Ist der Nationalstaat ein Auslaufmodell?

Der Nationalstaat als Bewusstseinsanker ist nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen einbetoniert – leider. Denn durch ihn zerfleischt sich der Mensch selbst.

Was ist ein Nationalstaat? Die Verfechter der Nationalstaaten fehlen meist darin, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Die Wahrheit ist für sie nicht leicht zu ertragen: Nationalstaaten sind nicht mehr als ein Haufen willkürlicher Grenzen. Die Grenzen auf der Landkarte sind dabei nur der kleinste Teil. Der grösste und schlimmste Teil der Grenzen sind diejenigen in unseren Köpfen. Mit Stacheldraht aus Gedanken wird gut von böse, heimisch von fremd getrennt und mit Wachhunden aus Nationalhymnen, Mythen und Armbrüsten beschützt.

Nur wenn es etwas «Fremdes» gibt, kann es auch etwas «Heimisches» geben. Ein Nationalstaat kann nur durch Abgrenzung bestehen. Während sich die Grenzen und mit ihnen die Denkmuster verfestigen, wird Abgrenzung zu Ausgrenzung. Wer am Flughafen nicht wie ein Irrer mit dem roten Pass wedelt, gehört nicht dazu.

So verkommt auch die vielbeschworene Verschränkung von Demokratie und Nationalstaat zur Farce. Denn wer hat in den nationalstaatlichen «Demokratien» etwas zu sagen? Nur «Schweizer» dürfen mitbestimmen. «Fremde» haben nichts zu sagen.

Ausländer sind böse. Ausländer sind fremd. Doch wie sind «die Schweizer»? Auf diese Frage wüssten vermutlich die meisten viele Antworten. Wie sind «die Deutschen»? Auch hier würde nicht lange gefackelt, von Bierkonsum und ungehobeltem Partyverhalten gesprochen. Genau das ist die Folge des Bewusstseinsankers Nation. Aufgrund eines Stücks Papier namens Pass werden Attribute zugeteilt. Doch was hat ein Schweizer mit seinen Landesgenossen gemein? Verbindet einen Schweizer Studenten nicht viel mehr mit einem Deutschen Studenten als mit einem Schweizer Bergbauern?

Menschen werden Menschen fremd

Nationales Denken treibt einen Keil zwischen die Menschen. Der Mensch wird dem Menschen fremd, auf eine Nationalität reduziert. Er wird zum Gefangenen der Grenzen in seinem Kopf. Doch wer hat sich seine Nationalität schon ausgesucht? Sind wir nicht in einem ähnlichen Denken verhaftet wie der Adel im Mittelalter? Früher hiess es: Durch Geburt werde ich König. Heute heisst es: Durch Geburt werde ich Schweizer. Beides heisst: Durch Geburt darf ich über andere bestimmen; Herrschaft als Ergebnis der Geburtenlotterie.

Die Menschen werden immer mobiler. Das Staatsvolk läuft dem Territorialstaat davon, die Wirtschaft giert nach Arbeitskraft aus aller Welt. Diese Entwicklungen werden für uns alle bestimmend sein. Denn wer von euch möchte später mal im Ausland arbeiten? Im Ausland leben? Aber wer möchte Ausländer sein?

Die Zeit ist reif für eine neue Form der gesellschaftlichen Organisation. Reaktionäre würden gern zurück in eine Zeit isolationistischer Nationalstaaten. Damals wie heute erzählen sie Ammenmärchen von der bösen, bösen Internationalisierung. Dabei haben sie vor lauter Träumen von «der guten alten Zeit» vergessen, dass weder die Gesellschaft noch ihre Zukunft statisch sind. Es gibt mehr als nur ein Erscheinungsbild neuer Gesellschaften. Lokale Selbstverwaltung wäre demokratischer als ein Nationalstaat es je sein könnte. Eine Welt ohne Nationalstaaten muss weder eine Welt im Chaos noch im Totalitarismus sein.

Keto Schumacher

Trotz Globalisierung ist die Nation als Bewusstseinsanker in den Köpfen der Menschen verankert geblieben. Nationale Identität ist kein Abstraktum. Sie lebt – mehr denn je.

Ich beginne damit, was ein Nationalstaat nicht ist: ein ethnisch homogener Staat, Blut und Boden, Stechschritt oder stehende Heere. Auch ist damit nicht Nationalismus gemeint, wie aktuell gegiftelt wird. Nationalstaat bedeutet Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt. Es bedeutet im Klartext, dass auf einem bestimmten, klar abgegrenzten Gebiet die Bürger über die zentralen Fragen, die sie betreffen, selbst bestimmen dürfen. Der Nationalstaat fokussiert sich also auf die Kernidentität des Volkes!
Heimatliebe heisst nicht Abschottung
Die glühenden Advokaten der «Global Governance» sehen dies natürlich anders. Sie setzen Heimat mit Hinterwäldlertum und Abschottung gleich. In einer Welt der Globalisierung, so teilen sie einem mit, sei das traditionelle Konzept des unabhängigen Nationalstaates obsolet geworden. Im Glauben an den Fortschritt und an eine mobile Bürgerschaft sollen unter dem Dach nachhaltiger Politikziele vielmehr globale Kooperationsmechanismen wirken, welche plurizentrische Transformationsansätze mit einer unvergleichlichen Gesamtdynamik in Bewegung setzen.

Je fremder die Wörter, desto erkennbarer der Unsinn. Die Strategie ist klar: Im tiefen Glauben an den Internationalismus soll in Zukunft – in kommunistischer Tradition – ein allwissender, internationaler Staat das Leben des einzelnen planen und lenken. Wer in einer Weltregierung auf demokratische Entscheidungsrechte hofft. soll einmal einen ernsthaften Blick auf heutige supranationale Gebilde wie EU, NATO oder UNO werfen. Hier werden die Fehldeutungen der entwurzelten Modernisten erst recht deutlich: Sie verkennen, dass Demokratie und zivile Gesellschaft untrennbar verbunden sind mit dem Nationalstaat. Die heutigen Bürgerrechte und Freiheiten wurden freilich aus ihm geboren.

Doch zum Glück geraten die hochfliegenden Pläne der Sozialromantiker langsam ins Stocken. Im Ernstfall bleibt das Völkerrecht wirkungslos und die UNO handlungsunfähig. Die Nationalstaaten wollen deshalb zu Recht Herr über ihre Angelegenheiten bleiben. Auch in der Schweiz merken die Internationalisten langsam, dass wir in einer Demokratie leben und leben wollen, in der Staatsform, in der das Recht sein Dasein im Geiste der Volksgemeinschaft, im nationalen Gesamtwillen hat – und nicht, wie empfohlen, im archaischen Geflecht von undemokratischen Strukturen.

Bürger im Mittelpunkt
Die internationale Linke diagnostiziert diese Entwicklung natürlich als grassierenden, aggressiven Nationalismus. Doch sie irrt. Es handelt sich im Gegenteil um eine heilsame Retourkutsche gereifter Demokratien. Die Zeit, in der die Menschen fromm den utopischen Visionen und eifrigen Worten der Linksnostalgiker lauschten, ist vorbei. Die Bürger wollen wieder im Mittelpunkt stehen. Emotionale Bindung an die Nation wird nicht mehr als Zeichen der Rückständigkeit gesehen. Sie wird vielmehr verstanden als freiheitlicher Schutzwall gegen die unter der Flagge des universellen Fortschritts marschierenden Totalitarismen unserer Zeit. Das ist richtig und gut so.

Matthias Müller

Bilder: Livia Eichenberger


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