«Es beginnt die Herrschaft der Polizisten.»

prisma hat für den 60. Geburtstag einen Artikel modernisiert, welcher im ers- ten Jahr erschienen ist. Es ist erstaunlich, wie viele Parallelen trotz stark verän- dertem Schreibstil feststellbar sind.

gds und lz. Am 17. November 2018 haben in Frankreich die Proteste mit der Symbolik der «Gelbwesten» ihren Anfang genommen. So haben sich diese im vergangenen Monat zum ersten Mal gejährt, was insbesondere in der Hauptstadt Paris zu Auseinandersetzungen geführt hat. Die Demonstrierenden haben zeitweise das bekannte Einkaufszentrum «Gallerie Lafayette» besetzt.

Zurück ins Jahr 1959. Die Zeitschrift «La Gangrène», welche vor 60 Jahren vom Französischen Ministerpräsident Debré als Werk von zwei Kommunisten bezeichnet wurde, hat es als deutsche Übersetzung in die Nachbarländer geschafft. Ein Text, der sich selber nicht als «Sensation» sehen will. Und doch findet man in der übersetzten Version unter dem Titel «Krebsübel» einen Appell, welcher die prekäre Situation in Frankreich aufzeigen und vor einer Ausweitung warnen soll. Auch der Autor hat zuerst gezögert, seinen Text zu veröffentlichen. Er hat so lange gezögert, bis der Prozess gegen den Direktor des französischen Territorialgeheimdienstes wegen Gehilfenschaft zu Körperverletzung einfach verschleppt wurde.

Auch bis fast zum letzten Moment haben die Whistleblower gewartet, welche aktuell für das Amtsenthebungsverfahren von US-Präsident Trump verantwortlich sind. Wem also die Ähnlichkeiten von vor 60 Jahren zu heute auffallen – gut mitgedacht.

Der Artikel sollte die Öffentlichkeit über die Ungerechtigkeiten alarmieren, und dieser Alarm war wichtig. So erzählten fünf in Frankreich lebende Algerier von der Gewalt und der Folter, die sie von dem Geheimdienst erfahren mussten, um Informationen oder Geständnisse aus ihnen herauszuquetschen. Die unglaublichen Unmenschlichkeiten, der Sadismus ekelhafter Beamter und der Zynismus des französischen Polizeiapparates wecken in den Personen, welche die Texte lesen, Erinnerungen an psychologische Kriegsführung. Beängstigend ist jedoch, dass der Text von der französischen Regierung mit der stereotypischen Ausrede eines kommunistischen Lügengebildes abgestempelt wurde und mehr als ein Verbot nicht resultierte – erneut zeigen sich Ähnlichkeiten zu Trumps Präsidentschaft auf. So gab es auch hier, wie im laufenden Amts- enthebungsverfahren gegen den amerikanischen Präsidenten, genügend handfeste Beweise, beispielsweise ein Aufruf an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes oder ein Nachwort des Französischen Ver- legers, welcher die Geschichte rund um den verbotenen Text schildert. Ähnlich wie beim aktuellen «Quid pro Quo» zwischen den USA und der Ukraine, kann man auch beim Algerienkrieg und dem Widerstand der Algerier zweierlei Meinung sein. Ob man dies jedoch unterstützt oder ablehnt, sollte aber nicht von Bedeutung sein, wenn ein Land, welches sich als Rechtsstaat bezeichnet, solche Verfahren duldet. Seien dies die schändlich behandelten Algerier oder aber ein Präsident, welcher sich jeglicher Rechenschaft zu entziehen vermag. Somit war Frankreich wohl zu einem Polizeistaat geworden, aus dessen Machtapparat sich weder Bevölkerung noch Regierung wieder entziehen kann. Ob auch in den USA dieser Punkt erreicht ist, wird sich noch im Verlaufe des Amtsenthebungsverfahrens zeigen.


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