Lernst du noch oder dopst du schon?

Ritalin polarisiert. Die einen sehen es als Traubenzucker 2.0, für andere gehört es ebenso wenig in den Hörsaal wie EPO zu einem fairen Radrennen. Es ist Zeit, dass sich prisma mit Novartis Verkaufsschlager befassen.

Der in Ritalin enthaltene Wirkstoff heisst Methylphenidat und ist aus chemischer Sicht ein naher Verwandter von Ecstasy und Speed. 1944 von Leandro Panizzon für Ciba-Geigy entwickelt, verdankt es seinen Handelsnahmen Panizzon’s Ehefrau Marguerite, welche alle «Rita» nannten. Sie war es auch, die bei einem Selbstversuch feststellte, dass der Arzneistoff positive Auswirkungen auf ihr Tennisspiel hatte; Panizzon hingegen war von der Wirkung eher enttäuscht. Als Ritalin Mitte der 50er-Jahre auf den Markt kam, wurde es rezeptfrei als Aufputschmittel verkauft. 1971 wurde Ritalin dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt und das Anwendungsfeld verschob sich weg von Krankheiten wie Depression und Schlafstörungen hin zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung ADHS.

In den 90er-Jahren nahm der Verkauf von Ritalin explosionsartig zu. Am stärksten in den USA, aber auch in Europa war dieser Trend spürbar. So hat sich zum Beispiel die verkaufte Menge in Deutschland in den letzten 20 Jahren mehr als verfünfzigfacht. Daneben ist die Tendenz erkennbar, dass Ritalin zusammen mit anderen «Smart Drugs» immer häufiger zur Leistungssteigerung missbraucht wird. Personen ohne ADHS kann das Medikament helfen, sich über längere Zeit besser zu konzentrieren, folglich erfreut es sich vor allem bei Studenten grosser Beliebtheit. Dass es auch für HSG-Studenten verlockend sein mag, zu Ritalin zu greifen, um somit tagelang büffeln zu können, erscheint plausibel. Schliesslich planen die meisten ihr Studium wohl kaum wie von Dr. Spoun empfohlen, sondern sparen sich die Arbeit bis kurz vor der Deadline auf. Einige sehen in Ritalin die logische Konsequenz der Leistungsgesellschaft und beschwören, dass es bei gestressten Hochschülern im Falle einer Legalisierung wohl bald so beliebt sein werde wie die Klassiker Kaffee und Red Bull.

Fokussiert und ausdauernd

«Die Wirkung ist für mich nicht klar definierbar, aber im Nachhinein stelle ich fest, dass ich viel effizienter gearbeitet habe», stellt ein HSG-Student fest, welcher Ritalin verschrieben bekommt, seit er 16 ist. Damals, im Gymnasium, hatte er aufgrund von Konzentrationsschwierigkeiten einen Arzt aufgesucht; eine schwache Form von ADHS wurde diagnostiziert. Der Student sollte morgens und mittags je eine Tablette zu 10 Milligramm nehmen. Mit der Zeit fing er jedoch an, Ritalin nicht mehr regelmässig, dafür aber in höheren Dosen zu nehmen, hauptsächlich in der Lernphase, oder wenn Arbeiten zu schreiben sind. Es helfe ihm dabei, fokussierter und ausdauernder zu sein – bei grundsätzlichen Motivations- oder Verständnisproblemen nütze es hingegen nicht wirklich.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum unser Student seine Konsumgewohnheiten geändert hat: aus Angst vor der Abhängigkeit. «Der Arzt hat mich zwar auf die Gefahren hingewiesen, aber ich nahm das damals nicht besonders ernst. Als mich jedoch Leute in meinem Umfeld warnten und ich einige Dokus über «Ritalin-Kids» gesehen habe, wurde mir bewusst, dass es sich um eine heikle Substanz handelt. Beim genaueren Studieren der laut Packungsbeilage möglichen Nebenwirkungen wurde mir fast übel. Eingetroffen ist glücklicherweise nichts davon, lediglich nervös fühle ich mich manchmal und bemerke, dass ich unkontrolliert rede. Das könnte jedoch daran liegen, dass ich zu wenig schlafe, wenn ich Ritalin nehme.» Seinen Konsum einstellen würde er, wenn es neue Erkenntnisse zur schädlichen Wirkung von Ritalin gäbe, oder beim Erkennen von Abhängigkeitsanzeichen. «Das würde aber heissen, dass ich auf den Endspurt verzichten und früher zu lernen anfangen müsste.»

Scheitern an Luhmann

Einen Kollegen packt schliesslich die Neugier und er entschliesst sich, einen Selbstversuch durchzuführen. Unser Versuchskaninchen gehört sonst eher zu jenen Studenten, die Facebook als Haupt- und Youtube als Nebenfach gewählt haben. Nun will er, über eine Woche verteilt, zwanzig Tabletten Ritalin zu 10 Milligramm einnehmen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl – schliesslich weist die Packungsbeilage auf mögliche Nebenwirkungen wie Haarausfall, unregelmässigen Herzschlag oder Wahnvorstellungen hin – schluckt er am Morgen die erste Tablette und macht sich auf den Weg in die Bib. Um das Potenzial als «Studi-Droge» zu testen, wählt er eine besonders garstige Lektüre aus: Luhmanns Systemtheorie – auf Englisch. Schon bald wird er ein erstes Mal enttäuscht; Luhmann, der schon in kleinen Mengen sauer aufstösst, mundet mit Ritalin garniert nicht viel besser. Auch sonst tut er sich schwer, die meisten Abschnitte des abstrakten Textes muss er mehrmals lesen. Allerdings gelingt es ihm, über mehrere Stunden zu lesen, ohne dabei den danebenstehenden Laptop auch nur anzufassen, ja sogar, ohne dauernd auf die Uhr zu schauen. Und nach einem masslos übertriebenen Lunch im «Tiebreak» schafft er es zügig wieder zurück zu seinem Lesestoff, den er, ohne die sonst gnadenlose Verdauungsmüdigkeit zu spüren, weiter bearbeitet.

Die folgenden Tage laufen ähnlich ab: Unser Proband besucht Vorlesungen und verbringt viel Zeit in der Bib. Er hat zwar nicht das Gefühl, viel aufnahmefähiger als sonst zu sein, lässt sich aber weniger ablenken und bemerkt ein gewisses Bedürfnis «etwas tun zu müssen». Gleichzeitig stellen sich bei ihm jedoch leichte Kopfschmerzen und Mundtrockenheit ein, zudem verspürt er einen unangenehmen Drang, um jeden Preis so effizient wie möglich zu arbeiten: Beim Schreiben eines Textes fühlt er sich weniger kritisch und kreativ als sonst. Er beschliesst, in Zukunft auf Ritalin zu verzichten.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Dass für Studenten die Rezeptpflicht von Ritalin kein grosses Hindernis darstellt, ist bekannt. Man erhält es von Bekannten mit ADHS, welche nach einer ärztlichen Diagnose praktisch problemlos durch die Krankenkasse bezahltes Ritalin beziehen können, wobei nicht kontrolliert wird, ob es tatsächlich eingenommen wird. Oder man bezieht es über dubiose Websites, welche die Medikamente aus einem nicht näher genannten ost-asiatischen Land in die ganze Welt versenden und, sogar eine kostenlose Ersatzlieferung leisten, sollte mal ein Paket vom Zoll beschlagnahmt werden. Jeder, der des Googlens mächtig ist, findet problemlos eine solche Seite. Ansonsten kann er sich die E-Mails, welche in seinem Spamfilter landen, mal etwas genauer anschauen. Davor, dass auf diese Art erworbene Medikamente jedoch grosse Risiken für die Gesundheit des unachtsamen Konsumenten bergen, da nur wenig Schutz vor Fälschungen oder schlechter Qualität besteht, wurde in den Medien in letzter Zeit häufig gewarnt. Aber auch der Konsum von «richtigem» Ritalin ist keineswegs harmlos, obwohl sich die Experten über die Gefahren uneinig sind. Besonders bei falscher Verwendung können unter anderem Depressionen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Herzrhythmusstörungen und Abhängigkeit auftreten. Zudem sind die Langzeitfolgen für Personen ohne ADHS weitgehend unerforscht. Es stellt sich die Frage, ob man bereit ist, diesen Preis zu bezahlen; ob man sich tatsächlich mittels einer Droge der Leistungsgesellschaft unterwerfen will, oder ob doch der Weg das Ziel ist. Letztlich muss diese Frage jeder selbst beantworten.

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