehen nicht Porsches, sondern Ökostromfahrzeuge. Langsam kommt man ins Grübeln. Und dann erinnert man sich wieder: Die Zoowärter in St. Gallen vergessen nachts oftmals das Gehege abzuschliessen. Nekrophilie ist seit 1996 eine gesellschaftlich anerkannte Praxis und alle Angehörigen der Universität haben sich unter Androhung der Todesstrafe dem Sustainability-Lifestyle verpflichtet. Alles in gewohnter Ordnung also.
Wie schafft man es nun, diese der Realität widersprechende Traumlogik zu durchbrechen? In seinem Buch «Schöpferisch träumen. Wie Sie im Schlaf das Leben meistern: Der Klartraum als Lebenshilfe» führt der Klartraum-Forscher Paul Tholey den Realitätscheck und das Führen eines Inventars von Traumzeichen als mögliche Methoden auf. Beim Realitätscheck versucht man, in der Realität vorkommende, kausale Ereignisse dem Praxistest in der Traumwelt zu unterziehen. Beispiel: Man gewöhnt sich an, ein paar Mal den Tag hindurch auf seine Hände zu schauen. Man erblickt seine zehn Finger (oder weniger, falls einem mal einer abhandengekommen ist). Diese Gewohnheit wird sich dann auch auf den Schlaf übertragen. Irgendwann, während man im Traum gerade damit beschäftigt ist, die Welt vor Genderpolitik-betreibenden Assassinen zu befreien, legt man das Sturmgewehr aus der Hand, schaut sich seine Finger an und realisiert: Aha, da sind ja nur drei davon an jeder Hand. Und oh, ich besitze ja gar keine Hände, sondern Pfoten, auf denen das Gesicht von Michael Jackson aufgemalt ist. Nun macht es Klick: Der Geistesblitz fliegt einem durch den Kopf, man schwingt seine Pfoten jubelnd in die Luft und realisiert, dass man eigentlich am Träumen ist.
Beim Führen eines Traumzeichen-Inventars hingegen überlegt man sich, welche Personen, Gegenstände, Gefühle oder Landschaften in den eigenen Träumen wiederholt vorkommen und wird sich dann beim Wiedererkennen dieser Zeichen des Träumens bewusst, dass man am Träumen ist. Der Autor des Beitrags konnte beispielsweise beobachten, dass in seinen Träumen oftmals in der Luft fliegende Wasserrutschbahnen oder Bunga-Bunga-Parties mit Adolf Hitler und Silvio Berlusconi vorkommen. Das nächste Mal, wenn er mit Hitler mit einem Glas Wein anstösst, wird er sich also des Träumens bewusst werden und kann somit gezielt die Führung übernehmen.

Die Möglichkeiten sind grenzenlos

Hat man es nun also geschafft, luzid zu werden, so wird man selbst dazu aufgefordert, sein kreatives Potenzial zu entfalten. Der Dreier mit Angelina Jolie und Jennifer Lawrence gehört noch zu den simpelsten, möglichen Spässen. Nicht zu vergessen ist, dass ein Klartraum so scharf und präzise wie die Realität erlebt werden kann. Physikalische oder zeitliche Grenzen gibt es keine. Sich wie ein Vogel frei durch die Lüfte zu bewegen, in dem man einfach nur die Arme ausstreckt und losfliegt, das ist ein Gefühl, wofür es sich alleine bereits lohnt, das Klarträumen zu erlernen.
Die Möglichkeiten von Klarträumen beschränken sich jedoch nicht nur auf kreativen Spass, sondern finden auch im Sport und in der Psychotherapie Anwendung. Durch den bewussten und kontrollierten Umgang im Traum können beispielsweise Albträume oder Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung bekämpft werden. An der Sportuniversität in Heidelberg setzt sich der Wissenschaftler Daniel Erlacher mit den Anwendungsmöglichkeiten des Klarträumens auseinander. Paul Tholey nutzte Klarträume beispielsweise, um komplexe Bewegungsabläufe einzustudieren und damit Sportarten wie Skateboard oder Snowboard zu trainieren. Der damals 38 Jahre alte Tholey nahm 1975 an den offenen Europameisterschaften im Skateboarden teil und gewann – und konnte somit mit deutlich jüngeren Teilnehmern konkurrieren (anzumerken ist jedoch, dass damals das Niveau noch wesentlich niedriger war als heutzutage).

Verabschiedet euch von
der Realität

Nun habt ihr also eine Einführung in die Kunst des Klarträumens erhalten. Wollt ihr grenzenlose, hyperrealistische Abenteuer erleben oder habt ihr das Gefühl, dass ihr den Tag hindurch nicht produktiv genug seid, so fangt am besten schon mal damit an, eure Hände auf die richtige Anzahl Finger hin zu prüfen!

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