Erinnerungen und Menschen verschwinden

St. Gallens Ausgangskultur wird neben dem Trischli und Elephant auch von zahlreichen Bars und Restaurants geprägt. Vor allem im Bermudadreieck ist die Dichte an Beizen besonders hoch.

Jeden Tag läuft oder fährt der Durchschnitts-HSGler mindestens einmal am Bermudadreieck vorbei, ohne zu wissen, dass dort an schönen Wochenenden die Strassen voller als das Trischli sind. Das Sankt Galler Bermudadreieck befindet sich an der Metzger-, Augustiner- und Engelgasse. Mit dem Marktplatz bilden sie ein Dreieck, in welchem sich diverse Bars und Restaurants aneinanderreihen.
Viele Lokale haben den Anschein von «Spunten», da sie in den alten Häusern, welche unter Denkmalschutz stehen, eingerichtet wurden. Zum Teil sehen sie so urchig und fast heruntergekommen aus, dass Studenten, welche sich als «Elite» sehen, sich dort kaum hineinwagen würden.

Jam Session im Gallus Pub

Doch sobald sich die Türe zu einer Bar öffnet, wird man durch die für das Bermudadreieck bekannte Aura empfangen. Im Gallus Pub laufen wir zuerst durch einen Gang, auf dessen Seite eine Burg gemalt wurde. Das Treppenhaus in den ersten Stock vermittelt den Eindruck, man befände sich auf einem Frachtschiff; eng und mit Messing ausgekleidet, alte Öllampen stehen auf der Seite und spenden Licht. Schon auf der Treppe hören wir irische Folklore und Gesang, im ersten Stock finden wir sodann die Quelle davon. Ein Mann spielt auf der Klarinette, der Besitzer der Bar, Daniel Wirth, an der Gitarre und eine Frau, welche inmitten der kleinen Gast- stube sitzt, singt zu den Klängen. Wirth erklärt uns, dass dies die monatliche Jam Session an jedem ersten Donnerstag des Monats sei. Jeder, der Lust zum Musizieren hat, darf teilnehmen. Wir bestellen irisches Bier und Whisky und lauschen dem Gesang der jungen Frau. Dabei fallen uns die vielen an die Decke genagelten Gönnerscheine auf, mit welchen vor Jahren Geld für Umbau und Sanierung des Gallus Pubs gesammelt wurde.

Im zweiten Stock gibt es Tischfussball und Dart. Eine Gruppe junger Männer hält gerade ihre Sitzung während sie gegeneinander Tischfussball spielen. Wir entscheiden uns für eine Runde Dart. Über Lautsprecher hören wir die Jamsession von unten auch im oberen Stock und fühlen uns wie in Irland. Wir wissen nicht, an was es liegt, doch Jana gewinnt mit einem überragenden Vorsprung das Spiel.
Preislich bewegt sich das Irish Pub im normalen Preissegment. Ein halber Pint Bier und ein Whisky kosten zusammen 9 Franken, extra für Menschen, welche sich nicht zwischen Bier und dem köstlich Gebrannten entscheiden wollen.

Vorbei an der Focacceria und dem New White Swan gehen wir in das Restaurant und die Quartierbeiz Krug. Die Atmosphäre ist weniger speziell als im Gallus Pub, eigentlich ist es ein ganz normales Restaurant mit Bar. Das Bier und die Drinks sind nicht optimal. Trotzdem verweilen wir länger, was am Tischfussball liegt, da Daniela und Frédéric gegen Jana spielen und Jana aus unerklärlichen Gründen wieder gewinnt.

Sägemehl in der August Bar

Als nächstes kommt die August Bar, gleich unter dem Lichtsignal beim Alpenchique. Vor Hunderten von Jahren war dies die Augustiner Halle, ein Spunten und eine Absteige, heute ist es eine Cocktailbar mit verschiedenen Drinks und Bier des Rorschacher Kornhausbräu. Das Ambiente hat etwas ganz Eigenes, vor allem in der kalten Jahreszeit wärmt das offene Cheminee und der mit Sägemehl bestreute Messingboden. Die Spezialität bei Ischi ist der ausgezeichnete Erdbeer-Margarita.

Im ersten Stock befindet sich ein langer Tisch, wo Gruppen ab zwölf Personen Pastaplausch geniessen können. Die in den Tisch eingelassene Metallplatte in der Mitte konnte früher erwärmt werden, heute jedoch nicht mehr, da sich zu viele Gäste die Finger verbrannten oder der gute Wein durch die Hitze zu warm wurde.

Im dritten Stock wurde vor langer Zeit in den Giebel eine Glaskuppel eingebaut – dazumal ohne Baueingabe, was eine über die gesamte Stadt reichende Diskussion auslöste. Viele St. Galler waren überzeugt von der Idee und der Umsetzung, die Politik jedoch nicht. Bis vor ein paar Jahren konnte dort ein Teil eines Humidors gemietet werden, damit jeder Stammgast seine eigenen Zigarren gleich am Ort des Konsums lagern konnte. Heute hat die Lounge ein eigenes Soundsystem und bequeme Sessel, in denen zur eigenen Musik Zigarren und Drinks genossen werden können. Monatlich gibt es in der Bar Lesungen vom Bühnen-Poet Ralph Weibel. Preislich bewegt sich die Bar im Durchschnitt, Drinks kosten 10 bis 15 Franken.

Guillotine zum Schluss

Vorbei an der Lunaris Chillout Lounge und der Picante Bar gehen wir direkt ins Alt-St. Gallen. Das Haus fällt durch den roten Anstrich und die überdurchschnittliche Höhe auf. In der ehemaligen Präfektur Napoleons wurden um 1799 an der Guillotine Köpfe von Körpern abgeschlagen. Heute wird unter der niedrigen Decke nichts mehr getrennt, sondern Spirituosen und andere Zutaten zu wundervollen Kreationen zusammengefügt. Die ehemalige Guillotine aus Süddeutschland kann noch immer von aussen und innen betrachtet werden. Das Interieur sieht aus, als stamme es noch aus Napoleons Zeit, jedoch wurde es gut gepflegt und unterhalten.

Martin Durots Devise ist es, eine hohe Qualität zu bieten. Darunter versteht er auch, dass er selbst Cocktailkreationen entwickelt und deshalb etwa alle drei Monate die Karte anpasst. So stellt er viele Zutaten für die Cocktails selbst her wie beispielsweise einen Bacon-Maple-Sirup oder Wasabivodka. Auch im Alt-St. Gallen bewegen sich die Preise mit 13 bis 17 Franken pro Drink im Durchschnitt.

Im Sommer füllen sich die Gassen in trischliartiger Manier, es gibt kaum noch ein Durchkommen in der Menschenmasse. Auffallend ist der Altersmix, von jung bis alt treffen sich hier alle auf einen Drink oder ein Bier.

Von diesen Sommerabenden kommt auch die Namensgebung: Im Bermudadreieck verschwinden Freunde, Erinnerungen und Geld.


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