«Hassen sie sich da unten immer noch?»

Viel Unwissen und rund tausend Kilometer Luftlinie trennen den Westen vom Südosten Europas. Ein Kurs der etwas anderen Art versuchte, die Balkanregion für ein Dutzend Studierende in ein neues Licht zu rücken.

Unter dem verheissungsvollen Namen «Imperium-Nation-Kommunismus: Zeitgenössische Interpretation von Nationalismus in Südosteuropa» liess sich der Geschichtskurs im Dschungel des Biddings finden. Mittels eines Motivationsschreibens sollten sich Interessierte für die begrenzte Anzahl Plätze bewerben. Die Dozentin, Dr. Sandra King-Savic, Executive Director am Center for Governance and Culture in Europe (kurz GCE), und ihr Kollege Dr. Yves Partschefeld, Leiter Administration School of Humanities and Social Science (SHSS), führten den Kurs im Co-Teaching zusammen durch. Ziel dabei war es, ihre Expertisen «Südosteuropa» und «Nationalismus» zu verknüpfen sowie den Teilnehmern exklusive Einsicht in die besprochene Region zu ermöglichen. Auf die sechswöchige theoretische Vorbereitung folgte die entsprechende einwöchige Exkursion.

Kontextstudium in der Praxis

Der Vorteil eines solchen Formates sind die Transferleistungen zwischen Theorie und Praxis. King-Savic erklärt: «Man liest einen Text und sieht das Gelesene symbolisch in Graffitis oder einem Grabgewölbe vor Ort». Das sei wichtig für den Lernprozess. Beide Dozierenden plädieren daher für mehr plastisch vermitteltes Wissen.

Die Finanzierung solcher praktischen Erfahrungen kann jedoch eine Hürde darstellen. In diesem spezifischen Fall übernahm das CGE bzw. dessen Geldgeber, das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), die Reisekosten. «Für das SBFI steht die Vernetzung mit Osteuropa im Fokus. Südosteuropa gehört hier zwar nicht explizit dazu, verbindet durch jeweilige Berührungspunkte jedoch den Westen mit Osteuropa», führt King-Savic weiter aus. Ob die Finanzierung so wieder zustande kommen wird, ist noch unklar. Beide Dozierende hoffen jedoch, dass ein solcher Kurs
mittels Mund-zu-Mund-Propaganda auch ohne Fremdfinanzierung auf Interesse unter den Studierenden stossen wird. Der diesjährige führt uns mittels Vorträgen, Stadtführungen und Museumsbesuche durch Serbien, Mazedonien und Albanien.

Im Minivan durch den Balkan

Kaum am Flughafen «Nikola Tesla» angekommen – die nationale Zugehörigkeit des genialen Erfinders ist übrigens bis heute unter Serben und Kroaten umstritten – folgt eine einstündige Einführung in die Geschichte Serbiens und der Besuch des kürzlich eröffneten Nationalmuseums, an dessen Ausstellung die letzten 15 Jahre gearbeitet worden war.

Belgrad ist für viele auf dem Land lebende Serben der einzige Hoffnungsträger und so wirkt sie auch: authentisch, laut, vor Leben vibrierend. Die extreme Binnenmigration ist neben der Auswanderung ein Phänomen, welches auf dem gesamten Balkan anzutreffen und auf die Perspektivlosigkeit, gerade unter Jungen, zurückzuführen ist. Wie wir sehen werden, spielt Tirana in dieser Hinsicht eine ähnliche Rolle wie die serbische Hauptstadt. Nach zwei Tagen Stadtbesichtigungen und Inputs folgt die holprige Fahrt in die nächsten Hauptstadt.

Ein Land auf Identitätssuche

Skopje wirkt auf den ersten Blick wie ein Vergnügungspark. Unser Hotel, ein Piratenschiff, befindet sich gleich gegenüber pompösen Bauten, dazwischen stehen alle fünf Meter verschiedene Denkmäler. Hinter diesem Anblick steckt eine gehörige Portion Nationalismus. So erfahren wir, dass das damalige Gruevski-Regime mittels des Projekts «Skopje 2014» die angeblich fehlende nationale Identitätsbildung Mazedoniens vorantreiben wollte. Die daraus entstandenen Bauten sind jedoch von kläglicher Qualität, sodass beim Klopftest schnell Karton darunter vermutet wird. Die farbige Revolution 2016, in welcher die Bevölkerung friedlich gegen das Gruevski-Regime und dessen millionenteures Projekt demonstrierte und die künstlich weissen Fassaden mit Farbbomben bewarf, setzte den ad absurdum führenden «Bauverschönerungen» und dem Denkmalwahn ein Ende. 

Wer denkt, der Versuch der nationalen Identitätsbildung hätte die gesamte Bevölkerung miteinbezogen, irrt sich. Die grösste mazedonische Minderheit stellen mit rund einem Viertel die Albaner, deren Existenz erst seit den Aufständen in 2002 beachtet wird. Durch die Etablierung albanischsprachiger Schulen und die Anerkennung der Sprache sollten ihnen mehr Rechte zugeschrieben werden. Gleichzeitig besiegeln solche Massnahmen den Ethnozentrismus, mit dem das Land bis heute kämpft.

Schmugglern und Kommunisten

Dieses Problem kennt das benachbarte Albanien nicht. Das Land ist das einzige in der Region, welches sich nicht über eine Ethnie, sondern über die nationale Zugehörigkeit identifiziert, unabhängig anderer Faktoren. Ausserdem leben da Anhänger fünf grosser Religionen friedlich nebeneinander, was nicht selbstverständlich ist auf dem Balkan.

Tirana wirkt modern und vielfältig. Unsere Unterkunft liegt im chaotisch-lauten Studentenviertel und zu Abend essen wir im Blloku, dem schicken Restaurantviertel, dessen Zutritt der Normalbevölkerung zu Zeiten des kommunistischen Diktators Hoxha verboten war. Die Herrschaft der Kommunisten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat tiefe Spuren im Land hinterlassen. Unzählige Albaner sind in dieser Zeit hauptsächlich nach Italien ausgewandert, andere haben aus Verzweiflung ihren Lebensunterhalt mit Schmuggel verdient, nicht unbedingt freiwillig. Das «House of Leaves Museum», welches wir am zweiten Tag besichtigen, erzählt eindrücklich von dieser Zeit.

So ähnlich die besuchten Länder in manchen Punkten sind – Essen und Musik sind solche gemeinsamen Nenner – so unterschiedlich sind die Geister der Geschichte, mit denen jedes einzelne zu kämpfen hat. Was wird in Zukunft überwiegen?

Der Blick in die Kristallkugel

 «Der selektive Fokus auf die eigene Geschichte, der momentan noch in allen drei Ländern zu beobachten ist, muss erweitert und die Anknüpfungspunkte wieder stärker in den Vordergrund gestellt werden», meint Partschefeld. So kann man sich jenseits nationaler Grenzen als Region betrachten, welche zum Beispiel gemeinsam die Herrschaft des Osmanischen Reiches durchlebt hatte. Inklusion statt Abgrenzung ist unabdingbar für die weitere Entwicklung.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Homogenität angestrebt werden soll, wie es die Idee des Nationalstaates auferlegt. Des Weiteren betont er: «Die Deckungsgleichheit zwischen Nation und Nationalstaat ist eine völlige Illusion. Trotz der schlimmen Versuche, diese zu erreichen, ist die Region noch immer heterogen.» Und das ist auch gut so, spiegelt es doch das Bild ganz Europas wider.

In Bezug auf Mazedonien spricht sich King-Savic für die Regierung unter Zoran Zaev aus. Die bisher problematischen Beziehungen mit den Nachbarstaaten reflektieren die ungelöste Identitätsfrage des Landes. Sie führt aus: «Zaev macht in dieser Hinsicht vieles richtig. Er beschäftigt sich mit der Pass- und Sprachproblematik mit Bulgarien und schaut nicht in der Geschichte zurück.»

Wohin zeigt der Kompass?

In Mazedonien ist die Ausrichtung gegen Westen am stärksten zu spüren. Partschefeld mahnt jedoch: «Der EU- oder NATO-Beitritt sind kein Allheilmittel; die bilateralen Gespräche und ein politischer Wandel weg von alten Seilschaften und Korruption müssen vorher schon gegeben sein.» Es gilt für alle Länder des Balkans: Regionale Kooperation und Austausch sollen das oberste Ziel auf der aussenpolitischen Agenda sein. Der Berliner Prozess, eine diplomatische Initiative zur Eingliederung der Balkanländer in die EU, ist ein wirksamer Ansatz, diese Annäherung zu fördern. Man muss diesen zum Teil doch kleinen Ländern ihre gegenseitige wirtschaftliche und politische Abhängigkeit aufzeigen.

Beide Dozierenden sind sich einig: In Serbien gibt es noch keinen Zaev, der diese Agenda fördern würde. Unter der aktuell vorsitzenden progressiven Partei kann es vermutlich nicht vorwärts gehen. «Lustration ist extrem wichtig», betont King-Savic. Der Kompass liegt hier bildlich gesehen auf einem Magneten und dreht sich, mal Richtung Westen, mal hin zu Russland. Würde man in all diesen Belangen Klarheit schaffen, weniger Geschichtsschreibung betreiben und mehr für die eigene Bevölkerung unternehmen, wäre auch das noch fehlende Vertrauen in den Staat wiederhergestellt.

Es ist schwierig, eine Region zu verstehen, die das nicht einmal selbst kann. Deshalb muss man sich in einem solch dynamischen Forschungsgebiet immer wieder unter aktuellen Gesichtspunkten auf die bestehende Literatur beziehen und die beforschten Regionen unter neuen Blickwinkeln bereisen. Wenn sogar unsere Dozierenden, beides Experten auf ihrem Gebiet, wie sie betonen, bei jedem Besuch etwas Neues dazulernen, dann wird einem die Komplexität des Sachverhaltes erst richtig bewusst.


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