Identitätsbildung in Existenzangst – die Geschichte eines Flüchtlings

Jeden Freitag trainieren Schweizer und Afghanen zusammen Futsal. Dabei werden gegenseitige Vorurteile abgebaut, entstanden durch verschiedene kulturelle Hintergründe und Ereignisse, wie die Flucht aus dem Heimatland.

Ein langer Weg für Nemat von den Feldern Afghanistans bis in die Turnhalle in Zürich-Höngg.

Lautes Gepolter ertönt aus der Turnhalle Lachenzelg, irgendwo auf einem Schulareal in Zürich. Die beiden Mannschaften, das Team Afghanistan und die Sélection, machen sich für das allwöchentliche Training am Freitagabend bereit. Es geht ziemlich chaotisch zu und her, keiner ist wirklich an einem seriösen Aufwärmen interessiert. Vielmehr geht es darum, wer am härtesten mit dem Fuss gegen den Ball treten kann, weshalb sich die Halle in ein gefährliches Feld an herumfliegenden Geschossen verwandelt. Doch kaum gibt der Trainer zu erkennen, dass er nun seine Ansprache halten möchte, kehrt sofort Ruhe ein. Die Spieler nehmen auf den Bänken platz und das wild gemischte Geplapper aus Schweizerdeutsch und Persisch verstummt.

Nemats Geschichte

Eine Woche später treffe ich mich mit Nemat, dem Captain des Teams Afg- hanistan, zum Gespräch. Eigentlich hat er gar keine Zeit dafür; die Abschlussprüfungen für die Sekundarschule in zwei Wochen stehen an. Nemat ist ehrgeizig und möchte ein gutes Ergebnis schreiben, weshalb er jeden Tag nach den Lektionen in der Schule bleibt und lernt. Es ärgert ihn sehr, dass er in Deutsch nur in das zweithöchste Niveau eingeteilt worden ist. Denn wenn Nemat irgendwo nicht der Beste ist, wird er nervös.

Ich habe mich mit Nemat getroffen, um herauszufinden, wer er ist. Würde ich diese Exploration mit ei- nem Kommilitonen führen, käme wohl schnell die Frage nach der liebsten Freizeitbeschäftigung auf. Oder welche Studienrichtung denn gewählt wurde, vielleicht auch, was man im Zwischenjahr so alles erlebt hat. Nemat frage ich, wie er in die Schweiz geflüchtet ist.

Die Nacht ist dunkel in Afghanistan, fast keine Lichter erhellen die Umgebung. Nemat hält Wache und hat Angst. Angst vor Schüssen, Explosionen und Kampf. Er kennt die Geschichten über geköpfte Menschen und zerfetzte Leichen, die Bilder begleiten ihn täglich. Da die Taliban nah und die Afghanische Volksarmee fern sind, muss jede Familie im Dorf einen Kämpfer zur Verteidigung finanzieren. Nemats Eltern können diesen Betrag nicht aufbringen, sie sind arme Bauern mit einem kleinen Stück Land. Deshalb muss ein Familienmitglied selbst unter Waffen gestellt werden und da Nemat der älteste aller Geschwister ist, trifft es ihn. Er ist zwar noch nicht mal 18 Jahre alt, doch in Afghanistan hat man schnell erwachsen zu werden.

Flucht ins Ungewisse

In der zweiten Nacht hält es Nemat nicht mehr aus, die ständige Angst macht ihn verrückt. Er beschliesst zu fliehen und zwar sofort. Es ist kein von langer Hand geplanter Entscheid. Wer jeden Tag einen feindlichen Überfall erwartet und zusätzlich für die Ernährung der Familie schuftet, für den scheint eine Planung über den nächsten Tag hinausgehend wahnsinnig. Nemat läuft los und hält erst an, als er schon mehr als drei Stunden von seinem Dorf entfernt ist. Dort begegnet er einem entfernten Bekannten, der ihm sein Handy leiht, damit Nemat seine Eltern anrufen kann. Sie wissen, dass seine Entscheidung endgültig ist und wünschen ihm Gottes Segen.

Der Weg führt Nemat über Schotterpisten nach Pakistan, bis der Weg an der Grenze zum Iran endet. Im tiefsten Winter erklimmt er zu Fuss das Persische Plateau und reist dann in knapp einer Woche durch das ganze Land. Nur nachts, auf engstem Raum, den Kofferraum mit vielen anderen Flüchtlingen geteilt. Kurz vor dem Übertritt in die Türkei wird Nemat von der iranischen Polizei aufgegriffen und zurück nach Afghanistan deportiert. Ein herber Rückschlag, doch ans Aufgeben denkt er nicht. Mit dem zweiten Versuch sollte es schliesslich klappen, er erreicht die Türkei und reiht sich ein in den Strom von hunderttausenden syrischen Flüchtlingen.

Einer von Millionen

Sein Schicksal ähnelt nun den Geschichten wie sie sich seit 2015 millionenfach abgespielt haben: Mit dem Schlauchboot durch die Ägäis nach Lesbos, Überschiffung auf das griechische Festland und schliesslich über die Balkanroute nach Mitteleuropa. Eine nüchterne Zusammenfassung einer Reise voller Existenzängste und Befürchtungen, fast unmöglich nachzuvollziehen.

In der Schweiz landete Nemat durch mehrere Zufälle. Er war sich sicher, dass er nicht wie die meisten Flüchtlinge nach Deutschland gehen würde, zu unübersichtlich sei die Lage dort. Als er schliesslich durch Zufall ein Bild der Schweizerfahne sah, war sein Entschluss gefasst. Schon in Afghanistan kannte er die Hilfsorganisation das «Rote Kreuz» und da sich diese beiden Wappen sehr ähneln und er das IKRK in guter Erinnerung behielt, gelangte er schliesslich in die Schweiz.

Die ersten Monate in den Durchgangszentren seien schlimm gewesen, als er noch nicht arbeiten oder zur Schule gehen durfte. «Wenn du den ganzen Tag nichts zu tun hast, dann wirst du leer», sagt Nemat und tippt sich mehrmals an den Kopf. Schliesslich darf er in der Migros Klubschule einen Deutschkurs besu- chen und danach den Sekundarschul- abschluss nachholen. Nach den Prüfungen will er in einem Kurs unbedingt besser Programmieren lernen, Mathematik ist sein absolutes

Lieblingsfach. Diese Begabung hat ihm auch schon in seinen Anfangstagen in der Schule geholfen, als zwei Klassenkameraden sehr negativ ihm gegenüber eingestellt gewesen wäre. Als er ihnen dann beim Rechnen geholfen habe, hätte sich dies aber schnell geändert.

Identitätszuschreibungen

«Viele Leute haben ein schlechtes Bild von Flüchtlingen, obwohl nur vielleicht drei Prozent richtig schlimm sind», fügt Nemat an. Aber diese wenigen Prozent treten so präsent in den Medien oder auch bei- spielsweise am Hauptbahnhof auf, dass eine Differenzierung bei vielen Menschen fehle. «Wenn ich jedoch am Morgen mit dem Tram in die Schule fahre, dann merkt das keiner», meint Nemat. Es trifft ihn auch immer persönlich, wenn er mal wieder von der Polizei kontrolliert wird. Denn in diesen Momenten zeige dies das Grundmisstrauen direkt, welches ihm als Person von der Gesellschaft entgegengebracht wird. Und das nur, weil er halt ein bestimmtes Aussehen besitzt. Nemat findet deshalb Trainings wie beim Futsalteam Lachenzelg so wichtig, da ein Verständnis für den Anderen entsteht.

Doch auch auf Seite der Flüchtlinge existieren viele Vorurteile: «Am Anfang hatte ich schlechte Gedanken, wenn ich ein Mädchen und einen Jungen alleine auf der Strasse gesehen habe.» Es sei deshalb wichtig, von beiden Kulturen das Beste zu kombinieren, auch wenn diese Auseinandersetzung extrem schwierig wäre.

Flüchtlinge und Identität Thema Viele Leute in der Schweiz würden

Afghanistan nämlich nur mit Krieg und Leid verbinden, obwohl dort eine eigene, jahrtausendealte Kultur existiere. Diese Überheblichkeit wird mir selbst vorgeführt, als er meine nächste Frage so schnell beantwortet, dass es mich als anmassenden Schweizer fast schon beleidigt: «Wenn es keinen Krieg mehr gibt, kehre ich sofort zurück. Afghanistan ist meine Heimat.»

Das Training neigt sich dem Ende zu, die Spieler werden immer langsamer und man merkt, wie die Müdigkeit einsetzt. Fouls hat es praktisch keine gegeben, der Respekt voreinander ist gross. Schliesslich wird abgepfiffen und alle helfen, die Bälle einzusammeln und das Tor zu demontieren. Rolf Wiedmer, dem hier alle nur Hurti sagen, hat das Training geleitet. Schon seit mehreren Jahren trainiert er Flüchtlinge, vorher war er jahrzehntelang Sportlehrer an einer Sekundarschule. «Ein Sport wie Futsal ist ideal, um gegenseitigen Respekt zu lehren und Verständnis für die andere Kultur aufzubringen. Das hilft definitiv bei der Integration von Flüchtlingen.»

Mittlerweile haben sich alle umgezogen und man macht sich zum Aufbruch bereit. «Nächste Woche bringe ich afghanisches Essen mit, das müsst ihr unbedingt probieren», sagt Nemat und alle freuen sich auf das nächste Training.


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