«Ich war, bin und bleibe ein Erdbeerjoghurt»

Diplomierte Unternehmerin, gelernte Köchin, erste transsexuelle Frau in der Schweizer Armee: Claudia Sabine Meier über australische Toilettenschilder und das Gefühl, ein Papagei unter Pinguinen zu sein.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie im falschen Geschlecht geboren sind?

Bereits im Alter von fünf Jahren. Bei einigen dauert der Prozess Jahre. Das war zu einer Zeit, in der die Eltern ihren Kindern drohten, sie ins Heim zu stecken, wenn sie nicht anständig sind und einen baten, nicht schwul zu werden. Es war die Zeit der gelebten Stereotypen – man ist verheiratet und ja nicht homosexuell. Ich fühlte mich wie ein Erdbeerjoghurt im Becher eines Mokkajoghurts. Die Verpackung stimmte nicht.

Wie gelangten Sie zu dieser Erkenntnis?

Wenn ich mit meiner Schwester zusammen war, nahm ich mich nicht als Junge wahr. Ich wusste schon immer, dass ich eine Frau bin. Ob jemand männlich oder weiblich ist, hängt vom eigenen Gefühl ab. Es ist das Wissen im Innern.

Welchen Schwierigkeiten begegneten Sie während dieses Prozesses?

Am meisten fürchtete ich mich davor, mein soziales Umfeld zu verlieren. Ich hatte grosse Verlustängste und fürchtete um die eigene Existenz. Die Begleitung einer Psychotherapeutin half mir, diese Ängste zu überwinden sowie herauszufinden, wohin mein Weg gehen soll.

Warum die Namen Claudia und Sabine?

Das war anfangs der 90er Jahre. Ich wollte einen klassischen Schweizer Namen, so entschied ich mich für Claudia. Später kam Sabine dazu. Grund dafür war, dass ich der einzige Andreas Heribert in der Schweiz war. Dasselbe wollte ich auch als Claudia erreichen. Claudia Meier gab es 167 mal – Claudia Sabine Meier ist einzigartig.

Welchen Hürden begegnen Transgender-Menschen im Alltag?

Vor allem die Jobsuche ist schwierig. Beispielsweise kann man Arbeitszeugnisse im Nachhinein nicht abändern lassen. Ist es auf den früheren Namen ausgestellt, bleibt das so. Das führt bei jeder neuen Bewerbung zu einem Zwangsouting. Ausserdem betreiben HR Departments bei ihrer Auswahl Risikominimierung. Transgender Menschen sind gegenüber anderen Bewerbern benachteiligt. Wer will schon jemanden einstellen, der vermeintlich unter psychischen Problemen leidet? Ich selbst habe das auch erlebt. Ich wurde abgelehnt, weil der Arbeitgeber mich als Frau für weniger belastbar hielt, als ich es als Mann war.

Wäre es sinnvoll, die Geschlechtertrennung ganz abzuschaffen?

Es stellt sich die Frage, wo es überhaupt Sinn macht, ein Geschlecht definiert zu haben – mir ist kein Bereich bekannt, wo dies für die Gesellschaft zwingend notwendig ist – immerhin sprechen wir ja von Gleichberechtigung. Statt amtlich von Vater und Mutter zu sprechen, könnte man von Elternteil sprechen.

Gab es einen Moment, in dem Sie sich persönlich besonders diskriminiert fühlten?

Das war, als ich erneut nach Luzern zog und mich auf dem Stadtamt anmelden wollte. Der Beamte schaute mich nach einer Weile verdutzt an und meinte, er könne meine Daten nicht eintragen. Es sei nicht möglich, die Personalien meiner neuen Identität zu speichern. Das war wie ein Zwangsouting für mich. Später kamen weitere Beamte dazu, vor denen ich meine Situation rechtfertigen musste. Immerhin lauteten meine Ausweise auf meinen richtigen, neuen Namen.

Wo steht unsere Gesellschaft bezüglich Toleranz gegenüber Transgender-Menschen?

Die Thematik ist nach wie vor ein Absurdum. Unsere Gesellschaft tritt Transgender-Menschen mit Unkenntnis gegenüber. Das ist vergleichbar mit einem Blinden und dem Versuch, ihm zu erklären, was Rot ist. Nur ist unsere Gesellschaft zum Glück lernfähig. Ab den 70er-Jahren fand langsam eine Enttabuisierung der Homosexualität statt. Nun kommen wir, die Randgruppe der Transgender-Menschen. Ich glaube durchaus an die Fähigkeit der Gesellschaft, sich uns gegenüber zu öffnen.

Inwiefern sollte die Gesellschaft sich Ihres Erachtens verändern?

In erster Linie muss man sich die Frage stellen, welche Rolle das Geschlecht in einer Gesellschaft spielt. Das beginnt bei den getrennten Toiletten. Australien zum Beispiel unterscheidet zwischen «male», «female» und «other». «Mann» muss sich eher die Frage stellen, wozu unsere Gesellschaft und der Staat überhaupt anhand des Geschlechts unterscheidet. Ausserdem brauchen wir mehr Inklusion statt Integration. Transsexuelle sollen nicht wie die Fische im Aquarium sein.

Welchen Beitrag können Transgender-Menschen selbst zu dieser Veränderung leisten?

Dadurch, dass man keine Opferrolle einnimmt, sondern selbst aktiv zur eigenen Inklusion in die Gesellschaft beiträgt. Zum Beispiel bin ich die einzige Frau der Schweizer Armee, die eines von 26 Verpflegungszentren leitet. «Meine Jungs» jedenfalls schätzen mich. Vielen Neuen brennen die Fragen auf der Zunge. Man merkt jedoch, dass sie sich kaum trauen, diese zu stellen. Darum liefere ich ihnen die Antwort jeweils direkt und begegne ihnen mit Offenheit.

Fühlen Sie sich als Frau wahrgenommen?

Ja, absolut. Dass man belächelt wird oder über einen getratscht wird, kommt überall in der Gesellschaft vor, wobei dies weniger vom Geschlecht als vom Menschen selbst abhängt. Zuerst aber musste ich selber lernen, mir zuzutrauen, als Frau zu leben. Das Zauberwort hier heisst Courage. Ich habe kein neues Leben, sondern ein anderes, in einer glücklicheren Form.

Sie führen Workshops zur Sensibilisierung von Transsexualität durch. Welches erfolgreiche Erlebnis blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Das war, als ich in einem Saal vor 300 Leuten sprach. Ich hatte eine Stunde Zeit, um den Zuhörern meine Botschaft zu überbringen. Bei der Fragerunde am Schluss herrschte wie oft nachdenkliches Stillschweigen, bis jemand den Mut fand, seine Frage zu formulieren. Darauf kam Frage um Frage. Jemand meinte, man würde mir am liebsten noch Stunden lang zuhören. Das war für mich ein sehr berührender Moment.

Warum führte Sie Ihr Weg zurück zur Schweizer Armee?

Auf Grund eines Vortrages, den ich 1991 in der Fourierschule in Bern über die Friedensförderung hörte. Ich war fasziniert, hatte aber nie Zeit dafür. 2014 habe ich diesen Wunsch umgesetzt und leistete ein halbes Jahr lang freiwilligen Militärdienst bei der Swisscoy. Das war eine sehr spannende Zeit. Heute arbeite ich im Ausbildungszentrum Swissint, welches Soldaten unter anderem für den Kosovo-Einsatz ausbildet, und bin stolz darauf.

Welchen Ratschlag würden Sie jemandem geben, der sich im falschen Geschlecht geboren fühlt?

Vor allem ist es wichtig, sich sicher zu sein, den richtigen Weg zu gehen. Man muss Klarheit darüber erlangen, was man will. Hat man diese Gewissheit, empfehle ich, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Professionelle Begleitung empfand ich während des ganzen Prozesses unglaublich hilfreich, es ist wie ein Sicherheitsnetz, für den Fall der Fälle.

Bilder Yannik Marc Breitenstein


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